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COMPACT-Geschichte

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Beschreibung der Deutschen Geschichte

COMPACTGeschichte _ Eine deutsche Idee spaltet Europa 36 Vor dem Reichstag zu Worms verweigerte Martin Luther am 17./18 April 1521 den Widerruf seiner Thesen. Sein angeblicher Ausruf «Hier stehe ich. Gott helfe mir. Ich kann nicht anders» ist jedoch eine Legende. Gemälde von Hermann Wislicenus um 1880. Bild: picture-alliance / akg-images Martin Luther sprach deutsch und schaute «dem Volk aufs Maul». berühmten Wittenberger Thesen über den Ablasshandel von 1517 nur ein Anfang. Wichtiger noch: Luther sprach deutsch statt Latein, schrieb deutsch, übersetzte die Bibel in seine Muttersprache. Es entstand eine neue Verkehrssprache, die es an Ausdrucksfähigkeit jederzeit mit dem Latein der gebildeten Schichten aufnehmen konnte. Seine Überzeugungen publizierte Luther bis 1521 in drei über den gesamten deutschen Sprachraum verbreiteten Reformschriften: Von der Freiheit eines Christenmenschen, Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche und An den christlichen Adel deutscher Nation. Darin verwarf er den Unfehlbarkeitsanspruch der katholischen Kirche und entwarf eine neue, individuelle Glaubenslehre. Die Kirche bedarf demnach keines geistlichen Oberhauptes, da sie von Gott allein regiert wird. Zugleich rief Luther zum Kampf gegen die Lasterhaftigkeit und Geldgier des römischen Klerus auf und forderte die Verstaatlichung seines Eigentums, die Aufhebung der Klöster und Mönchsorden sowie die Reformierung und Verweltlichung des Bildungswesens. Solche Ideen trafen im Reich auf breite Zustimmung. Denn stärker noch als unter der territorialen Zersplitterung, beschwerlichen Frondiensten und Leibeigenschaft litt das deutsche Volk eingangs des 16. Jahrhunderts unter der unersättlichen Geldgier und geistigen Bevormundung durch die römisch-katholische Kirche. Raffend und Pfründe schluckend hatte sich die vom Papst repräsentierte Geistlichkeit zu einer regelrechten Landplage entwickelt. Die enge Verfilzung von geistlichem und weltlichem Anspruch der Kurie war zu einem Ärgernis geworden. Eine betont romfeindliche Stimmung breitete sich quer durch alle Stände und Schichten in Deutschland aus. Parallel dazu keimte im Land mit der von Italien ausgehenden Renaissance und dem Wirken der von ihr angeregten deutschen Humanisten wie Ulrich von Hutten oder Erasmus von Rotterdam ein kulturelles Nationalbewusstsein auf. Hutten hatte sich übrigens als Student 1516 in Italien mit fünf französischen Adligen duelliert und einen von ihnen zur Hölle geschickt, weil sie die Deutschen beleidigten und ihren Kaiser Maximilian I. verspotteten. Das Beschimpfen der Deutschen übernehmen heute einheimische Medien und die Huttens sind längst ausgestorben. Vor 500 Jahren entstand die Reformation als nationale Bewegung, die ihren Zusammenhalt aus der allgemeinen antirömischen Tendenz im Lande schöpfte. Dies war freilich auch «das größte Abenteuer, das die Deutschen je unternommen haben», wie der Franzose Bernard Nuss schreibt. Denn

COMPACTGeschichte _ Eine deutsche Idee spaltet Europa Luther und seinen Anhängern drohten nicht nur blutige Sanktionen seitens der Kirche und der sie stützenden Staatsmacht, es drohte ihnen auch der Verlust ihrer ewigen Seligkeit. Was heute eher gering wiegt, war damals entscheidend. Wenn Menschen, die im Glauben an die alleinseligmachende Kraft der Kirche erzogen sind, sich von ihr abwenden, um auf anderen Wegen das Seelenheil zu erlangen, dann folgte darauf die Höllenstrafe. Und diese Hölle stellte für die Individuen des beginnenden 16. Jahrhunderts noch ein höchst reales Phänomen dar, das ihnen bildhaft als Ort unerträglicher Qualen präsent war. Ritter und Bauern stritten gemeinsam um Rechte und Freiheiten. Natürlich standen auch Fraktionsinteressen bei der Reformation im Vordergrund. Viele Fürsten erhofften sich die Vermehrung ihres Reichtums und ihrer Macht durch die Enteignung des Kirchenbesitzes. Der alte Ritteradel strebte nach der Restauration mittelalterlicher Zustände und einem geeinten Reich ohne ausländische Einmischung. Das Bürgertum wollte sich aus der Vormundschaft der Kirche befreien und die armen Bauern sahen in Luthers Lehre den Aufruf zum Kampf gegen kirchlich-feudale Unterdrückung. Diese verschiedenen Gruppierungen, anfangs noch im «Los von Rom»-Ruf vereint, sollten allerdings in der Folgezeit bald gegeneinander antreten. Die Reformation entwickelte eine Eigendynamik, die von Luther nicht mehr mitgetragen wurde. Sein Reformziel war die geistige Befreiung; die weltlichen Herrschaftsgrundlagen stellte er nicht in Frage. In den Fürsten sah er vielmehr sein Vollzugsorgan. Bald nach der Wittenberger Initialzündung drohte die Reformation, aus dem Ruder zu laufen. 1522 erhoben sich Ritter und Kleinadel gegen die Landesfürsten. In den folgenden Kämpfen kam es manchmal zu Bündnissen zwischen Ritterschaft und Bauern, dafür stehen Namen wie Florian Geyer und Götz von Berlichingen, Letzterer durch Goethes frei erfundenes Zitat weltberühmt geworden. Mit dem Zug Franz von Sickingens gegen Trier 1522 erreichte die Rebellion der Ritterschaft ihren Höhepunkt. Sickingen wurde geschlagen und fand ein Jahr später in seiner von Fürstenheeren belagerten Burg den Tod. Im selben Jahr starb auch Ulrich von Hutten, die geistige Führungsperson der Reichsritter. Nach der Niederlage des Kleinadels kam es 1524/25 zum Bauernkrieg. Es war keine deutschlandweite Bewegung, denn den Bauern ging es nicht überall gleich schlecht. Die Hochburgen des Aufstandes lagen in Schwaben und Franken, wo man als zentrale Forderung die Aufhebung der Leibeigenschaft durchsetzen wollte. Das Gebiet von Thüringen wäre wohl verschont geblieben, denn hier gab es kaum Leibeigenschaft und auch die Abgabenlast an die Feudalherren war vergleichsweise gering. Aber ausgerechnet in Thüringen ergriff mit Thomas Müntzer ein Prediger das Wort, der vielen Menschen den Himmel schon auf Erden versprach. Müntzer, von der DDR-Geschichtsschreibung zum Säulenheiligen verklärt, war einer jener Dogmatiker, die man regelmäßig in Revolutionen nach Blut und Der junge Karl V. (um 1500–1558). Porträt von Bernard van Orley, nach 1515. Bild: Public Domain, Wikimedia Foto links: Lutherzimmer auf der Wartburg. Foto: Alexander Hauk / www.bayernnachrichten.de, Wikimedia Bild rechts: 1529 konnte sich Wien mithilfe von Truppen des Reiches gegen das osmanische Heer unter Sultan Süleyman dem Prächtigen behaupten. Gravur aus der Germania von Johannes Scheer, 1879. Bild: picture alliance / The Holbarn Archive/Leemage 37

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