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COMPACT-Magazin 01-2017

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Merkels letzter Kampf

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COMPACT Leben 54 Artwork «Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt» (1979). Foto: 20th Century Fox Der Krieg der Welten wurde 1938 als Hörspiel berühmt. Foto: Unbekannt Sogar Papst Franziskus versicherte, dass wir im Universum nicht allein seien. Eine solche Angstvision brachte der Engländer H. G. Wells mit Krieg der Welten (1898) zu Papier. Der Roman wurde Vorreiter aller Bedrohungs-Szenarien aus dem All – bis zum Independence Day (1996). Wells’ Marsianer sind antikantianisch: grottenhässlich und abgrundtief böse. Story: Der Mars verdorrt, seine Bewohner halten Ausschau nach einem neuen Wohnort. Von allen Planeten eignet sich nur die Erde. Leider ist sie schon bevölkert. Also senden die Marsianer Killer-Ufos zum blauen Planeten, um die Menschheit einzuäschern… Neben den zwei Verfilmungen (1953, 2005) sorgte vor allem die Hörspielversion für Aufsehen: Orson Welles adaptierte den Roman 1938 in Form einer Live-Radioreportage. Bei der Ausstrahlung rannten tausende US-Bürger kreischend auf die Straße. Die Einsamkeit der Solitronen Überhaupt stieg Mitte des 20. Jahrhunderts die Zahl von Ufo- und Aliensichtungen rapide an. Der Psychologe Carl Gustav Jung widmete dem seine Schrift Ein moderner Mythus – Von Dingen, die am Himmel gesehen werden (1952). Jungs Erklärung: Im Ufo-Phänomen kommt ein Archetyp zum Vorschein, ein Bild, das im menschlichen Seelengrund schlummert. Bricht er sich Bahn, kommt es zu Projektionen beziehungsweise «Visionen». Die aber interpretiert der Mensch stets im Rahmen seiner jeweiligen Kultur: In christlichen Zeiten glaubte man Engel oder Gott zu sehen, in postchristlicher Kultur nehmen Außerirdische deren Platz ein. In beiden Fällen geht es um Verbindung zum Göttlichen. Tatsächlich entwickelte der Alienglaube religiöse Züge. Mit ihm lässt sich die Angst mildern, allein ein riesiges dunkles Universum zu bewohnen: Es wäre dann kein gigantisches Grab mehr, sondern voller Vitalität. Außerdem beinhaltete die Alien-Spekulation eine Erklärung zur Entstehung iridischen Lebens: Als Abkömmling eines anderen Planeten flog es – womöglich im Inneren eines Meteors geschützt – zur Erde und startete hier seinen evolutionären Weg. Viele Naturwissenschaftler stützen diese Theorie bis heute. Ein Professor pointierte sie in Jean-Luc Godards Film Maria und Joseph (1985) in dem Satz: «Sie möchten wissen, wie ein Außerirdischer aussieht? Sehen Sie in den Spiegel.» Dass die Hypothese vom Leben aus dem All das Geheimnis der Existenz allerdings nicht löst, sondern bloß um eine Stufe verschiebt, zeigte Ridley Scotts’ Prometheus (2012). In dem Science-Fiction- Film erhält die Menschheit Signale von ihren außerirdischen Schöpfern. Als Forscher deren Planeten erreichen, müssen sie feststellen, dass die Aliens zwar die Menschheit kreiert haben, sich aber ihre eigene Existenz nicht erklären können, sondern ihrerseits über Schöpfungsgottheiten spekulieren und ihnen Kulte widmen. Es gibt auch neukantianische Ufologen, die an das Gute im Alien glauben, sogar unter den Filmemachern. In Der Tag, an dem die Erde stillstand (1951) besucht ein Außerirdischer die Erde, um deren Bewohner vor der Selbstvernichtung zu warnen. Auch die intergalaktischen Gäste aus Unheimliche Begegnung der dritten Art (1977) kommen in friedlicher Absicht, und E.T. (1982), von außerirdischen Gefährten bei einer Erdexpedition zurückgelassen, ist bedürftig wie ein Kleinkind. Kürzlich startete der neue Alien-Blockbuster Arrival (2016): Siebenfüßige Außerirdische landen in einem schwarzen, muschelförmigen Ufo und schreiben auf dessen Wand eine Botschaft. Während zwei Wissenschaftler die logische Struktur der Sprache mühsam entschlüs- Anzeige

COMPACT Leben seln, schüren Medien und Politiker eine Hetz- und Hassatmosphäre, die beinah in einem Weltkrieg eskaliert. Arrival mahnt in globalen Zeiten, wo Begegnung mit dem «Fremden», dem «Anderen» in Gesellschaft und Politik zum Alltag gehört, Besonnenheit zu wahren. Das verlangt immer wieder ein Bemühen um Verständigung, aber ohne die ist der Planet verloren. Arrival ist ein Pflichtfilm für Fans militärischer Lösungen. Sie kommen? Sie sind schon da! Derzeit wähnt sich mancher Naturwissenschaftler den Aliens so nah wie nie zuvor. Gigantische Teleskope, auf Satelliten montiert, durchforsten das All, entdecken regelmäßig Planeten mit erdähnlichen Bedingungen (Treibhausgase, Wasser und Kohlenstoffdioxid). Da dürften durchaus Ursuppen blubbern, in denen Leben entsteht. Sogar Papst Franziskus versicherte 2014, «dass wir im Universum nicht allein» seien. Skeptiker halten dagegen, dass auf fernen Planeten womöglich Leben entsteht, aber meist «noch vor jeglichen evolutionären Prozessen ausstirbt» (Simon Lohmann). Damit primitive Lebensformen den Evolutionsprozess zum komplexen Organismus vollziehen, müssen nämlich noch eine Menge zusätzlicher Faktoren einwirken. Außerdem gibt es für jeden Planeten nur ein gewisses Zeitfenster, in dem sich Leben auf ihm bilden kann. Bezieht man solche Erschwernisse mit ein, nimmt die Wahrscheinlichkeit der Existenz extraterrestrischer Intelligenz deutlich ab. Mögen Aliens in alle westlichen Kulturkanäle gesickert sein, mögen Forscher weitere Indizien ihrer Existenz vorlegen – noch ist kein schlagender Beweis, keine Begegnung in Aussicht. Aber nichts finden heißt ja nicht unbedingt, dass nichts da ist… Schon in den 1920er Jahren notierte der Philosoph Oswald Spengler, dass wir nur zwischen organischer und nichtorganischer Materie unterscheiden können. Das mag auf der Erde eine sinnvolle Einteilung sein, aber gilt sie für das gesamte All? Für Spengler eher nicht: «Organisches Leben ist eine Zufallsform des unendlichen Sichwandelns, nur auf der Erde, in einer kurzen Zeit von deren Geschichte.» Aber «was auf anderen Planeten an Formen der Wandlung möglich ist (…) können wir nicht beurteilen, da unser Denken eben an die Tatsache des Lebens auf der Erde gebunden und ein Teil davon ist». Will sagen: Vielleicht ist der Dualismus von toter und belebter Materie eine Verengung. Vielleicht gibt es Seinsformen jenseits von organisch oder anorganisch, jenseits von «tot» oder «lebendig»? Freilich würden Wissenschaftler dieses wirklich «Fremde», gänzlich «Andere» nicht erkennen. Sie wüssten nicht einmal, wie sie suchen, wonach sie fragen sollten. Womöglich sind Astronauten auf dem Mond daran vorbeispaziert? Womöglich sind Astronauten auf dem Mond an anorganischen Aliens vorbeispaziert. Sollten aber Aliens existieren, warnte Physiker Stephen Hawking, sei es besser, ihnen nicht zu begegnen: wer weiß, ob sie uns nicht vernichten oder versklaven würden? Mancher Forscher beobachtet mit Sorge, dass die NASA munter Signale ins All sendet. Was, wenn sie damit destruktive Außerirdische auf unsere Spur lenken? Bild links: Goldene Platte der Voyager-2. Foto: NASA/JPL; Bild rechts: Filmszene «Independence Day» (1996) Foto: Twentieth Century Fox Sexy Aliens Jenseits von Gut und Böse waren die Aliens der Drogenund Subkultur, die mit kosmischer Erfahrung und toxischer Bewusstseinserweiterung experimentierten. Deshalb heißt ein mit Marihuana versetzter Kuchen heute noch «Space- Cake». Seltener finden Aliens als erotische Projektionsfläche Verwendung: In Der Mann, der vom Himmel fiel (1974) brachte David Bowie das weibliche Publikum zum Schmelzen, während in Lifeforce (1985) oder Species (1995) aggressive Aliens die Gestalt schöner Femmes fatales annehmen. Astronauten und Forscher verfallen ihnen und bezahlen die Lust mit dem Leben. Im Sommer 2017 wird Musikstar Rihanna in Luc Bessons’ Valerian – Die Stadt der Tausend Planeten als außerirdische Bar-Stripperin dem Publikum einheizen. Die Sängerin ist in dem Genre übrigens kein Neuling: Schon in Battleship (2012) zerballerte sie in der Rolle eines Navy-Officers aggressive Außerirdische. Sexy Alien Natasha Henstridge, («Species»). Foto: Canadian Film Centre, CC BY 2.0, flickr.com 55

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