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COMPACT-Geschichte

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Beschreibung der Deutschen Geschichte

COMPACTGeschichte _ Die Staatsmaschine im märkischen Sand Friedrich II., genannt der Große (1712–1786), ist Preußens berühmtester König. Dieses zur Ikone gewordene Bild von Anton Graff zeigt den Alten Fritz im Alter von 68 Jahren. Bild: Public domain, Wikimedia Mit seinen 15 Kartoffelbefehlen förderte Friedrich II. ab 1746 den Anbau der Erdäpfel. Dass der König die Frucht in Preußen einführte, ist jedoch eine Legende. Robert Müller (1859–1895) erinnerte 1886 in seinem Gemälde Der König ist überall daran. Bild: Public domain, Wikimedia große Kaserne (die meisten Soldaten arbeiteten neun Monate im Jahr auf den Feldern ihrer Gutsherren), noch bestand seine Armee aus zwangsrekrutierten Söldnern (es herrschte das Kantonsystem, ein Vorläufer der allgemeinen Wehrpflicht), noch waren Friedrichs Grenadiere vom Gedanken ans Desertieren besessen (sonst hätte er den Siebenjährigen Krieg mit Niederlagen wie bei Kunersdorf nie durchgestanden). Und der Kadavergehorsam ist kein typisches Produkt des preußisch-evangelischen, sondern des habsburgisch-katholischen Kulturkreises. Dass in Preußen die erste deutsche Frau ihr Doktorexamen ablegen konnte (Dorothea Erxleben aus Quedlinburg 1754), ist eine Tatsache, die auch gern unterschlagen wird. Das Zerrbild vom preußischen Kadavergehorsam lebt fort. Manche wohltätige Maßnahme lieferte jedoch Stoff für Missverständnisse. In Preußen bestand im Gegensatz zu anderen europäischen Armeen die Regelung, den Soldaten jedes Jahr eine neue Uniform auszugeben. Damit war die Erlaubnis verbunden, die gebrauchten Waffenröcke außerhalb des Dienstes aufzutragen oder an Freunde und Verwandte zu verschenken. In einigen Regionen entwickelte sich aus dieser Praxis sogar eine regelrechte Volkstracht der Bauern. Mit solchen Verhältnissen nicht vertraute ausländische Besucher – wie etwa der scharfzüngige Franzose Mirabeau – bekamen dadurch zwangsläufig den Eindruck, der preußische Staat des 18. Jahrhunderts sei ein einziges Heerlager. Erst in jüngerer Zeit erinnert man sich wieder an Vorfälle wie diesen: Friedrich der Große, in Kriegszeiten keineswegs zimperlich, befahl 1762 dem Major Johann Friedrich von der Marwitz als Vergeltung für feindliche Verwüstungen in Preußen, das sächsische Schloss Hubertusburg niederzubrennen. Marwitz weigerte sich, weil dieser Befehl nicht mit seiner Soldatenehre zu vereinbaren sei. Er kam deshalb weder auf die Festung, noch vors Kriegsgericht, aber der König entließ ihn ungnädig aus dem Militärdienst. Marwitz kommentierte: «Ich wählte Ungnade, wo Gehorsam Schande gebracht hätte.» Schloss Hubertusburg blieb unzerstört, das Zerrbild vom hackenknallenden preußischen Offizier leider auch. Dabei erwarb sich Preußen gerade während des Siebenjährigen Krieges gesamtdeutsche Sympathien wegen seiner Siege über französische und russische Invasoren (Roßbach 1757, Zorndorf 1758). Für Johann Wolfgang Goethe setzte die Geburtsstunde deutschen Nationalbewusstseins mit der Schlacht von Roßbach ein, er war «fritzisch gesinnt» wie alle Menschen aus seiner Umgebung. Langsam entdeckte Deutschland seine Identität wieder, allmählich begann die Muttersprache im Kurs zu steigen, der temporäre Preuße Lessing ersann die ritterliche Figur seines Majors v. Tellheim und auf den 52

COMPACTGeschichte _ Die Staatsmaschine im märkischen Sand Der Aufstieg Brandenburg-Preußens _ 1525 bis 1795 Nordsee Ostfriesland Fehrbellin Lingen 1675 Brandenburg Minden POTSDAM BERLIN KÜSTRIN Kleve Ravensburg Magdeburg Halberstadt KOTTBUS Geldern HALLE Mark Roßbach Sachsen 1757 DRESDEN Brandenburg 1525 Erwerbungen bis 1688 Erwerbungen 1689–1740 Erwerbungen 1740–1786 Erwerbungen 1791–1795 HAMBURG Bayreuth Bayern Österreichisch-habsburgische Lande Schlacht Vorpommern Hinterpommern West- Preußen PRAG Reichsgrenze im 18. Jahrhundert KOLBERG Böhmen Ostsee GLATZ Kolin 1757 BROMBERG POSEN Leuthen 1757 BRESLAU DANZIG Südpreußen Schlesien THORN MEMEL KÖNIGSBERG Neu- Ostpreußen Ungarn Preußen WARSCHAU LUBLIN Westgalizien KRAKAU TILSIT Grafik: COMPACT Preußische Pflichtauffassung «Wir wollen nicht, dass Ihr Euch bestreben solltet, Uns durch Kränkung der Untertanen zu bereichern, sondern vielmehr, dass Ihr sowohl den Vorteil des Landes als unser besonderes Interesse zu Eurem Augenmerk machtet. Wir sehen zwischen beidem keinen Unterschied. (…) Ja, des Landes Vorteil muss den Vorzug vor Unserem eigenen besonders dann haben, wenn sich beide nicht miteinander vertragen (…).» (Aus dem ersten Erlass von Friedrich II. an seinen Hofstaat) Straßen sang das Volk Lieder vom «großen Friederich», der Franzosen und Panduren zu Paaren trieb. Zumindest im Geiste kamen sich die Deutschen wieder näher. Der preußische Philosoph Immanuel Kant lieferte der Elite das geistige Rüstzeug, indem er seine Landsleute aufforderte, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, anstatt alles nachzubeten, was man ihnen vorsagte. Dass Friedrich dem Großen die deutsche Nation gleichgültig gewesen sei, ist eine Legende. Sonst hätte er wohl kaum 1753 seinem französischen Freund Voltaire geschrieben: «Ich meinerseits bin nur ein braver Deutscher und schäme mich nicht, jenen Freimut zu haben, der dieser Nation eigen ist.» Und in seiner Ode an die Deutschen von 1759 beklagte der König den mangelnden nationalen Zusammenhalt: «Ihr trätet gerne Preußen in den Staub, Frankreich und Schweden muss Euch Hilfe senden, Dem wilden Russen bietet Ihr’s zum Raub, Ihr Armen grabt das Grab mit eignen Händen. Ihr gebt dahin das Land und seine Rechte, Fremdlingen dienet ihr als deutsche Knechte. Wie werdet Ihr es einst beweinen, Dass Ihr der stolzen Feinde Heer Mit eigner Hand geschärft den Speer. Der Fremde wird’s nie redlich meinen.» 1763, am Ende des Siebenjährigen Krieges, be hielt Friedrich der Große das 23 Jahre zuvor eroberte Schlesien. Die gute, fromme Revanchistin Maria Theresia von Österreich vergaß es bis an ihr Lebensende nie, doch mehr noch schmerzte sie, dass die Schlesier offenkundig an neuer preußischer Ordnung mehr Geschmack fanden, als am altgewohnten habsburgischen Schlendrian. Dank der überragenden Gestalt seines Königs, der als «Alter Fritz» nach dem Krieg ein Vierteljahrhundert unermüdlicher Aufbauarbeit vorantrieb, schien Preußen fester denn je zu stehen. Hoch- und Pflichtgefühl übersahen freilich die zunehmenden Risse im Staatsgebäude. Selbst behutsame Reformen wurden für überflüssig gehalten. Man wähnte sich für ewig im besten aller Staaten und begann einzuschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen, wie Königin Luise später sagte. Am Horizont erkannten die Hellsichtigen Umsturz und Revolution. Friedrich II. bezeichnete sich als «braven Deutschen». Ganz geheuer schien die Situation auch dem zunehmend konservativen Friedrich nicht, zumal sein Neffe und Nachfolger vom Liebesleben der Frauen wesentlich mehr als vom Staatsdienst verstand. Würde er das Land und seine mehr als fünf Millionen Einwohner gut regieren? «Wenn nach meinem Tode mein Herr Neffe in Schlaffheit verfällt», schrieb Friedrich der Große, «so sehe ich voraus, dass … heute in 30 Jahren weder von Preußen, noch von dem Hause Brandenburg die Rede sein wird.» Der 1786 verstorbene König sollte mit seiner Prophezeiung beinahe Recht behalten. Das Potsdamer Schloss Sanssouci entstand 1745 bis 1747 nach Skizzen Friedrichs II. Foto: Wolfgang Staudt, CC BY 2.0, Wikimedia Der Preußische Adler geht auf den Deutschen Orden und dessen Hochmeister Hermann von Salza zurück. Bild: David Liuzzo, CC-BY-SA 4.0, Wikimedia 53

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