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COMPACT-Magazin 01-2017

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Merkels letzter Kampf

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COMPACT Politik in einem Hotel in der Innenstadt als Nachtportier tätig ist. Tatsächlich beträgt die Unterstützung maximal 200 Lewa, umgerechnet 100 Euro. Im Frühjahr bildeten sich die ersten Bürgerwehren, um die Polizei zu unterstützen – der schnell errichtete Zaun an der Grenze zur Türkei hat viele Löcher. Vor allem die Selbstschutztruppe um den Schrotthändler Dinko Walew brachte es zu nationaler Berühmtheit. Anders als in Deutschland steht die Regierung hinter den privaten Grenzverteidigern. «Der Staat gehört uns allen. Jeder, der hilft, verdient ein Dankeschön», sagte Borissow. Nach der Randale von Harmanli forderte die Bürgerbeauftragte Maja Manolowa – selbst Abgeordnete der Sozialistischen Partei – eine schnellere Abschiebung von Illegalen ohne Asylanspruch. Wir schaffen das… nicht 38 Präsidentenpalast in Sofia. Foto: Autor Auch in Bulgarien breitet sich der Salafismus aus. Fakten zu Bulgarien Hauptstadt Sofia Gesamtbevökerung 7,13 Millionen Lebenserwartung 75,4 Jahre Durchschnittsalter 43,5 Jahre Ausländeranteil 0,9 % BIP 49,36 Mrd. US-Dollar BIP pro Kopf 7.091,32 US-Dollar Arbeitslosenquote 9,4 % Staatsverschuldung 30,19 % Quelle: Statista es «nicht gemütlich» gewesen, doch «die Flüchtlinge selbst haben auch nicht dazu beigetragen, dass es dort gemütlicher wird», deutet die Journalistin vorsichtig die Zustände an. Harmanli brennt Im November 2016 eskalierte die Situation in Harmanli, als die Lagerleitung eine Ausgangssperre wegen ansteckender Krankheiten verhängte (was sich jedoch als Fehlalarm erwies). Die anschließenden Gewaltexzesse der Flüchtlinge hatten die Behörden offenbar nicht erwartet. Völlig überraschte Polizisten sahen sich einem Hagel aus Steinen ausgesetzt. Ein herbeibeorderter Wasserwerfer war defekt. Hunderte Asylanten zerstörten ein gerade renoviertes Gebäude, zündeten demonstrativ die bulgarische Fahne an. Das brennende Nationalsymbol ließ die Stimmung kippen. «Das war der totale Tabubruch», sagt Wanko. Erst jetzt griffen die Ordnungshüter zu Mitteln, «derer sie sich extrem selten bedienen», wie es der bulgarische Rundfunk formulierte. 400 Gewalttäter nahm die Polizei fest. Flüchtlinge, «die sich nicht an die Regeln halten wollen», sollen nun ausgewiesen werden, kündigte Ministerpräsident Borissow markig an. Die zehntausendfache Missachtung ihrer Grenzen wühlt viele Bulgaren auf. «Niemand hat um Hilfe oder Asyl gebeten, alle sind illegal mit Schleppern gekommen», ärgert sich Donka, die in der Sofioter Zentralmarkthalle einen kleinen Stand betreut. Der Zorn lässt Gerüchte aufkeimen. «Sie erhalten 1.000 Lewa. Mehr als ich verdiene», ärgert sich Ilan, der Die Asyllawine könnte auch am guten Image Deutschlands in Bulgarien kratzen. Für Janika ist es bis heute das Land ihrer Träume. «Ich liebe Deutschland. Jeden Sommer fahre ich hin.» Hier auf dem Weihnachtsmarkt, 100 Meter neben dem Präsidentenpalast, erklingen deutsche Schlager. Wie die Deutschen es wohl machen würden, ist die regelmäßige Frage bei eigenen Problemen. Borissow schmückt seinen Schreibtisch gleich mit mehreren Fotos von sich und Angela Merkel. Bulgarien bleibt eines der deutschfreundlichsten Länder, meint Vladkova. Doch überall sei zu spüren, «dass man der Merkel diesen Satz übel nimmt» – gemeint ist das berüchtigte Diktum «Wir schaffen das» aus dem Sommer 2015. Zudem ist die illegale Einwanderung nicht auf die Flüchtlingslager begrenzt. Vor allem Sofia gilt als regelrechte Drehscheibe für Migranten, auch wenn Kopftücher und moslemische Bärte im Stadtbild kaum zu sehen sind. «Geh mal von Serdika in Richtung Busbahnhof, dann wirst Du sie finden», rät Donka. In den Altbaugassen hinter dem zentralen U-Bahnhof der Innenstadt siedelten sich schon vor Jahrzehnten Syrer an, die vor der Wende zur Ausbildung nach Bulgarien kamen. Mit ihren Kleingewerben gelten sie als bestens integriert – doch nun wird das Viertel zum Magneten für andere Migranten. Einige Reiseführer raten, den dortigen Maria Luiza Boulevard zu meiden. Schon tagsüber lungern Männergruppen vor den Geschäften, manche werfen taxierende Blicke auf Frauen. Am Abend bieten Damen an Hauseingängen «Massagen» und andere Dienstleistungen feil. Hier im Grenzgebiet zwischen Okzident und Orient überlappten sich von jeher Kulturen und Religionen. In Serdika kündet das sogenannte Viereck der Toleranz vom jahrhundertelangen Miteinander: Orthodoxe und katholische Kirche, Moschee und Synagoge stehen in Sichtweite zueinander. Vom Mi-

COMPACT Politik narett ruft der Muezzin – jedoch in stark reduzierter Lautstärke. Am Freitagmittag knien Männer auf Teppichen vor der Tür des überfüllten Gebäudes. Kaum ein Besucher der gegenüberliegenden Markthalle nimmt Notiz vom religiösen Treiben, nur Sofias Polizei hat ein Auge auf die Betenden. «Religion ist egal. Früher waren wir alle Atheisten», sagt Barmann Wanko. Ob dies so bleibt? Auch in Bulgarien breitet sich der Salafismus aus. Vor einigen Jahren tauchte in den Romasiedlungen des thrakischen Pazardschik-Bezirks erstmals der bis dahin praktisch unbekannte Nidschab auf. Im Oktober verhängte das Parlament ein landesweites Verbot des Gesichtsschleiers in der Öffentlichkeit. Zwischen Brüssel und Moskau Nicht nur die Asylkrise, auch der Handelskrieg gegen Russland belastet Bulgarien. Weite Teile der Wirtschaft sind abhängig vom großen slawischen Bruder. 2015 ließen die EU-Sanktionen das Handelsvolumen um 25 Prozent einbrechen. Nahezu die gesamte politische Klasse des Landes lehnt die Blockade gegen Moskau ab. Ministerpräsident Borissow verweigerte im Juni eine Beteiligung der Marine an einem NATO-Schwarzmeermanöver gegen Russland. Mittlerweile hofft Moskau sogar auf eine Annäherung, wenn am 22. Januar mit Rumen Radew der neue Präsident sein Amt antritt. Im November gewann der Kandidat der Sozialistischen Partei die Stichwahl um das höchste Staatsamt mit 59,37 gegen die Regierungskandidatin Zezka Zatschewa. Für die westliche Presse war das ein Schock. «Putins Fanclub wächst», gab sich etwa die Hufftington Post alarmiert. Tatsächlich ist der neue Präsident jedoch ein unbeschriebenes Blatt – und ohne reale Macht. Die Sozialisten mögen Russland-freundlich sein, doch Radew ist ein in den USA ausgebildeter General – mit Sympathien für Washington und die NATO, ist sich Vladkova sicher. Janika lehnt Radew dagegen als Gewährsmann Moskaus ab – doch auch ein zu USA-freundlicher Kurs würde ihr nicht gefallen: «Ein Präsident sollte nicht pro-russisch oder proamerikanisch, sondern pro-bulgarisch sein.» Die orthodoxe Kirche attestiert dem Flüchtlingsstrom Ausmaße einer Invasion. Dass Radew als parteiloser Quereinsteiger kandidierte, dürfte ihn für viele Bulgaren wählbar gemacht haben. Das Vertrauen in die politische Klasse ist längst verloren gegangen. Die Zustimmungsrate zum Parlament liegt bei gerade noch acht Prozent. Dass Zatschewa bislang als Parlamentspräsidentin fungierte, dürfte ihre Chancen auf den Wahlsieg erheblich geschmälert haben. «Sie ist die Chefin der 240 Taugenichtse, die wir aushalten müssen», gibt Vladkova die Stimmung wieder. Zudem habe Premier Borissow – der «mediengeile Supertyp» – die Lage komplett falsch eingeschätzt. Arrogant prahlte er vor den Wahlen, auch einen Esel erfolgreich nominieren zu können. Anschließend verknüpfte er Zatschewas Wahl mit seiner eigenen politischen Zukunft – und musste nach dem Urnengang seinen Rücktritt ankündigen. Nun steht Bulgarien vor Neuwahlen. «Die meisten wissen gar nicht, wann Wahlen sind», beklagt sich Vladkova. Nein, sagt Ilan, er kenne die Termine schon – doch es sei «egal, welche Partei die Posten besetzt». Langsamer Aufschwung Seit der Jahrtausendwende geht es mit Bulgarien langsam, aber stetig bergauf. Mit gut sieben Prozent liegt die Arbeitslosigkeit unter dem EU-Schnitt. Die Wirtschaft wächst nach einem Zusammenbruch 2009 derzeit mit zwei bis drei Prozent. Bei rund 800 Lewa (400 Euro) liegt der Durchschnittslohn, in Sofia bringen viele Bürger immerhin 1.400 Lewa nach Hause. In der Hauptstadt verfügen bis zu 97 Prozent der Einwohner über eine Eigentumswohnung. Doch der neue Wohlstand kommt längst nicht bei allen an. Rund 20 Prozent der Bulgaren leben unter der nationalen Armutsgrenze. Besonders betroffen ist die Roma-Minderheit, die in Slumähnlichen Siedlungen wie dem Sofioter Vorort Fakulteta haust. Die Lebensmittelpreise in den Supermärkten übersteigen oft deutlich das deutsche Niveau. Altstadt von Plowdiw. Foto: Autor Anzeige Frühjahr 2017 | 5 Tage | 03.05.-07.05.2017 Burgen, Schlösser und Festungen in Böhmen Melnik · Prag · Theresienstadt · Königgrätz · Reichenberg · Friedland Leserreisen 2017 Herbst 2017 | 6 Tage | 03.10.-08.10. 2017 Vom Oberlauf der Weichsel durch Galizien in die Ukraine Sandomierz · Zamosz ´´ · Lemberg · Przemysl ´ · Krakau Selbstverständlich gibt es wieder eine durchgehende deutsche Reiseleitung von History-Tours und dem COMPACT-Reiseleiter P. Feist sowie örtlichen Fremdenführern. Das genaue Leistungsverzeichnis ÿ nden Sie unter reise.compact-online.de. Dort können Sie die Reisen ab sofort buchen. Jetzt anmelden!

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