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COMPACT-Geschichte

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Beschreibung der Deutschen Geschichte

COMPACTGeschichte _ Mit Glanz und Gloria ins 20. Jahrhundert Nach schweren Auseinandersetzungen mit Kaiser Wilhelm II. reichte Otto von Bismarck am 18. März 1890 seinen Rücktritt ein. Die britische Zeitschrift Punch veröffentlichte daraufhin diese Karrikatur Der Lotse geht von Bord. Bild: Public Domain, Wikimedia erns (nach polternd-hartnäckigem Widerstand) dazu bequemten, die Pickelhaube aufzusetzen. Die deutsche Reichspolitik wurde nach Bismarcks Abgang 1890 immer weniger von Preußen geprägt, was auch in der Person des Reichskanzlers (etwa der Bayer Hohenlohe-Schillingsfürst) zum Ausdruck kam. Der Staat Preußen hatte seinen Erfolg im Vollzug der kleindeutschen Einigung mit dem Verlust seiner Unabhängigkeit und Souveränität bezahlt. Im Gegenzug beeinflussten preußische Wertvorstellungen und Leitbilder das übrige Deutschland in erheblichem Maße. Statt einer «Verpreußung» kam es zur Symbiose zwischen Potsdam und Weimar. Überdies war man klug genug, zunächst eine politische Union herbeizuführen und erst danach die finanzielle. Durch das Reichsmünzgesetz von 1873 wurden die insgesamt acht Landeswährungen (u.a. Taler, Gulden, Schilling, Franken) in der stabilen Mark zusammengefasst. Erst kam die politische Einheit, dann die Währungsunion. Das Reichstagsgebäude wurde 1894 eröffnet. Zuvor tagten die Abgeordneten provisorisch im Preußischen Herrenhaus. Foto: Library of Congress, Public Domain, Wikimedia Zweifellos gehörte das Deutsche Reich auf dem Feld der Innenpolitik nicht zu den Musterdemokratien; dasselbe trifft aber auch für in dieser Hinsicht oft gepriesene Staaten wie Großbritannien oder Frankreich zu. Das gesamtdeutsche Wahlrecht war (im Gegensatz zu manchen Bestimmungen der Einzelstaaten) außerordentlich liberal. Es gab keinerlei Sperrklauseln oder Fünf-Prozent-Hürden. So erlangten die «Welfen», ebenso anachronistische wie streitlustige Gefolgsleute des abgesetzten Königs von Hannover, regelmäßig ihre fünf bis zehn Parlamentssitze. In jedem Reichstag von 1871 bis 1912 saßen an die 30 Vertreter nationaler Minderheiten wie Polen, Dänen oder Elsässer. Mit der Verfassung von 1871 erhielten alle Juden reichsweit die offizielle Gleichberechtigung. Das förderte in gewissem Maße zwar den Antisemitismus; 1879 etwa konstatierte der Historiker Heinrich von Treitschke: «Die Juden sind unser Unglück.» Andererseits wären die französische Dreyfus-Affäre mit all ihren vehement judenfeindlichen Begleiterscheinungen oder gar mordgierige Judenpogrome wie in Russland hierzulande undenkbar gewesen. Der vom gesamten Volk gewählte Reichstag konnte über sein Budget- und Gesetzgebungsrecht erheblichen Einfluss auf das politische Schicksal der jeweiligen Regierung nehmen und machte davon in den fünf Jahrzehnten des Kaiserreiches auch bewusst und wirkungsvoll Gebrauch. Fünf von sieben Reichskanzlern wurden unter kritischer Mitwirkung des Parlaments entlassen, obwohl der Kanzlerwechsel laut Verfassung eigentlich nur dem Willen des Kaisers unterworfen war. Unabhängigkeit der Gerichte und Koalitionsfreiheit für die Arbeiterschaft brachten zusätzliche Rechtssicherheit. 76 Außenpolitisch wurde Deutschland unter Bismarcks Leitung zum Friedensfaktor ersten Ranges. Sichtbarer Höhepunkt dieser Entwicklung war der Berliner Kongress vom Juli 1878, als der Kanz-

COMPACTGeschichte _ Mit Glanz und Gloria ins 20. Jahrhundert ler wie «ein ehrlicher Makler» die friedliche Regelung des Balkan-Problems zwischen Russland, der Türkei und Österreich-Ungarn zuwege brachte. Als Störenfried der europäischen Ordnung galt bis zur Jahrhundertwende vornehmlich Frankreich, das den Verlust Elsass-Lothringens nicht verschmerzen wollte und die misstönende Revanche-Trompete mit penetranter Regelmäßigkeit ertönen ließ. «Die Angriffe auf Deutschland waren das tägliche Brot der Franzosen und erstreckten sich auf alles, auf die deutsche Küche oder Architektur ebenso wie auf die deutsche Diplomatie», schreibt Friedrich Sieburg. «Die wilde Gehässigkeit dieses Treibens … überrascht noch heute.» Bismarck gelang es jedoch, durch den «Drei-Kaiser-Vertrag» von 1881 zwischen Deutschland, Russland und Österreich-Ungarn, die Franzosen zu isolieren. Der gallische Hahn erprobte seine Kräfte zunächst beim Aufbau eines großen asiatisch-afrikanischen Kolonialreiches und ließ seine Soldaten statt gegen den verhassten Nachbarn vorerst mit Siamesen, Berbern und Senegal-Negern kämpfen. Die nachhaltigste europäische Vorbildwirkung erreichte Deutschland bezeichnenderweise nicht auf militärischem, sondern auf sozialem Gebiet. Es begann 1883 mit der von Bismarck initiierten Krankenversicherung und wurde von Kaiser Wilhelm II. 1889 vollendet mit dem Gesetz über Altersund Invalidenversicherung. Ungeachtet aller heutzutage restriktiv anmutenden Bestimmungen (Rentenanspruch bestand erst mit dem 70. Lebensjahr und setzte 30-jährige Beitragszahlung voraus) war die staatlich geförderte Sozialpolitik des deutschen Kaiserreiches einmalig in Europa. Großbritannien brauchte 25 Jahre, Frankreich nahezu ein halbes Jahrhundert, um auf diesem Sektor einen ähnlichen Standard zu erreichen. Marxistische Geschichtsschreiber, von Amts wegen verpflichtet, alles Kaiserlich-Deutsche miserabel zu finden, ebenso wie ihre geistesverwandten linkslastigen Historiker westlicher Prägung, welche vergangene Zeiten grundsätzlich nur mit heutigen Maßstäben messen, erfanden zur Relativierung des sozialen Fortschritts im Reich den Terminus «Zuckerbrot und Peitsche». Durch die knallrote Brille des Klassenkampfes betrachtet, kommt so wieder Ordnung ins Weltbild. Denn ein sozialliberales Kaiserreich preußischer Provenienz passt nicht ins Denkgefüge der Linken, die zwar heiße Tränen über Bismarcks Sozialistengesetze vergießen, dabei aber gern übersehen, dass gerade in Deutschland der Sozialdemokratie ungeahnte politische Möglichkeiten eingeräumt wurden. Der Berliner Kongress 1878 auf einem Gemälde von Anton von Werner (1843–1915). Erkennbar sind links im Hintergrund der Russe Gortschakow im Gespräch mit dem Briten Disraeli, in der Mitte Bismarck zwischen Andrassy, dem Vertreter Österreich-Ungarns, und dem Russen Schuwalow; rechts im Hintergrund neben Bismarcks Oberarm Friedrich August von Holstein, die graue Eminenz des Auswärtigen Amts. Bild: picture alliance / akg-images «Angriffe auf Deutschland waren das tägliche Brot der Franzosen.» Friedrich Sieburg 77

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