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COMPACT-Geschichte

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Beschreibung der Deutschen Geschichte

68 Am ersten

68 Am ersten Wartburgfest im Jahr 1817 nahmen rund 500 Studenten und mehrere Professoren teil. Hier die zeitgenössische Darstellung eines unbekannten Künstlers. Bild: bpk Die kühle Klassik wurde durch die schwärmerische Romantik abgelöst. Es dauerte noch Jahre, bis die Politik den Ernst der Lage erkannte. Preußen machte sich zum Vorreiter für einen Wegfall der innerdeutschen Zollschranken, weil das zersplitterte Land von Ostpreußen bis zum Rheinland am meisten unter den vorherrschenden Zuständen litt. Die Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 war ein erster Schritt auf dem Weg zur Einheit; neben der Schaffung eines gemeinsamen innerdeutschen Wirtschaftsraumes für den Warenabsatz wurden auch neue technische Entwicklungen und die Industrialisierung gefördert. Ganz andere Phänomene zeigten sich auf geistigem Gebiet. In den 1820er und 1830er Jahren herrschte das romantische Lebensgefühl: bewusste Abkehr von Ruhe, Ebenmaß und kühler Form der Klassik, Vermischung von Realem und Wunderbarem, Suche nach dem historisch Gewordenen, Wiederentdeckung des mittelalterlichen Kaiserideals verbunden mit Hoffnungen auf Erneuerung des großen Reiches der Deutschen. Diese eher verschwommenen Sehnsüchte fanden ihre politische Entsprechung, als sich in den 1840er Jahren die bürgerliche Opposition zur nationalen Bewegung formierte. Kosmopolitismus und Weltbürgertum, bis dahin die eigentliche politische Heimat der Deutschen, verbanden sich mit dem erwachenden Nationalismus. Die Reaktionen auf Emanzipationsbegehren des Bürgertums fielen in den deutschen Teilstaaten sehr unterschiedlich aus. Während im Königreich Hannover kurzerhand die Verfassung außer Kraft gesetzt und oppositionelle Professoren des Landes verwiesen wurden, ließ der ausgesprochen liberale Großherzog von Baden schon 1831 die Pressezensur wieder aufheben. Im Gefolge unterschiedlicher Zeitströmungen formierten sich konservative, liberale und demokratische Gedanken zu festen Überzeugungen, auf deren Grundlage die ersten politischen Parteien entstanden. Im März 1848 brachen die Gegensätze dann offen aus. Soziale und politische Spannungen (Verfassungskonflikte, Übergang zur kapitalistischen Großproduktion, Arbeitslosigkeit, Hungerrevolten) hatten im sogenannten Vormärz an Schärfe zuge-

COMPACTGeschichte _ Auf steinigem Pfad zum Einheitsstaat nommen. Die Revolution von 1848/49 war für deutsche Verhältnisse sehr heftig und blutig, sie war auch ebenso hilflos wie ideenträchtig. Quer durch alle Parteien bekannte man sich zur deutschen Einheit, wobei interessanterweise die radikalsten Linken auch zu den enthusiastischsten Großdeutschen gehörten, die auch Österreich in den gemeinsamen Reichsverband eingliedern wollten. Die Bastion der Freiheit war das revolutionäre Baden. Das erste gesamtdeutsche Parlament trat am 18. Mai 1848 in Frankfurt am Main zusammen. Die 830 Abgeordneten verkündeten nach endlosen Debatten am 27. Dezember ein «Gesetz über Grundrechte des deutschen Volkes». Es garantierte vorrangig die Rechte des einzelnen Bürgers gegenüber den staatlichen Behörden. Soziale Fragen, die immer mehr zum Problemfall gerieten, blieben unberücksichtigt. Überhaupt trägt vieles aus dieser Zeit den Stempel des Provisorischen, Unausgegorenen, Utopischen. Man verstand einander nicht so recht und griff von beiden Seiten schließlich zur Waffe – natürlich immer im Namen der Freiheit. Die Frankfurter Nationalversammlung nahm am 28. März 1849 eine Reichsverfassung an, die nie zur praktischen Ausführung kam. Der König von Preußen wurde zum Deutschen Erbkaiser designiert, lehnte aber die Wahl ab. Ihm fehle das notwendige «freie Einverständnis der gekrönten Häupter», sagte Friedrich Wilhelm IV., der großen Wert auf monarchische Solidarität legte. Im Übrigen war der Preußenkönig ein friedliebender Geist, ein Romantiker auf dem Thron, dem Blutvergießen derart widerstrebte, dass er im März 1848 seine drückend überlegenen Truppen aus dem revoltierenden Berlin abziehen ließ. Am Ende musste aber auch er ein Jahr später die Armeen in Marsch setzen. Den Schlussakkord der Revolution erlebte das liberale Baden, dessen Soldaten auf die Seite der Revolutionäre übergelaufen waren, als Schlachtfest. Reichstruppen und preußisches Militär machten den linksradikalen Rebellen den Garaus. Die Sieger benahmen sich maßlos wie immer: Preußen warf missliebige Parlamentarier zur Tür hinaus, in Österreich wurden sie gelegentlich, wie Robert Blum, auch erschossen. Das Sturmjahr 1848 versank im Katzenjammer; Reichsgedanke, Liberalität und Bürgerstolz schienen für Jahrzehnte entschwunden. Verklungen waren auch die martialischen Reime von Ferdinand Freiligrath: «Das ist das alte Reichspanier, Das sind die alten Farben! Darunter hauen und holen wir Uns bald wohl junge Narben! Denn erst der Anfang ist gemacht, Noch steht bevor die letzte Schlacht! Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme!» Doch nun geschah ein Wunder. Selbst das Fiasko des politischen Aufbruchs von 1848/49 konnte deutsche Einheitssehnsüchte nicht zum Verstummen bringen. Die Gedanken zumindest waren frei und äußerten sich immer häufiger auch Jacob Carl Kahl, Burschenschafter aus Darmstadt, Heidelberg und Gießen, auf einer Zeichnung aus dem Jahre 1819, vermutlich von Ernst Fries. Bild: Public Domain, Wikimedia Einlasskarte zum Hambacher Fest 1832. Foto: HJunghans, Wikipedia, CC-BY-SA 4.0 Bild links: Sitzung der Frankfurter Nationalversammlung. Bild: Public Domain, Wikimedia Bild rechts: Barrikadenkämpfe in Berlin im März 1848. Erkennbar ist die schwarz-rot-goldene Fahne der Monarchie-Befürworter in der Mitte und die Trikolore der Republikaner rechts. Bild: Public Domain, Wikimedia 69

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