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COMPACT-Geschichte

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Beschreibung der Deutschen Geschichte

COMPACTGeschichte _ Geburtsstunde des armen Michel 44 Die Belagerung Magdeburgs (1631). Zeitgenössische Darstellung von Pieter Meulener (1602–1654). Bild: Erik Cornelius / Nationalmuseum, Public Domain, Wikimedia Die Deutschen wurden damals ihrer Identität beraubt. stein, die Herrschaften Blieskastel und Hohenwaldeck, die Freien Reichsstädte Biberach, Leutkirch, Überlingen, die Abteien Cornelismünster und Ochsenhausen, die Propstei Ellwangen… Das Deutsche Reich war zur absoluten politischen Ohnmacht verurteilt und hatte auf allen Gebieten verloren. Aus einem Land, das einst die Vorkämpfer der bürgerlichen Emanzipation stellte, war die Magd Europas geworden. Der Verlust an Menschen während des Dreißigjährigen Krieges lässt sich unmöglich exakt berechnen. Als Beispiel sei die Grafschaft Württemberg genannt, wo 1634 etwa 320.000 Einwohner lebten – am Ende des Krieges waren es noch ganze 48.000! Das reiche Augsburg schmolz von nahezu 100.000 auf 18.000 Einwohner. Manche Städte, wie Magdeburg 1631, sanken vollständig in Trümmer. Das Land war so wüst und leer, dass der Kurfürst von Sachsen vor den Toren Dresdens Wölfe und Bären jagen konnte. In der Rheinpfalz, in Hessen, Ostschwaben, Thüringen, Mecklenburg und Pommern betrugen die Bevölkerungsverluste zwei Drittel des Standes von 1618. Schwerwiegender als alle materiellen Einbußen, die sich von den bekanntermaßen fleißigen Deutschen wieder wettmachen ließen, wogen die geistigen Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Staatliche Ordnung, Verwaltung und Rechtspflege lagen darnieder, Sprache, Sitte und Kultur – einst Vorbild für ganz Europa – befanden sich in Auflösung. Man suchte Ersatz und fand selbigen im Ausland. Frankreich vor allem wurde das Vorbild in Kunst, Mode, Baustil, Vergnügungen. Ein Zeitgenosse klagte, dass man «die Affengebärden, Schlaraffenkleider und leichtfertigen Unarten täglich in Sitten, Zeremonien, Gastmählern, Sprache und Kleidung samt der Musik nachahmt.» So wie heutzutage jedwede Art und Unart aus den USA. Deutsch galt nur noch als Umgangssprache der Ungebildeten und Unterprivilegierten: «Wer nicht Französisch kann, Ist kein berühmter Mann; Drum müssen wir verdammen, Von denen wir entstammen.»

COMPACTGeschichte _ Geburtsstunde des armen Michel Unser Hiroshima Es ist schon verwunderlich genug, dass während des Krieges ein gefühlvolles Gedicht wie Simon Dachs Ännchen von Tharau geschrieben wurde. Nach 1648 war dergleichen vergessen, stattdessen herrschten Ungeschmack und Schwulst. Ein wissenschaftliches Genie wie der Astronom Johannes Kepler konnte man sich in dieser Zeit gleich gar nicht vorstellen. Dafür nahmen Aberglauben und Hexenwahn einen ungeahnten Aufschwung. ten immer steifer, die Anreden immer schwülstiger. Die extreme Kleinstaaterei mit ihren Paragraphen, Grenzen und Zollschranken verformte den Geist der Deutschen zum Provinzlertum. Der arme Michel mit seinem Kirchturmhorizont war geboren. Folgerichtig nannte damals Grimmelshausen den Helden seines Schlüsselromans über die Epoche des 17. Jahrhunderts Simplicissimus Teutsch, den äußerst einfältigen Deutschen. Als «Hiroshima des Dreißigjährigen Krieges» bezeichnet der Historiker Hellmut Diwald das protestantische Magdeburg. Die Verwüstungen durch die katholischen Eroberer unter dem kaiserlichen General Tilly waren so furchtbar, dass die Zeitgenossen das Verbum «magdeburgisieren» fortan im Sinne von «total zerstören» gebrauchten. In dem Standardwerk von Matthias Puhle Magdeburg. Die Geschichte der Stadt aus dem Jahr 2005 heißt es zur Erläuterung: «Im April 1631 stehen 42.000 Mann unter dem Kommando des kaiserlichen Befehlshabers Tilly etwa 7.000 Verteidigern in der Stadt gegenüber. Der Sturm auf die Stadt beginnt am 10. Mai. (…) Nach der Niederlage lässt Tilly die mehrere Tage zur Plünderung freigeben, Tage in denen die Bewohner der Stadt den Soldaten schutzlos ausgeliefert sind, es wird vergewaltigt, geplündert, gemordet und Geld erpresst. Das Ergebnis war für die Stadt verheerend. Von 30.000– 40.000 ehemaligen Bewohnern sind nach ersten Zählungen im Jahr 1632 noch ganze 468 verblieben. Schätzungen über die Todesopfer reichen von 20.000– 24.000.» Die Deutschen wurden damals ihrer nationalen Identität beraubt und trugen schwer an einem Minderwertigkeitsgefühl namentlich gegenüber dem westlichen Ausland. Ihr Reich war eben nur die Karikatur eines Staatsgebildes geworden. An ihm war nichts mehr heilig und in seinen Grenzen lebte vom Bewusstsein her keineswegs eine deutsche Nation. Muckertum und Untertanengeist dominierten in den «niederen Ständen», während der Adlige entweder zum Hoflakaien oder zum Krautjunker degenerierte. Wie oft in Zeiten gesellschaftlichen Niederganges geriet die Sucht nach Titeln zur Krankheit, wurden die Förmlichkei- Die Adligen degenerierten zu Hoflakaien und Krautjunkern. 1648 ging ein Zwiespalt durch die deutsche Geschichte, so tief, dass alles, was vor dem Dreißigjährigen Krieg lag, aus dem Gedächtnis des Volkes schwand, die Reformation ausgenommen. Der Westfälische Friede hinterließ einen schwachen, schwerfälligen Staatskörper, der als Ganzes keine Bedeutung mehr besaß, während seine einzelnen Die trauernde Magdeburg von Adolf von Donndorf, Teil des Lutherdenkmals in Worms. Foto: Evergreen68, CC BY-SA 4.0, Wikimedia 45

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