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COMPACT-Geschichte

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Beschreibung der Deutschen Geschichte

COMPACTGeschichte _ Die Staatsmaschine im märkischen Sand 50 Bild links: Das Bernsteinzimmer aus dem Petersburger Katharinenpalast ist seit 1945 verschollen. 2003 wurde eine Nachbildung eröffnet. Foto: jeanyfan, Public domain, Wikimedia Bild rechts: Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) ging als Soldatenkönig in die Geschichte ein – dabei führte der Monarch nur einen einzigen Krieg. Vor allem kümmerte er sich etwa um Neubauten, wie hier auf einem Kupferstich von Hugo Vogel (1855–1930) für das Rote Rathaus in Berlin, förderte die Wirtschaft und führte die Schulpflicht ein. Bild: picture-alliance / akg-images Dieses Gemälde von Antoine Pesne (1683–1757) zeigt Friedrich Wilhelm I. mit Bruststern und Schulterband des Schwarzen Adlerordens. Bild: The Bridgeman Art Library, Public Domain; Wikimedia 1701 erlangte Kurfürst Friedrich III. die Königswürde für Preußen. Das Land war nun gleichsam von Staats wegen verpflichtet, seine Partitur im Konzert der europäischen Mächte zu spielen. Dazu bedurfte es einer starken Armee, vor allem wegen der überdehnten Grenzen eines aus fünf getrennten Teilen bestehenden Staates. Das Preußen des als «Soldatenkönig» bekannten Friedrich Wilhelm I. (1713– 1740) reichte über mehr als 1.000 Kilometer vom linksrheinischen Kleve bis in die litauische Nachbarstadt Memel. Dieses eher unorganische, zufällig zusammengewürfelte Gebilde verlangte mehr als andere nach «Arrondierung», um lebensfähig zu sein und das wiederum zwang zur äußersten Straffung aller Kräfte. Friedrich Wilhelm I. erkannte dies besser als manch anderer und opferte bewusst Glanz für Macht, für das «Reelle», wie er immer wieder sagte. Einerseits gab es kaum ein Land mit derart hohen Steuern wie Preußen (die Armee kostete viel Geld), andererseits wurde nirgends so viel vom Staat finanziert und subventioniert. Es gibt Historiker, die deshalb in Friedrich Wilhelm I. einen frühen Sozialisten sehen. Vor allem brauchte das Land Menschen. 1732 gewährte der König in einem Patent 25.000 Salzburger Protestanten, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, Aufnahme in Ostpreußen. Er bezahlte die Reisekosten und überließ ihnen Vieh, Saatgut und Gerätschaften. Die Österreicher aus dem Gebirge leisteten Bemerkenswertes in einem Land, das vorrangig aus Urwald und Sümpfen bestand. Man darf sich allerdings preußische Toleranzpolitik nicht so vorstellen, dass damals jedermann ohne Einschränkung Asyl im Land gewährt wurde. Der Staat benötigte ja nicht Menschen schlechthin, sondern Arbeitskräfte und Produzenten. Gesellschaftliche Randgruppen waren unerwünscht. In Preußen galten zahlreiche Verordnungen, wonach Arme, Bettler, Landstreicher «und anderes unnützes Gesinde» abzuweisen seien. Friedrich Wilhelm I. befahl 1725 sogar, dass alle an der preußischen Grenze aufgegriffenen Zigeuner «ohne Gnade mit dem Galgen bestraft» werden sollten. Und über die Juden sagte er 1721: «Ich verlange mir das Schachergesindel nicht in meinem Lande.» Friedrichs Toleranz bedeutete nicht, allen Asyl zu gewähren. Wenn man über die Geschichte des 18. Jahrhunderts spricht, so geraten mehr als zu anderen Zeiten die Monarchen in den Mittelpunkt des Interesses. Während der Epoche des Absolutismus hing die gesamte Staats-und Wirtschaftsmaschinerie in hohem Maße von den Intentionen des Herrschers ab. Fluch oder Segen seiner Mit- und Nachwelt war auch Friedrich Wilhelm I. ausgesetzt, vom Charakter eher ein Biedermann, den der Staatsdienst häufig zum Wüterich machte. Dieser umtriebige Fürst drohte widerwilligen Beamten: «Ich lasse hängen

COMPACTGeschichte _ Die Staatsmaschine im märkischen Sand und braten wie der Zar und traktiere Sie wie Rebellen.» Aber man muss ihm lassen, dass er auch mit sich selbst unerbittlich streng war. «Ich ruiniere den Junkers ihre Autorität», schrieb der König 1717 und ließ im selben Jahr eine Kadettenanstalt gründen, um über die Ausbildung des Offiziersnachwuchses den einheimischen Adel an Armee, Monarch und vor allem an den Staat zu binden. Friedrich Wilhelm I. und seinem Sohn Friedrich dem Großen gelang es nicht zuletzt durch dauernde Beispiele von Selbstdisziplin, das ständische Freiheitsethos der Aristokratie umzuwandeln in ein gesamtstaatlich orientiertes Pflicht- und Dienstethos. Beamte waren in Preußen angehalten zu unbedingtem Gehorsam, unbestechlicher Pflichterfüllung und rückhaltloser Hingabe an den Staatsdienst. Fachliche Kompetenz ebenso wie dienstliche Disziplin der Beamtenschaft ermöglichten erst den Aufbau eines modernen Staates. Dass solchen Forderungen auch in Preußen allgemein-menschliche Schwächen entgegenstanden, liegt auf der Hand. Ein Monarch wie Friedrich der Große sah sich deswegen immer wieder in der Rolle des unbequemen, ja unerwünschten Mahners. Allmählich entstand bei Preußens Elite eine verinnerlichte Grundhaltung von Ordnungsliebe, Organisationsgabe, Pünktlich-und Gründlichkeit, die später im Ausland als typisch deutsche Tugenden bewertet wurden. Freilich entartete zuweilen der Dienstgedanke zum blindem Gehorsam, wurde das Erhabene zum Lächerlichen – weniger allerdings in der preußischen als vielmehr in der neudeutschen Variante. Für Brandenburg-Preußen scheint das heute verklungene «Üb’ immer Treu und Redlichkeit» vom Turm der Potsdamer Garnisonkirche am ehesten zur Nationalhymne zu taugen. Friedrich dem Großen blieb es vorbehalten, den ersten Rechtsstaat Europas zu schaffen. «Vor Gericht müssen die Gesetze sprechen, und der Souverän muss schweigen», schrieb der König 1752. Es war ihm ernst damit. Das bezeugen zahlreiche Beispiele, nicht nur der berühmte Müller Arnold-Prozess oder die Abschaffung der Folter. Worin auch immer Friedrichs geheimste Intentionen bestanden – seine janusköpfige Natur hat die meisten Biografen ratlos gelassen – eines wusste er genau: Kraft und Überlebenschancen eines Staates hängen in erster Linie vom Geist seiner Gesetze und seiner Rechtsprechung ab. «Denn der Herrscher», so Friedrich, «macht sich gewissermaßen zum Mitschuldigen an den Verbrechen, die er ungestraft lässt.» Die Kehrseite der Medaille bildet unzweifelhaft das Übergewicht alles Militärischen in Preußen. Nach 1945 wurden unter dem Deckmantel der «Bekämpfung des preußischen Militarismus’» Schlösser verwüstet, Denkmale gesprengt, Straßennamen ausgetilgt und Geschichtsbücher umgeschrieben. Eine Epoche großer Ahnungslosigkeit begann, die Klischees am laufenden Band produzierte. Weder war der preußische Staat eine einzige Friedrich Wilhelm (1620–1688), bekannt als Großer Kurfürst, empfängt hugenottische Flüchtlinge im Potsdamer Schloss. Insgesamt siedelten sich ab 1685 rund 15.000 Protestanten aus Frankreich in Preußen an. Gemälde von Hugo Vogel (1855–1930). Bild: picturealliance / akg-images Die erste promovierte deutsche Ärztin: Zeitgenössisches Portrait von Dorothea Christiane Erxleben (1715–1762). Bild: Public Domain; Wikimedia Preußen schaffte die Folter früher ab als England. 51

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