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COMPACT-Geschichte

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Beschreibung der Deutschen Geschichte

COMPACTGeschichte _ Mit Glanz und Gloria ins 20. Jahrhundert Schlafwandler als Wachmacher «Seit dem Erscheinen von Christopher Clarks Buch Die Schlafwandler im letzten Jahr weht ein frisches Lüftchen in der deutschen Geschichtswissenschaft: Der Muff der letzten 50 Jahre, unter dem die Thesen des Historikers Fritz Fischer aus seiner programmatischen Arbeit Der deutsche Griff nach der Weltmacht immer unangreifbarer gemacht wurden, wirbelte ein juveniler Australier auf, der sich den Denkverboten des neuen Biedermeier nicht beugen muss. Sein 800-Seiten-Wälzer war die Dicke Berta, die die verbunkerten Dogmen vor dem staunenden Publikum pulverisierte. Der Effekt war ähnlich wie bei Thilo Sarrazin: Die Erleichterung, dass endlich einmal einer das Naheliegende ausspricht (…).» (aus: COMPACT- Magazin 8/2014) Bild links: Reichstagssitzung im Jahre 1905. Bild: Machahn, Public Domain, Wikimedia Bild rechts: Das Kaiser-Wilhelm- Denkmal an der Porta Westfalica, dem Weserdurchbruch im heutigen Ostwestfalen-Lippe. Foto: Library of Congress, Public Domain, Wikimedia Mit Kaiser Wilhelm II. begann 1888 eine neue, widersprüchliche Ära. Der Monarch, mit dessen Namen sich eine ganze Epoche unserer Geschichte verbindet, repräsentierte in hohem Maße das zeitgenössische Deutschland. Der Kaiser war ein liberaler Militarist, ein intelligenter und vielseitig begabter Mann mit einem gesegneten Humor Berliner Prägung – für viele ein erschreckend moderner Preuße. Friedensliebe und Lust zur Drohgebärde vereinigten sich in ihm ebenso, wie Begeisterung über technischen Fortschritt mit romantisch-sentimentalen Auffassungen von Geschichte und Politik. «Anscheinend ist die eigentümliche Mischung aus risikobereiter Tatkraft und vorsichtigem Sicherheitsdenken etwas, das der deutschen Mentalität entgegenkommt», vermutet Gelfert in seiner Abhandlung Wie die Deutschen wurden, was sie sind. Die immense Popularität Wilhelms II. beruhte nicht zuletzt auf seiner prononcierten Ausstrahlung als Kaiser aller Deutschen. Das machte Eindruck zu einer Zeit, als der eher rationale Patriotismus des alten Hohenzollern-Staates einem überschäumendem Nationalbewusstsein wich. Das Lebensgefühl einer neuen Generation äußerte sich pompös, lauthals und selbstsicher. Man hatte als Deutscher zur Jahrhundertwende viele Gründe, Stolz für sein Land zu empfinden. Eine wirtschaftliche Großmacht mit Kolonialbesitz, ohne deren Wort in Europa keine Entscheidung mehr fiel, ein Staat mit weitgehendem sozialen Frieden, der mehr Künstler, Wissenschaftler, Erfinder und Nobelpreisträger hervorbrachte, als alle anderen zusammen, ein Reich voller Glanz und Gloria, das sich selbst immer besser gefiel. Der daraus resultierende deutsche Nationalismus besaß in Europa (vor allem bei den Franzosen) durchaus Vorbilder. Er entsprang eben nicht einer volksmäßig begründeten Aggressivität, sondern dem übersteigerten Selbstwertgefühl des mündig gewordenen Industriemenschen und dem herrschenden europäischen Zeitgeist des Imperialismus. Das Lebensgefühl äußerte sich pompös, lauthals und selbstsicher. In Deutschland braute sich nach 1900 eine Mischung aus vordergründig-naivem Patriotismus und nationalem Überschwang, aus phantasievollen Zielvorstellungen und idealisiertem Denken zusammen – eine geistige Befindlichkeit, die breite Bevölkerungskreise, einschließlich der Arbeiterschaft, erfasste. Der im Irrealen schwebende, ebenso hochgemute wie verunsicherte Zeitgeist fand seinen reinsten Ausdruck im Stil der «Wilhelminischen Kunst». Er befriedigte alles, was dem Bildungsbürger seine glanzvolle Vergangenheit gefällig vor Augen führte. Und er hob sich wohltuend ab von unverständlicher Dekadenz der Moderne, die begann, sämtliche Illusionen und Idyllen erbarmungslos zu zerschlagen. Es war unwiderruflich das letzte Kapitel innerer deutscher Einheit angebrochen. Dieses «Wir sind wieder wer»-Gefühl, das vom Kaiser bis zum letzten Straßenbahnschaffner die Deutschen vereinte, sollte nicht von ewiger Dauer sein. Das Ausland begann argwöhnisch zu werden, wenn von der Maas bis an die Memel eine Spitzenleistung nach der anderen vollbracht und lautstark verkündet 78

wurde. Frankreich kam sich gegenüber dem rheinischen Nachbarn bald wie ein Industriezwerg vor, die Briten wollten es nicht fassen, dass deutsche Schiffe die Handelsmarine des gloriosen Albion in den Schatten stellten, der Zar fürchtete spätestens seit der russischen Revolution von 1905 Deutschlands Beispiel politischer Toleranz gegenüber Sozialisten und Marxisten. Nur der pflichtbewusste alte Kaiser in Wien hielt mit seiner «fortwurstelnden» Donaumonarchie zu Deutschland. Eines Tages, so Wilhelm II. ahnungsvoll, werde man die Nibelungentreue der Österreicher teuer bezahlen müssen. Sicherlich ist Deutschland bis 1914 nicht systematisch von Feinden eingekreist worden, vielmehr stellte seine Außenpolitik sich manchmal selbst ins Abseits. Militärische Denkweisen erlangten zuweilen den Vorrang gegenüber staatsmännisch-diplomatischen. Die forcierte Flottenrüstung verstrickte Deutschland in einen letztlich verhängnisvollen Wettstreit mit Großbritannien. Warum die Engländer sich freilich von der noch weitaus aggressiveren Aufrüstung zur See der USA damals nicht bedroht fühlten, wird immer ihr Geheimnis bleiben. Der vom Generalstabschef Alfred von Schlieffen realistisch einkalkulierte Zwei-Fronten-Krieg unter Neutralitätsverletzung Belgiens raubte der deutschen Diplomatie von vornherein dringend benötigten Verhandlungsspielraum und diente den Briten als erwünschter Vorwand zum Kriegseintritt 1914. Die völlig unnatürliche Koalition zwischen dem demokratisch-parlamentarischen Frankreich und dem asiatischen Despotismus Russlands ließ in Deutschland fatalistische Kriegserwartungen und Visionen vom Endkampf zwischen Germanen, Slawen und Romanen aufkommen. Dabei ist ganz unzweifelhaft, dass spätestens seit der 2. Marokkokrise 1911 in fast allen europäischen Hauptstädten auf den unvermeidlich scheinenden Krieg hingearbeitet wurde. Da Deutschland den Ersten Weltkrieg verlor, musste es nach Siegerlogik auch an dessen Ausbruch schuldig sein. Diese These ist hierzulande immer noch Allgemeingut, verbreitet von einer Schule nationalmasochistischer Historiker; der Zusammenbruch von 1945 tat das Seine, die Hirne weiter zu vernebeln. Ideologen mögen ewig darüber streiten – hält man sich an Tatsachen, dann ist die alleinige Kriegsschuld Deutschlands nicht einmal ansatzweise feststellbar. Zu diesem Thema stellte der Oxford-Professor Hew Strachan fest: «Territoriale Expansion hatte für Deutschland keine Priorität und war keine Ursache des Ersten Weltkriegs.» War Strachan 2004 noch ein einsamer Rufer in der Wüste, kam durch das Buch des australischen Historikers Christopher Clark Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog diese Wahrheit auch in Deutschland wieder ans Tageslicht. Was sich im August 1914 von Hamburg bis München deutlich manifestierte, war eine heutzutage erstaunliche Kriegsbegeisterung. Jubel und Hurra- Rufe allerorten, fast alle waren für den Kampf. Zum Erschrecken der sozialistischen Dogmatiker marschierte auch die Arbeiterschaft voll vaterländischen Pflichtgefühls ins Feld. Von diesem Schock Als einzige deutsche Kolonie konnte Ostafrika bis Kriegsende behauptet werden. Diese Darstellung von Carl Arriens zeigt einen Durchbruch der Schutztruppe über den Rowuma Mitte November 1917. Bild: Public Domain, Wikimedia Die Deutsch-Ostafrikanische Rupie war von 1890 bis 1920 in Umlauf. Foto: DJM (talk), Public Domain, Wikimedia Die Sieger verkündeten: Deutschland war allein schuld am Krieg. 79

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