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COMPACT-Geschichte

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Beschreibung der Deutschen Geschichte

COMPACTGeschichte _ Das Reich entschlummert sanft Vom Volk verehrt: Königin Luise (1776–1810) auf einem Porträt von Josef Grassi (1757–1838) aus dem Jahr 1804. Bild: oss.wroc.pl, Public Domain, Wikimedia Bild links: Am 6. Juli 1807 versuchte Luise, Napoleon in Tilsit zur Schonung des besiegten Preußens zu bewegen. Aus ihrer Abneigung gegen den Franzosen machte die Königin nie ein Hehl. Darstellung von Rudolf Eichstaedt (1857–1924) aus dem Jahr 1895. Bild: Ostpreußisches Landesmuseum Bild rechts: Die Schlacht von Jena in der Darstellung von Edouard Detaille (1848–1912). Bild: Public Domain Wikimedia (ein Drittel der landwirtschaftlich genutzten Fläche) bereits 1794 abgeschafft. Ähnliches geschah in Österreich unter der Führung des reformfreudigen Kaisers Joseph II. Schließlich gab es in keinem deutschen Land ein reiches, selbstbewusstes Bürgertum, das eine Revolution hätte tragen können. Die geistigen und politischen Kräfte in Deutschland standen den Ideen der Französischen Revolution sehr differenziert gegenüber. Anfängliche Begeisterung über Verkündung von Menschenrechten etc. wich bald dem Abscheu vor dem Terror der radikalen Jakobiner. So sehr sich marxistische Geschichtsschreiber weiland auch mühten, in die deutsche Historie gravierende Auswirkungen der Revolution hineinzuinterpretieren – gefundene Beweise blieben äußerst schwach. Zwar schrieb der Tübinger Stiftsschüler Johann Christian Hölderlin 1790 die dräuenden Reime: «Wenn die Starken vor Despoten treten, Sie zu mahnen an der Menschheit Recht, Hinzuschmettern die Tyrannenketten, Fluch zu donnern jedem Fürstenknecht.» Aber gerade Hölderlin übte sich mehr in Elegien über Nichterreichtes und predigte in schwer ausdeutbarer Lyrik ein utopisch-antikes Ideal. Erneuerung der Gesellschaft fand in Deutschland mehr im Denken der Intellektuellen statt als in der Realität, zumal das französische Beispiel von Jahr zu Jahr immer weniger anziehend geriet. Waren Massenmord und Totschlag der Jakobinerdiktatur 1793/94 schon ein äußerst abschreckendes Kapitel, so entstand nach der Machtergreifung Napoleon Bonapartes Ende 1799 langsam aber stetig eine sehr reale Gefahr für Frankreichs Nachbarländer. Dass der Erste Konsul und spätere Kaiser seine Expansion vor allen gegen das ohnmächtige, zersplitterte Reich aller Deutschen lenken würde, lag auf der Hand. Niemand rechnete indes mit dem politischen Kalkül des Korsen, sich zur endgültigen Liquidierung Deutschlands seine Verbündeten ausgerechnet in Deutschland selbst zu suchen. Die besten Verbündeten gegen Deutschland fand Napoleon unter den Deutschen. Die Tage der geistlichen und weltlichen Zwergstaaten, der Duodezfürstentümer und freien Reichsstädtchen waren gezählt. «Weil die Masse der deutschen Staaten keine Macht bildet, kann die Unabhängigkeit ihrer Teile nur so lange respektiert werden, als der Vorteil anderer Mächte es erfordert», stellte der preußische Philosoph Friedrich Wilhelm Hegel fest. Den «Vorteil anderer Mächte» wusste Napoleon geschickt für seine Interessen einzusetzen. Er hatte sich im Vertrag von Lunéville 1801 das gesamte linksrheinische Gebiet unter den Nagel gerissen und den deutschen Fürsten angeboten, sich für den Verlust ihrer dortigen Besitztümer im Reich selbst zu entschädigen. Daraufhin kam ein lauthalser Länderschacher in Gang, der zu den unerquicklichsten Episoden deutscher Geschichte zählt. Zwei Jahre später erscholl das 56

COMPACTGeschichte _ Das Reich entschlummert sanft Ende vom Lied: 112 Reichsstände verloren ihre Selbständigkeit; Sieger im großen Gewinnspiel wurden Bayern, Württemberg, Hessen, Baden und Preußen, die ihr Territorium erheblich vergrößerten. Das Ganze erhielt den schwerfälligen Titel «Reichsdeputationshauptschluss» (Februar 1803). Um den Vorgängen die rechte Weihe zu geben, ernannte (!) Napoleon die Herrscher von Bayern und Württemberg zu Königen, Baden und Hessen-Kassel wurden Kurfürstentümer. «Der große Pfefferkuchenbäcker Napoleon zieht immer neue frischgebackene Monarchen aus seinem Ofen», spottete eine britische Zeitschrift. Nun war es nur noch ein kleiner Schritt bis zur endgültigen Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Der Franzosenkaiser wählte auch dafür wieder eine sublime Form. Nachdem er Österreich und Russland 1805 bei Austerlitz schwer geschlagen hatte, legte er 16 deutschen Fürsten einen Vertrag vor, in dem die Trennung ihrer Staaten vom Reich vorgesehen und die Anerkennung Napoleons als Protektor eines zu gründenden «Rheinbundes» festgeschrieben wurde. Folgsam unterzeichneten die Vertreter der 16 Staaten am 16. Juli 1806 dieses Rheinbundtraktat. Ihr Herr und Meister in Paris durfte zufrieden sein. Zwar gehörten zum Rheinbund neben den Herrschern von Bayern, Baden und Württemberg auch unbedeutende Potentaten wie der Herzog von Nassau-Usingen oder die Fürsten von Salm-Kyrburg, Liechtenstein und von der Leyen, doch ihr ostentatives Bündnis mit Frankreich fand schließlich am 1. August 1806 mit dem förmlichen Austritt der 16 Fürsten aus dem Deutschen Reich seinen unrühmlichen Höhepunkt. Kaiser Franz II. erklärte daraufhin das römisch-deutsche König- und Kaisertum für erloschen. Alle Stände wurden von ihren Pflichten gegenüber Kaiser und Reich entbunden. «Pfefferkuchenbäcker Napoleon zog immer neue Monarchen aus seinem Ofen.» Franz II., der sich schon 1804 sicherheitshalber zum erblichen Kaiser von Österreich erklärt hatte, behielt immerhin einen wohltönenden Titel und reiche Stammlande. Aber das unrühmliche Ende des irgendwo immer noch altehrwürdigen 900-jährigen Reiches rief Unzufriedenheit unter der Bevölkerung hervor und förderte die nationale Bewegung in ganz Deutschland. Für viele war es unfassbar, dass die alte Sprach- und Kulturnation der Deutschen jeden einigenden gesamtstaatlichen Rahmen verloren hatte. Der 37-jährige Nürnberger Buchhändler Johann Philipp Palm veröffentlichte damals eine Flugschrift unter dem Titel Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung, worin gegen napoleonische Will- Der italienische Historienmaler Pietro Benvenuti (1769–1844) stellte 1820 die Huldigung sächsischer Bürger vor Napoleon nach der Schlacht bei Jena dar. Bild: picture alliance / akg-images Urkunde von Kaiser Franz II. zur Auflösung des Heiligen Römischen Reichs aus dem Jahr 1806, heute im österreichischen Staatsarchiv. Foto: Public Domain, Wikimedia 57

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