Aufrufe
vor 3 Monaten

COMPACT-Geschichte

  • Text
  • Otto
  • Deutschen
  • Reich
  • Deutschland
  • Deutsche
  • Friedrich
  • Domain
  • Compactgeschichte
  • Kaiser
  • Heinrich
Beschreibung der Deutschen Geschichte

COMPACTGeschichte _ Freie Wahlen – aber nur für sieben Männer Karl IV. (1316–1378) zählt zu den bedeutensten Kaisern des Spätmittelalters. Bild: Public Domain, Wikimedia Die Wahl des Königs wurde per Gesetz festgelegt. Bild links: Der etwa 1340 erschienene Codex Balduineus enthält die erste überlieferte Darstellung der sieben Kurfürsten: Die Erzbischöfe von Köln, Mainz und Trier, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und der König von Böhmen wählen Heinrich III. Bild: Public Domain, Wikimedia Bild rechts: Rudolf I. von Habsburg, dargestellt von Ludwig Minnigerode (1847–1930). Bild: Public Domain, Wikimedia dem Marchfeld nördlich von Wien Schlacht und Leben. Rudolf verlieh daraufhin seinen beiden Söhnen aus Ottokars Erbmasse die Steiermark, Österreich sowie Krain (ein Teil des heutigen Kroatien) und erwarb so für seine Dynastie eine ansehnliche Hausmacht. Die Begriffe Habsburg und Österreich waren für die nächsten sechs Jahrhunderte identisch. Dass die Kurfürsten es Rudolf gestatteten, seinen Besitzstand derartig zu erweitern, hing mit Zugeständnissen zusammen, die ihnen der König machen musste. So sicherte er beispielsweise 1289 König Wenzel von Böhmen die erbliche Kurwürde zu. Nach dem Tod Rudolfs am 15. Juli 1291 ließen sich die Kurfürsten zehn Monate Zeit, ehe sie einen neuen König wählten. Ein Habsburger sollte es auf keinen Fall wieder werden, denn diese Familie schien schon zu mächtig. Also wanderte die Krone während der folgenden 150 Jahre von einem Fürstenhaus zum anderen. Unter den Herrschern finden sich Romantiker wie der Luxemburger Heinrich VII., Haudegen wie Ludwig der Bayer, Gelehrte wie Karl IV., Trottel wie Wenzel von Böhmen oder schlichte Nullen wie Adolf von Nassau oder Ruprecht von der Pfalz. Ab 1438 blieb die Kaiserwürde dann für sehr lange Zeit dem Hause Habsburg, was freilich riesige Bestechungssummen an die Kurfürsten kostete, so dass der Kaiser zu Wien fast immer dicht vor dem finanziellen Bankrott stand. Das 14. Jahrhundert erlebte einen ersten Höhepunkt des Ausbaus fürstlicher Landesherrschaft. Obwohl Kaisertum und Reich nach wie vor feste Größen im Bewusstsein der Deutschen waren und den zentralen politischen Bezugsrahmen darstellten, spielten sich die entscheidenden gesellschaftlichen Entwicklungen in den einzelnen Territorien ab. Die Wittelsbacher in Bayern, die Wettiner in Sachsen, die Zähringer in Baden, die Askanier in Braunschweig und die Grafen von Württemberg etablierten sich als Erbdynastien ihrer Länder. Natürlich gab es innerhalb dieser Gebiete immer wieder territoriale Verschiebungen, Erbteilungen und so fort, doch selbst der Kaiser konnte diesen Landesherren ihren Besitz nicht mehr ernsthaft streitig machen. Die Vornehmsten unter ihnen nahmen das Privileg für sich Anspruch, den König/ Kaiser zu wählen oder zu küren, wie man damals sagte. Die Institution des deutschen Kurfürstenkollegiums war einzigartig in Europa. Dabei griff man auf die germanische Tradition der Königswahl zurück. In den ersten Jahrhunderten des Mittelalters wurde diese Wahl von den gesamten geistlichen und weltlichen Reichsfürsten vollzogen; unter ihnen hatte nur der Erzbischof von Mainz, gewissermaßen als Wahlleiter, ein Vorrecht. Im Sachsenspiegel, einem Gesetzeskodex von 1224, werden erstmals jene Reichsfürsten genannt, die ein Privileg bei der Königskur besitzen. Seit 1273 wurde diese Wahl ausschließlich von sieben Kurfürsten (drei geistlichen und vier weltlichen) vorgenommen: ■■ ■■ ■■ ■■ ■■ ■■ ■■ der Erzbischof von Mainz als Erzkanzler des Reiches, der Erzbischof von Köln als Erzkanzler für Italien, der Erzbischof von Trier als Erzkanzler für die linksrheinischen Gebiete, der Herzog von Sachsen als Erzmarschall, der Markgraf von Brandenburg als Erzkämmerer, der König von Böhmen als Erzschenk und der Pfalzgraf bei Rhein als Erztruchsess. 30

In ihre Entscheidungen ließen die Kurfürsten sich vom Papst immer weniger hineinreden. Nach der Wahl des Wittelsbachers Ludwig IV. schrieben sie 1318 selbstbewusst an Papst Johannes XXII., der nachträglich Widerspruch eingelegt hatte: «Ludwig ist durch die Wahl der Kurfürsten rechtmäßiger Römischer König. Das Urteil des Papstes ist ungerecht und nichtig, weil ein durch die Mehrheit der Stimmen erwählter König seine Gewalt unmittelbar von Gott hat, zur rechtmäßigen Ausübung derselben einer Bestätigung des Papstes nicht bedarf, sondern durch die Wahl der Kurfürsten von Recht und Gewohnheit wegen den Titel eines Königs und Kaisers und die Reichsregierung erlangt.» Der Papst war entsetzt: «Recht und Gewohnheit» über seinen apostolischen Segen zu stellen, das war unerhört, oder anders formuliert «auf gut Deutsch gesagt». Auf dem Reichstag zu Nürnberg erließ Kaiser Karl IV. am 10. Januar 1356 ein Gesetz, welches die Königswahl sowie die Rechte der Kurfürsten erstmals schriftlich und verbindlich regelte. Das nach seiner Siegelkapsel «Goldene Bulle» genannte Dokument enthielt neben einigen formellen Bestimmungen (Wahlort Frankfurt am Main, Mehrheitsprinzip, Zahl von sieben Kurfürsten, Ablauf der Stimmabgabe, Zeitlimit von 30 Tagen bis zur Entscheidung) gewichtige politische Festlegungen. Die Kurfürsten erhielten unbeschränkte Gerichtsgewalt in ihren Territorien, welche für unteilbar erklärt wurden. Königliche Hoheits- und Nutzungsrechte (Regalien) wie das Bergbau-, Münz-, Salzund Zollregal fielen an die Kurfürsten. Jede Art freier Vereinigungen, wie etwa Ritterbruderschaften oder Städtebünde, waren hinfort verboten. All das stellte zwar keine wesentliche Änderung bisher geübter Rechtspraktiken dar, aber mit der «Goldenen Bulle» wurde ein in Jahrhunderten gewachsenes Recht einheitlich zusammengefasst. Die deutschen Kurfürsten ignorierten Rom und den Papst. Obwohl das Gesetz Karls IV. nominell bis 1806 Gültigkeit besaß, hielt man sich nicht immer daran. Insbesondere das Verbot von Bündnissen war nur schwer durchzusetzen. Die Fürsten wollten dadurch ihre Macht auf zwei von ihnen noch unabhängige Gewalten, Stadtbürgertum und freie Ritterschaft, ausdehnen. Doch namentlich die großen Städte setzten den Landesherren erbitterten Widerstand entgegen. Augenfälliges, in Balladen gefeiertes Beispiel dafür ist Graf Eberhard der Greiner von Württemberg, der sich mehr als 30 Jahre mit dem Schwäbischen Städtebund (u. a. Augsburg, Ulm, Heilbronn, Regensburg, Konstanz, Reutlingen) sowie den aufsässigen Rittern der «Schlegelbruderschaft» auseinandersetzen musste. Die Schlacht auf dem Marchfeld 1278 zwischen Rudolf I. von Habsburg und Ottokar II. gilt als eine der größten Ritterschlachten Europas. Gemälde von Julius Schnorr von Carolsfeld (1794–1872) aus dem Jahr 1838. Bild: picture alliance / akg-images Die Goldene Bulle, Anfangsseite. Bild: Public Domain, Wikimedia 31

© COMPACT-Magazin GmbH 2016 Alle Rechte vorbehalten

   Mediadaten  /  Datenschutz  /  Impressum  /  Kommentarregeln  /  Nutzungsbedingungen  /  Widerruf