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COMPACT-Magazin 02-2017

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COMPACT Dossier Schicksalskampf gegen die Drachengöttin _ von Julian Michael Weltkulturerbe Palmyra – vom Islamischen Staat heimgesucht, vom Westen verraten, von Russland befreit. Die alten Götter der Wüstenoase werden von den Kräften des Chaos herausgefordert. Erneut haben die Dschihadisten die antiken Ruinen besetzt. Das römische Theater diente dem IS als Kulisse für eine Massenenthauptung. Die Kinder von Aleppo können sich kaum an eine Zeit ohne Krieg erinnern. Foto: picture alliance / Photoshot Ein Relief im Bel-Tempel in Palmyra zeigt den Kampf des jungen Gottes Marduk gegen ein urzeitliches Ungeheuer: die drachenhafte Muttergottheit Tiamat, die Verkörperung des Chaos. Im babylonischen Mythos wird sie zunächst von den alten, mächtigen und etablierten Göttern angegriffen, doch diese schrecken allesamt vor dem dunklen, archaischen Ungetüm zurück und scheitern. Der Held, der Tiamat am Ende bezwingt, ist ein Jugendlicher, ein Unerwarteter – eben dieser Marduk. Er steigt durch seine ruhmreiche Tat schließlich zum rechtmäßigen Herrscher über alle Götter auf. Lässt sich diese Symbolik auch auf den aktuellen Krieg in Syrien anwenden? Wer ist der Wiedergänger des Helden aus der uralten Sage? Wer wird das Chaos bändigen und die Welt zur Ordnung führen? Seit fünf Jahren ist kaum ein Tag vergangen, ohne dass uns Schlagzeilen aus umkämpften Städten wie Damaskus, Aleppo, Homs und Hama erreichen. Bei all den Berichten über Terror, Tod und Leiden wurde aber, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt, dass auch ein großes kulturelles Erbe von den moslemischen Terrormilizen bedroht ist – ein Erbe, das die Levante mit Europa verbindet. Dafür steht die Wüstenoase Palmyra. Als die Terroristen des Islamischen Staates (IS) im Sommer 2015 dort einmarschierten, war der Name der antiken Stadt plötzlich in aller Munde. Das UNESCO-Weltkulturerbe war vor dem Krieg wohl der bedeutendste Anlaufpunkt für den Tourismus in Syrien. In archäologischen und kunsthistorischen Kreisen steht Palmyra stellvertretend für eine einmalige und besondere Verschmelzung griechisch-römischer mit levantinischer Kunst und Architektur. Zerstörungswut gegen alles Unislamische Altorientalische Gottheiten wie Bel, Allat und Nebo wurden in den monumentalen Sakralbauten der Stadt bis in die Spätantike verehrt, ihre eindrucksvollen Ruinen haben viele Besucher bewundern dürfen. Den IS-Kämpfern waren diese Tempel ein Dorn im Auge, zeugten sie doch davon, welche Blüten die syrische Kultur vor der Islamisierung trug. In ihrem grenzenlosen Hass auf alle anderen Religionen setzten sie ihr Zerstörungswerk fort, das sie bereits im Irak begonnen hatten – dort zerschlugen sie unter anderem die archäologischen Stätten Ninive, Nimrud und Hatra, Zeugnisse der vorislamischen Zeit im Zweistromland. 44 Im August 2015 sprengten die Dschihadisten zunächst das Baalschamin-Heiligtum und vergingen sich anschließend auch am größten Tempel Palmy-

as, dem eingangs erwähnten Bel-Tempel. Unersetzliche Kunstwerke verwandelten sich in Schutt und Asche, darunter das Relief mit der bisher vermutlich einzigen gesicherten Darstellung des Kampfes von Marduk gegen Tiamat, bekannt aus dem großen Schöpfungsepos Enuma elisch. Viele Skulpturen und Statuen aus dem palmyrenischen Museum, für den IS nur «Götzen», fielen der Vernichtungswut ebenfalls zum Opfer. Der Chefarchäologe der Stadt, Khaled Asaad, der die Stätte über 40 Jahre lang betreut hat, wurde als abtrünniger «Apostat» öffentlich enthauptet. Ein Propagandavideo zeigt darüber hinaus den Missbrauch des alten römischen Theaters als Kulisse für die Hinrichtung von 25 Soldaten der syrischen Armee, vor einem großen Publikum von augenscheinlich minderjährigen IS-Anhängern durchgeführt. Die atlantischen Götter versagen Durch die Taten der Terroristen wurde nicht nur ein Stück syrischer Geschichte ausgelöscht; auch wir Europäer sind die Erben und Nachfolger der antiken römisch-hellenischen Kultur, die Palmyra geprägt hat. Seine Heiligtümer und Ruinen haben Reisende im 17. und 18. Jahrhundert so begeistert, dass in unseren Breiten der vom palmyrenischen Baustil inspirierte Klassizismus aufkam. «Leider wissen die Kultur-Nihilisten des Islamischen Staates ja schon: Das Weltkulturerbe zu zerstören lohnt sich für sie – denn es ist ein Teil von uns», schrieb Sonja Zekri treffend unter der Überschrift «Warum Palmyra uns alle angeht» in der Süddeutschen Zeitung. Darum verwundert das Zusehen, das Nichteingreifen des Westens umso mehr. Es zeigt, dass auch unsere Politiker vom Kultur-Nihilismus ergriffen sind, denn sie klammern sich an ihre globalistische Agenda, statt ein einziges Mal zum Schutz unseres gemeinsamen Erbes über ihren ideologischen Schatten zu springen und die syrischen Truppen im Kampf gegen den barbarischen IS zu unterstützen. Die atlantischen Regierungen, die sich schon auf dem Weg zu einem «Ende der Geschichte» (Francis Fukuyama) im liberalen Menschheitsparadies sahen und von einer unglaublich hohen moralischen Warte allen anderen ihre universalistischen Werte predigen, bringen es nicht fertig, eine Schar von Terroristen von einem so unglaublichen Frevel abzuhalten. Ihre großen Worte verpuffen wie die Alibi-Luftangriffe der Amerikaner gegen den IS. Glücklicherweise aber hat Syrien einen anderen, einen starken, einen echten Verbündeten: Russland. Mit Hilfe von Putins Luftwaffe konnte die Armee der Assad-Regierung im März 2016 die moderne Stadt Tadmur und die benachbarten antiken Ruinen Palmyras vom IS zurückerobern und die verbliebenen Kunstschätze sichern. Besonders bleibt die Geschichte eines russischen Märtyrers im Gedächtnis, der sein Leben in dieser Schlacht opferte: Der erst 25-jährige Speznas-Soldat Alexander Prochorenko orderte, von IS-Kämpfern umzingelt, einen Luftschlag auf seine eigene Position an. Dafür verlieh man ihm posthum den Orden «Held der russischen Das Ruinengelände von Palmyria ist seit 1980 Uneso-Weltkulturerbe. Foto: picture alliance / AP Photo Russland erweist sich als kulturerhaltende Kraft gegen den dekadenten Westen. _ Julian Michael studierte Archäologie und Kulturgeschichte des Vorderen Orients (M.A.) in Frankfurt am Main und schrieb bisher für Online-Portale. 45

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