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COMPACT-Geschichte

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Beschreibung der Deutschen Geschichte

COMPACTGeschichte _ Geburtsstunde des armen Michel Johann T‘Serclaes von Tilly, der Schlächter von Magdeburg, war Oberbefehlshaber der Katho lischen Liga und des kaiserlichen Aufgebots. Stich von Pieter de Jode dem Älteren um 1630. Bild: Pieter de Jode II, Public domain, Wikimedia Bild links: Im Mai 1631 wurde Magdeburg durch kaiserliche Truppen unter Tilly und Pappenheim vollständig verwüstet. Hier auf einem Gemälde von Eduard Steinbrück aus dem Jahr 1866. Bild: Public Domain Foto rechts: Der Alte Königspalast in Prag war Schauplatz des Fenstersturzes 1618. Foto: Sarah and Jason, Wikimedia, CC BY-SA 2.0 Religionsgrenze oft mitten durch Städte und Länder. Vereinfacht gesagt: Norddeutschland war im Wesentlichen evangelisch, Süddeutschland (außer Württemberg) katholisch. Natürlich war die Religionsfrage vorrangig Ausdruck wechselnder politisch-ökonomischer Interessen, aber man sollte sich hüten, sie geringzuschätzen. Belange des wahren christlichen Glaubens beschäftigten sowohl die Gelehrten, wie die einfachen Menschen des 17. Jahrhunderts intensiv. Religiöse Postulate waren die Vorläufer späterer ideologischer Parolen, um deren Wirksamkeit wir Deutschen nur zu genau wissen sollten. Die auf den Scheiterhaufen der Inquisition brennenden Ketzer gelangten dorthin nicht aus wirtschaftlichen oder handelspolitischen Erwägungen, sondern aus religiösen Motiven. Zur Wahrung ihrer bedrohten Interessen schlossen sich die protestantischen Staaten Deutschlands im Mai 1608 zur Union zusammen, einem Schutz- und Trutzbündnis gegen den Habsburger- Kaiser zu Wien. Ein Jahr später wurde als Gegengewicht die katholische Liga ins Leben gerufen, zusammengekittet durch spanisches Gold aus Südamerika und die geschickte Rabulistik der Jesuiten. Das Programm der Ligisten unter Führung des Kurfürsten Maximilian von Bayern hieß: gesamteuropäische Gegenreformation, zuerst und zuvörderst in Deutschland, wo mit Martin Luther die protestantische Bewegung ihren Ausgang genommen hatte. Böhmen zählte damals noch zum Deutschen Reich und war direkt dem Kaiser unterstellt. Dort, in der Heimat der aufmüpfigen Hussiten, sollte ein Exempel statuiert werden; kaiserliche Beamte drangsalierten die Andersgläubigen, man ließ evangelische Kirchen schließen und behinderte den Gottesdienst. Auf einen Vorwand wie den Prager Fenstersturz wurde geradezu hingearbeitet. Die Verhältnisse in Böhmen eskalierten 1618 schnell. Die Stände setzten den Kaiser kurzerhand ab und wählten sich einen eigenen König, den Pfalzgrafen Friedrich. Bereits 1619 begann an der Peripherie des Reiches das Morden und Schlachten zwischen Tschechen und Spaniern, Ungarn und Italienern, gelegentlich waren sogar schon Deutsche dabei. Auf sie ergoss sich die Schale des Zorns allerdings erst ab 1621. Der Kaiser wollte gegen die rebellischen Hussiten in Böhmen ein Exempel statuieren. Über den Dreißigjährigen Krieg ist unendlich viel geschrieben worden. Misst man die Fülle der Ereignisse am Ergebnis des Ganzen, so lohnt es kaum, das militärische Kreuz- und Querziehen näher zu betrachten. Wer da auf wen schoss, stach und hieb, wer mit wem Bündnisse schloss und sie wieder annullierte, vermag allenfalls Spezialisten zu interessieren. Dass es dabei am wenigsten um deutsche Belange ging, zeigt schon die Periodisierung des Krieges in einen böhmischen (1618 bis 1623), dänischen (1625 bis 1630), schwedischen (1630 bis 1635) und französischen (1635 bis 1648). 42

Die «Heldentaten» eines Tilly, Banér, Mansfeld, Werth, Pappenheim, Bernhard von Weimar und anderer Söldnerführer solchen Schlages sind ein unerquickliches Kapitel voller Blut, Qual und Wehgeheul. Was die deutsche Zivilbevölkerung erleiden musste, spottet jeder Beschreibung. Stellvertretend für zahlreiche Berichte sei hier aus der Chronik des protestantischen Pfarrers Johann Daniel Minck aus Groß-Bieberau in Hessen zitiert.1634 notierte der Pastor: «Kein Mensch durfte sich auf dem Land blicken lassen, ihm wurde nachgejagt wie einem Wild, er wurde ergriffen, unbarmherzig geschlagen, nackt an den heißen Ofen gebunden, aufgehängt, mit Wasser und Jauche getränkt, welches die Soldaten den Leuten aus Zubern in den Mund schütteten und mit Füßen auf ihren angeschwollenen Bäuchen herumsprangen.» Wenn zu diesen Schrecknissen noch der häufig unvermeidliche Nahrungsmangel trat, dann boten sich Bilder des Entsetzens. Johann Daniel Minck berichtete aus dem Jahr 1635: «Durch diesen Hunger ging es vielen Leuten so schlecht, dass sie nichts als Haut und Knochen waren. Die Haut hing ihnen am Leib wie ein Sack, sie waren ganz schwarz-gelb, mit geweiteten Augen, krätzig, aussätzig, dick geschwollen und fiebrig, so dass es einem grauste, sie anzuschauen.» Die beiden einzigen Charaktere dieses geharnischten Zeitalters, Wallenstein und Gustav Adolf von Schweden, starben, als der Krieg erst seine Halbzeit erreichte; was danach folgte, war nurmehr grausamstes Räuberspektakel. Am Ende erwischte es sogar Brandenburg-Preußen, dessen Kurfürst Georg Wilhelm sein Land mit Hilfe abenteuerlichster Schaukelpolitik immerhin zwölf Jahre vor dem Schlimmsten bewahren konnte. Kein deutsches Land blieb verschont, abgesehen von einer Ausnahme. Im äußersten Nordwesten wohnten an der Ems die Ostfriesen, freie und stolze Bauern von alters her, die noch bis 1454 von Häuptlingen regiert wurden. Ihr Land, Jahrhunderte später unerschöpflicher Lieferant diskriminierender Witzeleien, entging der Kriegsfackel. Viele Deutsche wären damals freudig Ostfriesen geworden. Eine furchtbare Blutspur voll Qual und Wehgeheul zog sich durch drei Jahrzehnte. Stattdessen sahen sich die Bewohner Deutschlands eingewebt in einen bunten Flickenteppich von unterschiedlichsten Hoheitsgebieten. «Ein Monstrum» nannte es der zeitgenössische Staatsrechtslehrer Samuel Pufendorf. Dass Deutschland 1648 aus mehr als 300 verschiedenen Territorien bestand, kann man in nahezu allen Geschichtsbüchern lesen. Jeder Historiker hat diese Zahl getreulich vom anderen abgeschrieben. Tatsächlich waren es genau 247 Länder und Ländchen, immer noch eine unglaublich hohe Zahl. Zu ihnen gehörten lächerlich winzige Gebilde wie das Fürstentum Ratzeburg, die Grafschaften Lingen und Rappolt- Beim Prager Fenstersturz wurden die königlichen Statthalter Jaroslav Borsita Graf von Martinitz und Wilhelm Slavata sowie Kanzleisekretär Philipp Fabricius ins Freie befördert. Gemälde von Wenzel von Brozik (1851–1901) aus dem Jahr 1889. Bild: picture-alliance / akg-images Wallenstein, eigentlich Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein, (1583–1634). Kupferstich eines unbekannten Meisters, etwa 1625. Bild: Public Domain, Wikimedia 43

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