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COMPACT-Geschichte

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Beschreibung der Deutschen Geschichte

COMPACTGeschichte _ Die neuen Herren des Abendlandes Foto links: Der Palast der ehemaligen Kaiserpfalz Goslar. Die Anlage wurde bereits unter Heinrich II. begonnen und Ende 1050 unter Heinrich III. vollendet. Foto: Heribert Pohl, CC BY-SA 2.0, Wikimedia Bild rechts: Eduard Schwoiser (1826–1902) malte 1862 Heinrich IV. vor der Burg von Canossa und den auf ihn herabblickenden Papst Gregor. Bild: Eduard Schwoiser, Public domain, Wikimedia ser fand seine Verkörperung – neben der Papstkirche – im christlich-römischen Kaisertum, das sich in der Tradition Karls des Großen und der antiken Caesaren bewegte. Die deutschen Könige gewannen den Wettlauf um die Kaiserkrone gegen ihre Rivalen in Frankreich, Italien und Burgund Ende des 10. Jahrhunderts. Ihr Staat war wohl der festgefügteste, aber indem sie die Kaiserwürde erlangten, legten sie auch Ursachen für Spaltungen in Deutschland und den Verfall der zentralen Herrschergewalt. Die Staufer führten das Kaisertum zur Blüte – und in den Abgrund. Aber die seit 1138 regierenden, aus Schwaben stammenden Hohenstaufen führten das mittelalterliche Kaisertum zwar zu hoher Blüte, doch dann geradewegs in den Abgrund. Sie betrachteten sich zunehmend weniger als Deutsche Könige, denn als Römische Kaiser. 1157 taucht in einer Urkunde des allbekannten Friedrich Barbarossa erstmals der Begriff «sacrum imperium» (Heiliges Reich) auf. Das war eine offene Kriegserklärung an den Papst, denn wenn ein Reich aus sich heraus heilig war, wozu bedurfte es dann noch einer höchsten kirchlichen Legitimation? Offenbar glaubten sich die Staufer stark genug, nicht das Schicksal Kaiser Heinrichs IV. zu teilen, der seine papstfeindliche Gesinnung im Jahre 1077 durch den berüchtigten Gang nach Canossa sühnen musste. 24 Die inneren Organe Heinrichs III. (1016–1056) wurden in der Pfalzkirche von Goslar bestattet, dort findet man heute noch den Sarkophag (siehe Teilabbildung). Foto: Joachim Specht, Public domain, Wikimedia Die zentrifugalen Tendenzen der Kaisermacht, die Hinwendung zum Kraftzentrum der Mittelmeerwelt beschworen zugleich die Gefahr, den staatlichen Zusammenhalt des deutschen Volkes zu zerreißen. Italienfeldzüge und orientalische Kreuzfahrten verhinderten die Herausbildung eines kaiserlichen Machtzentrums in Deutschland, einfach weil sie zu viel an Menschen und Material kosteten. Während Frankreichs schrittweise Einigung von der Isle de France mit ihrer Hauptstadt Paris aus betrieben wurde und in England der Herrscher von London zugleich auch der Herrscher des Landes war, fehlte den Deutschen ein solch stetiger Prozess von innen her. Man sieht vielmehr, dass Einigungsbestrebungen stets von den Rändern des Reiches erfolgten, dass vor allem vom Norden (auf den Rom und Italien weniger Anziehungskraft ausübten) gelegentlich Versuche gemacht wurden, die Zentralgewalt zu stärken. Heinrich der Löwe gab ein, wenn auch von jeglichem Altruismus freies, Beispiel dafür. Schon zwei Jahre nach Antritt seiner Herrschaft zog Friedrich I. Barbarossa 1154 nach Italien. Das einzige, was er dort erreichte, war seine Kaiserkrönung am 18. Juni 1155. Heinrich der Löwe, mächtiger Herzog von Sachsen und Bayern, begleitete den Staufer und sah mit eigenen Augen, wie sinn- und fruchtlos der Kampf des Kaisers mit den oberitalienischen Stadtrepubliken war. Friedrichs Heere wurden auf fünf Italienzügen regelmäßig von der Malaria und den Langspießen der Mailänder dahingerafft. Höhepunkt der Blamage: Kaiser Rotbart musste 1168 als Holzknecht verkleidet über die Alpen fliehen. Heinrich dagegen baute seine Territorialherrschaft aus, förderte großzügig Handel und Gewerbe, ließ neue Städte gründen und Neuland im Osten erschließen. Als der rotbärtige Kaiser ihn Anfang Februar 1176 in Chiavenna kniefällig um militärische Hilfe für einen erneuten Italienzug bat, lehnte

COMPACTGeschichte _ Die neuen Herren des Abendlandes Heinrich ab – hochmütig, wie es seine Art war. Das vergaß ihm Friedrich nie, und bei nächster Gelegenheit verbündete er sich mit den neidvollen Standesgenossen des Löwen und ließ ihn 1180 absetzen und verbannen. Das Ganze erfolgte mit der Allerwelts- Begründung, «weil er die Freiheit der Kirche Gottes und der Edlen des Reiches schwer bedroht» habe. Vom enteigneten Vermögen seines Rivalen konnte Barbarossa nur sehr wenig profitieren, denn er musste seine adligen Helfershelfer entlohnen. Das relativ geschlossene Gebiet Heinrichs wurde unter den Gefolgsleuten des Kaisers verteilt. So verschwanden in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts die letzten noch existierenden großen Stammesherzogtümer. Friedrich II. verkörperte ein multikulturelles, kein deutsches Reich. Die territoriale Zersplitterung Deutschlands war nicht mehr aufzuhalten. Schon 1156 erhielt der Babenberger Heinrich Jasomirgott die Markgrafschaft Österreich, welche zum Herzogtum erhoben und aus dem bayerischen Stammesverband herausgelöst wurde. Nach dem Sturz Heinrichs des Löwen verminderte Kaiser Friedrich I. das Herzogtum Bayern um die Steiermark und Kärnten. Die Zerstückelung des Südens war zwar nicht so erheblich wie jene des Nordens, aber indem die Staufer aus dem ehemaligen Stammesherzogtum Bayern vier selbständige Gebiete (Bayern, Österreich, Kärnten und Steiermark) formierten, legten sie den Grundstein für das Entstehen zweier oft gegensätzlicher politischer Kernräume, als deren Zentren sich im 15. Jahrhundert München und Wien herausbildeten. Im Norden entstand aus Heinrichs des Löwen stolzem Reich ein territorialer Flickenteppich bestehend aus Braunschweig, Mecklenburg, Pommern, Anhalt, Jülich, Cleve, Berg und Holstein. Was Barbarossa indes nicht erreichte, war sein Ziel, die Reichsgewalt in Ober- und Mittelitalien wiederaufzurichten. Sein letzter Kriegszug dorthin bescherte ihm eine verheerende Niederlage und der auf seine alten Tage fromm gewordene Monarch beschloss, lieber einen Kreuzzug in den Orient zu unternehmen – weit, weit weg von Deutschland. In einem kleinasiatischen Gebirgsfluss ereilte ihn 1190 der Tod, und seine Erben trieben es nicht viel besser. Friedrichs Sohn, der nah am Wahnsinn agierende Kaiser Heinrich VI., der sich selbst als «Caesar» und «Hammer der Erde» titulierte, starb schon 1197 im süditalienischen Messina. Rotbarts Enkel Friedrich II. blieb es vorbehalten, des Reiches Macht und Herrlichkeit zur Posse zu entwürdigen. Dass Friedrich II. («ein Gegenstand des Staunens und Schreckens der Welt») seine Residenz an die äußerste Peripherie, in die sizilianische Stadt Palermo, verlegte, war ein Vorgang von symbolischer Tragweite. Dem Staufer, aufgewachsen in einer arabisch-jüdisch-byzantinisch-normannischen Mischkultur, der sich als eine Art levantinischer Kosmo- Freund der Muslime «Der Stauferkaiser Friedrich II. siedelte seine sarazenischen Soldaten, die ihn gegen den Papst schützten, und deren Familien in der apulischen Stadt Lucera an. Die neue Kolonie stand unter direktem kaiserlichen Schutz. In Lucera Saracenorum, das 1234 das Stadtrecht erhielt, konnten die Muslime nach eigenen Gesetzen leben und ihre Religion praktizieren. Wie sehr ihm die Stadt am Herzen lag, belegt die Tatsache, dass er den normannischen Staatsschatz seiner Vorfahren hierhin verlegen ließ. Der Chronist Dschamal ad- Din hinterließ die folgende Beschreibung Luceras: ”Die Bevölkerung der Stadt ist durch und durch muslimisch. Das Freitagsfest wird ebenso begangen, wie andere muslimische Bräuche befolgt werden.” Aus seinem muslimischen Gefolge suchte sich der Kaiser neben den Soldaten der Leibwachen manchen Gelehrten, Mathematiker und Kämmerer. Die dortigen Handwerker verstanden sich in der Anfertigung der berühmten Damaszenerklingen.» (aus: COM- PACT-Magazin 2/2011) Castel del Monte, die bekannteste Festung Friedrichs II.. Foto: Franz Xaver, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Barbarossas Kniefall vor Heinrich dem Löwen malte Hermann Wislicenus (1825–1899) für den Reichssaal der Goslaer Kaiserpfalz. Bild: picture alliance / akg-images / Schadach 25

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