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COMPACT-Geschichte

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Beschreibung der Deutschen Geschichte

COMPACTGeschichte _ Deutschland spielt die zweite Geige Karl Freiherr vom Stein auf einem Gemälde von Johann Christoph Rincklake. Bild: CC0, Wikimedia Erst nach Napoleons Niederlage wurden die Intellektuellen mutig. Bild links: Die Erschießung der elf Schillschen Offiziere am 16.9.1809 in Wesel auf einer historischen Postkarte. Bild: picture alliance / Sueddeutsche Zeitung Photo Bild rechts: Theodor Körner (1791– 1813). Bild: Galerie Bassenge, Public Domain, Wikimedia gen, auf moralischem Gebiet zu erobern, was es an materiellem Boden verloren hatte. Es musste schon starke Denkanstöße gegeben haben, wenn ein überzeugter Konservativer wie Friedrich Wilhelm III. einen Befehl erließ, der es «bürgerlichen Individuen» gestattete, preußischer Offizier zu werden. Dass der König 1807 den Freiherrn Karl vom Stein, den er weder politisch noch persönlich ertragen konnte, zum Premierminister berief und ihn ein Gesetz zur Bauernbefreiung durchsetzen ließ, stellt ein Phänomen dar. Die Reform des Militärwesens durch Scharnhorst und Gneisenau ließ sich schon eher mit Potsdamer Traditionen vereinbaren. Der preußische Staat begann nach 1807, seine elementare Lebenskrise zu überwinden und fand Kraft zu innerer Erneuerung. Revolution von oben setzte ein, für das Land der verinnerlichten Disziplin allemal geeigneter als Umsturz von unten. Die Reformen von Hardenberg und Stein machten aus dem Domizil der Junker einen modern-bürgerlichen Staat mit bemerkenswerten Ansätzen zur Demokratie. Ansonsten musste man murrend und knurrend die Tatsache anerkennen, dass Napoleon nach der Devise «Frankreich, Frankreich über alles!» vorerst Europa regierte. Ein Irrtum wäre es anzunehmen, Preußen habe im Gegensatz zu Rheinbund-Deutschland von 1807 bis 1812 ganz zielstrebig auf einen Sturz von Napoleons Herrschaft hingearbeitet. Das wollte vielleicht Stein (der nur ein Jahr leitender Minister war), keinesfalls aber sein konzilianter Nachfolger Hardenberg. Ohne Verbündete gegen das übermächtige Frankreich loszuschlagen, wie der Husarenoffizier Ferdinand von Schill im Jahre 1809, schien heller Wahnsinn. Nur wenige besaßen so viel Weitsicht oder Instinkt wie Königin Luise von Preußen, die im April 1808 an ihren Vater schrieb: «Deshalb glaube ich auch nicht, dass der Kaiser Napoleon Bonaparte fest und sicher auf seinem, jetzt freilich glänzenden Thron ist.» Luise war überhaupt ein außerordentlicher Charakter. 1809 erklärte sie: «Ich bin Deutsche aus ganzem Herzen», was für eine preußische Königin in dieser Zeit zumindest ungewöhnlich schien. Denn eigentlich war man Bayer, Sachse, Mecklenburger, Württemberger und nicht Deutscher, ein Begriff, der eher ins Mittelalter gehörte. Erst nach der unverhofften Niederlage Napoleons in Russland 1812 wurden einige deutsche Intellektuelle mutig, schleuderte der mutigste von allen, Ernst Moritz Arndt, sein trotziges: «Das ganze Teutschland soll es sein.» Nun erinnerte man sich, dass es Jahrhunderte zuvor ein einiges starkes Reich gegeben hatte. «Das Evangelium der Freiheit, mit dem Frankreich seine Kriege begonnen hatte, kam wie ein Wurfgeschoß auf Napoleon zurückgeflogen», schreibt Friedrich Sieburg in seiner Französischen Geschichte. 1812 lag ein Hauch von Rebellion über Deutschland. Theodor Körner verlieh dieser Stimmung Ausdruck: «Doch wir sehn’s im Aufschwung unserer Jugend, In des ganzen Volkes Heldengeist: Ja, es gibt noch eine deutsche Tugend, Die allmächtig einst die Ketten reißt. Wenn auch jetzt in den bezwungnen Hallen Tyrannei der Freiheit Tempel bricht: Deutsches Volk, konntest fallen, Aber sinken kannst du nicht!» Was damals im Frühjahr 1813 begann, war kein revolutionärer Volkskrieg, sondern ein weitgehend disziplinierter Staatskrieg. Anders wäre es 62

auch nicht zu erklären, warum in den nun ausbrechenden Kämpfen Radikalisten wie Stein und Konservative wie General Yorck, Reformer wie Gneisenau und Reaktionäre wie Kleist von Nollendorf einander zur Seite standen. Napoleons in politische Blindheit ausartendes Willkürsystem hatte es fertiggebracht, eine höchst heterogene Koalition zusammenzuschmieden, mittendrin (und das nicht nur im militärstrategischen Sinne) standen die Deutschen. Ihnen fehlte allerdings die Kraft zum gesamtnationalen Volksaufstand. Zwar flackerte es hier und dort, in Hamburg, Düsseldorf, Solingen und Lübeck, doch Napoleons Truppen wurden dieser Unruhen schnell Herr. Erst als Staatskanzler Metternich im August 1813 seine Österreicher marschieren ließ, begann die Lage ernst zu werden, konnte Preußens «Marschall Vorwärts» Blücher die Franzosen in der Völkerschlacht bei Leipzig zusammenschlagen. Sachsens Soldaten entschlossen sich zum Klügsten, was sie noch tun konnten und liefen mitten im Gefecht zum Gegner über. General Blücher wurde «Marschall vorwärts» gerufen – der Sieg in Waterloo ging auf sein Konto. Die Völkerschlacht bei Leipzig auf einem Gemälde von Wladimir Moschkow, 1815. Bild: j.rossia.org, Public Domain, Wikimedia Was nach Leipzig folgte, ist eher von militärgeschichtlichem Interesse, politisch waren die Weichen schon im Oktober 1813 gestellt. Der Sieg über Napoleon musste zu einer Neuordnung Europas führen. Diese Aufgabe fiel dem Wiener Kongress zu. In Österreichs Hauptstadt tagte vom September 1814 bis zum Juni 1815 eine erlauchte Gesellschaft von Monarchen und Diplomaten. Ein Übermaß an gesellschaftlichen Veranstaltungen, vermehrt durch die Klatschsucht einer großen Stadt, brachte dem Kongress einen zweideutigen Ruch von Frivolität und Skandal, der meist unbegründet war. Man tanzte zwar häufig mit «feschen Madln», leistete aber auch harte Arbeit für das Hauptziel, die «allgemeine Ausgeglichenheit des europäischen Kontinents». Gleichzeitig war man bestrebt, die vorrevolutionären Verhältnisse möglichst umfassend zu restaurieren. Gerhard von Scharnhorst (1755– 1813). Bild: Public Domain, Wikimedia Bild links: Lützows verwegene Jagd (1900) – Gemälde zum Befreiungskrieg 1813–15. Bild: Richard Knötel (1857–1914), Stadtmuseum Güstrow, Public Domain, Wikimedia 63

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