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COMPACT-Edition 1

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«Gute Beziehungen zu

«Gute Beziehungen zu Frau Merkel» _ Pressekonferenz während des G8-Gipfels in Heiligendamm am 6. Juni 2007 Der Spiegel: Herr Präsident, es hat den Anschein, dass Russland dem Westen nicht sehr wohlgesonnen ist. Unsere Beziehungen haben sich irgendwie verschlechtert. Und hier kann auch die Verschlechterung Ihrer Beziehungen zu Amerika erwähnt werden. Nähern wir uns wieder einem Kalten Krieg? Wenn es um internationale Beziehungen, Beziehungen zwischen Ländern geht, kann man kaum dieselbe Terminologie verwenden, die auf eine Beziehung zwischen Menschen zutreffen würde – insbesondere während ihrer Flitterwochen oder ihrer Vorbereitungen für den Gang zum Standesamt. Im Verlauf der Geschichte waren Interessen stets der wichtigste Organisationsfaktor für Beziehungen zwischen Staaten und in der internationalen Arena. Und je zivilisierter diese Beziehungen werden, desto deutlicher wird, dass die eigenen Interessen gegenüber den Interessen anderer Staaten ausgewogen sein müssen. Man muss dazu fähig sein, Kompromisse zu finden, um auch die schwierigsten Probleme und Angelegenheiten lösen zu können. 34 Eine der gegenwärtigen Hauptschwierigkeiten besteht darin, dass bestimmte Mitglieder der internationalen Gemeinschaft von der Richtigkeit ihrer eigenen Meinung völlig überzeugt sind, und selbstverständlich trägt dies kaum dazu bei, eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, die ich für unverzichtbar halte, wenn es um mehr als lediglich gegenseitig annehmbare Lösungen geht. Nämlich um das Finden optimaler Lösungen. Aber wir meinen auch, dass wir nicht alles übermäßig dramatisieren sollten. Wenn wir unsere Meinung offen, ehrlich und geradeheraus äußern, bedeutet es nicht, dass wir auf Konfrontation aus sind. Außerdem bin ich zutiefst davon überzeugt, dass die Wiederaufnahme ehrlicher Diskussionen und die Fähigkeit zu Kompromissen allen Mitgliedern der internationalen Arena zum Vorteil gereichen würde. Und ich bin ebenso davon überzeugt, dass es dann bestimmte Krisen, denen sich die internationale Gemeinschaft heute gegenüber sieht, nicht geben würde und diese keine so schwerwiegenden Auswirkungen auf die innenpolitische Lage gewisser Länder hätten. So würden die Vorgänge im Irak den Amerikanern beispielsweise keine so heftigen Kopfschmerzen bereiten. Dies ist das anschaulichste und deutlichste Beispiel, aber ich möchte, dass Sie mich verstehen. Und wie Sie sich erinnern werden, waren wir gegen ein militärisches Einschreiten im Irak. Wir denken heute darüber nach, dass eine Bewältigung der

Auf dem G8-Gipfel im Juni 2007 in Heiligendamm zeigten sich Angela Merkel und Wladimir Putin noch ausgelassen. Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung damaligen Probleme mit anderen Mitteln zu einem – meiner Meinung nach – besseren Ergebnis geführt hätte, als das, was wir heute sehen. Aus diesem Grund wünschen wir keine Konfrontation. Wir ziehen den Dialog vor. Aber wir möchten einen Dialog, der die Gleichberechtigung der Interessen beider Parteien berücksichtigt. Von Schröder zu Merkel Herr Präsident, der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hat Sie als reinen Demokraten bezeichnet. Halten Sie sich selbst auch dafür? [Lacht] Bin ich ein reiner Demokrat? Natürlich bin ich es, absolut. Aber ist Ihnen das Problem bekannt? Nicht nur ein Problem, sondern eine echte Tragödie? Das Problem besteht darin, dass ich allein dastehe, der einzige meiner Art auf der ganzen Welt bin. Betrachten Sie nur, was sich in Nordamerika ereignet. Es ist einfach schrecklich: Folter, Obdachlose, Guantanamo, Gefangene ohne Anklage und Ermittlungen. Sehen Sie sich die Ereignisse in Europa an: Brutale Behandlung von Demonstranten, Gummigeschosse und Tränengas, die in den Hauptstädten eingesetzt werden, auf den Straßen getötete Demonstranten. Um die nachsowjetische Ära gar nicht erst zu erwähnen. Hoffnung gaben lediglich die Leute in der Ukraine, aber sie haben sich jetzt restlos diskreditiert, und die Dinge entwickeln sich dort hin zu einer kompletten Tyrannei, Preisgabe der Verfassung und der Gesetze und so weiter. Es gibt seit dem Tod Mahatma Gandhis niemanden, mit dem ich reden könnte. 35

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