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COMPACT-Geschichte

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Beschreibung der Deutschen Geschichte

COMPACTGeschichte _ Deutschland spielt die zweite Geige Die «russischen» Preußen 64 Als preußische Generäle am 30. Dezember 1812 bei Tauroggen einen Separatfrieden mit dem Zarenreich schlossen und damit aus dem Bündnis mit Napoleon ausscherten, saßen ihnen nominell Russen gegenüber. Tatsächlich waren aber alle sechs an der Konferenz Beteiligten preußischstämmige Deutsche. Hauptverhandlungsführer für den Zaren war der erst 27-jährige General Hans Karl von Diebitsch, der seit 1801 in Russlands Armee diente, wo sein Vater Karriere gemacht hatte. Seine Adjutanten waren Oberstleutnant Carl von Clausewitz, ein Brandenburger und später weltberühmter Militärphilosoph, sowie der ostpreußische Major Friedrich Graf zu Dohna- Schlobitten. (aus: COMPACT- Magazin 10/2012) Carl von Clausewitz. Bild: Karl Wilhelm Wach, Public Domain, Wikimedia Bild oben rechts: Die von Napoleon geraubte Quadriga des Brandenburger Tores wurde 1814 zurück nach Berlin gebracht. Gemälde von Rudolf Eichstaedt aus dem Jahr 1896. Bild: Public Domain, Wikimedia Der Wiener Kongress war eine Enttäuschung für die deutschen Patrioten. Die Deutschen spielten in Wien ganz vernehmlich nur die zweite Geige. Staaten wie Sachsen, welche es bis zum bitteren Ende mit Napoleon gehalten hatten, waren ebenso wenig vertreten wie Länder, deren Soldaten es erst im allerletzten Moment einfiel, die Gewehre herumzudrehen, wie beispielsweise Bayern. Selbst Preußen wurde von den großen Siegermächten eher als zu spät gekommener Juniorpartner behandelt, denn ungeachtet aller glänzenden Waffentaten von 1813–15, die im Triumph von Waterloo gipfelten, war das Land die längste Zeit neutral geblieben. Die Hauptlasten des 1792 begonnenen Kampfes gegen Frankreich hatten Großbritannien, Österreich und Russland getragen und das ließ man die Deutschen nun deutlich entgelten. Wichtiges Resultat des Wiener Kongresses war eine «Bundesakte», die aus 35 Fürstentümern und vier Freien Reichsstädten (Hamburg, Lübeck, Bremen und Frankfurt am Main) einen Deutschen Bund erschuf, den man als lockere Föderation bezeichnen kann. Die Angelegenheit war einigermaßen verwirrend. Österreich und Preußen traten nicht mit ihrem gesamten Staatsgebiet bei; so gehörten beispielsweise die Provinzen Posen, West- und Ostpreußen nicht zum Deutschen Bund. Andererseits waren drei ausländische Herrscher Mitglieder des Bundes, weil sie auch über deutsche Länder geboten: der König von Dänemark für Holstein und Lauenburg (aber nicht für Schleswig), der König der Niederlande für Luxemburg (das erst 1867 seine staatliche Selbständigkeit proklamierte) und der König von Großbritannien für Hannover. Von deutscher Einheit also keine Spur. Territoriale Entscheidungen nahmen damals, wohl unvermeidlich, nur wenig Rücksicht auf nationale Interessen oder Gefühle der Völker. Ihre Herrscher dachten immer noch in den dynastischen Begriffen und setzten Nationalbewusstsein mit Rebellentum gleich. Deshalb kam die Wiener Entscheidung nicht nur für die Deutschen einem Tag der Geprellten gleich. Anderen erging es ebenso: Italien verharrte für die nächsten 50 Jahre in staatlicher Zersplitterung, den Polen und Finnen blieb nur der Weg ins russische Zarenreich. Patrioten hofften mit dem Freiherrn vom Stein, «dass Deutschland aufhöre, ein weiterer Sammelplatz von Unterdrückern und Unterdrückten zu sein». Sie forderten den einheitlichen, unabhängigen deutschen Nationalstaat, in dem Adel und Fürsten nicht mehr den ausschlaggebenden Einfluss besitzen sollten. Ehrenwert, aber auch sehr realitätsfern gedacht. Nach 23 Jahren unaufhörlicher Kriege wollte Europa Ruhe, nichts als Ruhe. Keine Umwälzungen mehr, keine Revolutionen, kein Säbelrasseln, möglichst nicht einmal laute Wortgefechte. Viele waren geneigt, Pressezensur und undemokratisches Wahlrecht in Kauf zu nehmen, wenn ihnen nur keine Kugeln mehr um die Ohren pfiffen. Lieber diskutierte man gemessenen Tones im Deutschen Bundestag zu Frankfurt am Main unter Vorsitz der «Präsidialmacht» Österreich, bei der es ohnehin immer ein wenig umständlich zuging.

COMPACTGeschichte _ Deutschland spielt die zweite Geige Königreich Großbritannien und Irland Europa nach dem Wiener Kongress 1815 Königreich Dänemark Kaiserreich Russland LONDON Königreich Niederlande Königreich Hannover BERLIN Preußen Sachsen Königreich Polen PARIS Bayern WIEN Republik Krakau Königreich Frankreich Schweiz Kaisertum Österreich Königreich Spanien MADRID TURIN Kirchenstaat ROM Osmanisches Reich in Personalunion verbundene Länder (gemeinsamer Monarch) Grenze des Deutschen Bundes Haus Habsburg Preußen Die europäischen Großmächte grinsten schadenfroh, weil sie das seltsame Staatengebilde Deutscher Bund nicht weiter ernst zu nehmen brauchten. Denn die einzelnen Glieder dieser Föderation waren durchaus souverän bis hin zur Währungspolitik, nur das Recht eigenmächtiger Kriegführung fehlte ihnen. Wohl aber durften sie mit ausländischen Staat Bündnisse schließen. Die Einschränkung, dass dieses nicht gegen den Bund als Ganzes gerichtet sein dürfe, war ebenso wertlos, wie einst beim Westfälischen Frieden von 1648. Der Deutsche Bund wurde von den Großmächten belächelt. Dorn/Wagner in ihrer Deutschen Seele. Herr Meier schickte sich an, wieder brav und bieder zu werden – es begann die Ära des Biedermeier. Damals notierte der Dichter Joseph von Eichendorff: «Die deutsche Nation ist die gründlichste, innerlichste, folglich auch beschaulichste unter den europäischen Nationen, mehr ein Volk der Gedanken als der Tat … Dieser Hang, die Dinge in ihrer ganzen Tiefe zu nehmen, scheint von jeher der eigentliche Beruf der germanischen Stämme zu sein.» Im Jahre 1848 rieb man sich dann verwundert die Augen und fragte, was eigentlich in den verflossenen drei Jahrzehnten geschehen war. Grafik: COMPACT Jean-Baptiste Isabey bildete auf diesem Kupferstich 23 Teilnehmer der acht beteiligten Mächte des Wiener Kongresses ab. Links stehend der österreichische Außenminister Metternich als Vorsitzender. Bild: picture-alliance / akg-images Nach 1815 hängten die Lützower Jäger ihre schwarz-rot-goldenen Uniformen (farbliches Vorbild der späteren deutschen Nationalflagge) an den Nagel, patriotische Dichter wurden zu Romantikern, Staatsminister Goethe versteckte seinen von Napoleon verliehenen Orden der Ehrenlegion in der hintersten Schublade. Deutschnationales Gedankengut erörterten die Männer, wenn überhaupt, nur am Biertisch. Mittelpunkt aller Geselligkeit wurde der Tanz. Man drehte sich allenthalben im weichen, sinnlichen Walzertakt, der erst nach 1840 von der lebhafteren böhmischen Polka abgelöst wurde. «Wann immer er kann, zieht sich der Bürger zurück, auf dass sein Gemütsleben in der rastlos neuen Gegenwart nicht verkümmern möge», konstatieren 65

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