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COMPACT-Magazin 03-2017

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Schulz wird Merkel

#SchulzKannÜberWasserLaufen _ von Harald Harzheim und Jürgen Elsässer 18 Um den sozialdemokratischen Messias herum ist ein medialer Hype entstanden, der mit Fakten nichts zu tun hat. Die Münchhausiade, mit der sich die SPD aus dem Sumpf ziehen will, basiert auf Erwartungen, deren Irrealität offen eingestanden wird – und die genau dadurch unangreifbar werden. So würden die SPD-Granden im September wohl gerne auf die Hochrechnungsbalken schauen. Foto: picture alliance / Kay Nietfeld/dpa «Martin Schulz geht so ab, Kim Jong-un hat schon eine Rakete nach ihm benannt.» Heute Show In den sozialen Netzwerken herrscht seit Martin Schulz’ Nominierung zum Kanzlerkandidaten Hashtag-Euphorie: #Gottkanzler, #Keinebremsen, #SchulzFacts, #JetztistSchulz, #SchulzEffekt. Gestartet wurde der Hype angeblich auf der Website Reddit. Dort wird der Sozi liebevoll-überdreht zum Popstar stilisiert. User posten Schwärmereien wie «Dieser Zug kennt keine Bremsen! Der Schulz-Express wurde soeben um 593 km/h schneller und ist jetzt 229.1825 km/h schnell! Reiseziel: Berlin, Bundeskanzleramt – Halte währenddessen: keine!» Noch innovativer ist die Anpassung alter Chuck- Norris-Witze auf den drögen Eurokraten. «Martin Schulz geht so ab, Kim Jong-un hat schon eine Rakete nach ihm benannt», twittert die Heute Show des ZDF. 1.000 Likes gab es für: «Der Kanzler-Dienstwagen von Martin Schulz braucht kein Benzin. Er fährt aus Respekt.» 700 Herzchen sammelte der Tweet: «Wenn Martin Schulz ins Wasser springt, wird er nicht nass. Das Wasser wird sozialdemokratisch.» Es ist ein Tsunami aus Blödeleien auf Didi-Hallervorden-Niveau, der durch das Netz fegt und vermutlich noch mehr Menschen erreicht als die etablierten Medien. Aber auch die ziehen mit. Blätter, die noch gestern «Mutti forever!» jubelten, hoffen jetzt auf «Sankt Martin» (Der Spiegel). Das Resultat der Schulz-o-Mania: Der sozialdemokratische Herausforderer hat – als erster SPD-Kanzlerkandidat seit Gerhard Schröder – Angela Merkel in der Beliebtheitsskala überholt, und auch seine Partei lag Mitte Februar nach Zugewinnen von bis zu neun Prozent in manchen Umfragen vor der Union. Mann ohne Vergangenheit Wer ist Martin Schulz? Wüsste man nicht, dass er bis vor wenigen Wochen den Präsidenten des EU-Parlaments gespielt hat, könnte man glauben, er sei aus dem Nichts gekommen. Ist der Vorkämpfer der Globalisierung im EU-Parlament tatsächlich identisch mit jenem Bruder Martin, der sein Herz für die Globalisierungsverlierer entdeckt haben will? Schulz’ PR-Abteilung arbeitet derzeit mit drei Aspekten seiner Biographie: Dass er aus einfachen Verhältnissen stammt. Dass er seine Ausbildung abbrach. Dass er trockener Alkoholiker ist. Die Botschaft: Der Martin versteht Euch Loser! Der war selber mal einer. Schulz soll aufgrund seiner frühen Jahre der Beweis dafür sein, dass ein EU- und SPD-Politiker tatsächlich auch ein Herz für Arme hat – und viele kaufen ihm das ab. Ein Schulz-Fan auf der Website Bento phantasiert: «Auch Schulz ist wirklich wütend, wenn er die hohe Jugendarbeitslosigkeit anprangert. Oder Unternehmen kritisiert, weil sie

COMPACT Titelthema kaum Steuern zahlen.» Umgekehrt mahnte bereits ein systemkonformer Leitartikler im Spiegel, Schulz solle sich keinesfalls vom EU-Kurs und der Globalisierung abwenden. Noch Ende Januar wurde Schulz für seine neue Sozial-Kostümierung verlacht. Damit, so das Magazin Cicero, werde er «den Opfergang gehen und versuchen, die anstehende Bundestagswahl für die SPD mit Würde zu verlieren». Schließlich sei der Begriff der sozialen Gerechtigkeit längst ausgehöhlt, zum puren Euphemismus für die zunehmende Konsumgier der Wohlstandsgesellschaft verkommen. Die realitätsferne Systempresse schüttet das Kind mit dem Bade aus: Das Elend ist real, soziale Gerechtigkeit daher nach wie vor eines der größten Defizite in der Gesellschaft. Dass Schulz das Thema geschickt zur kosmetischen Tünche für die neoliberale Sozialdemokratie nutzt, steht auf einem anderen Blatt. Natürlich ist Deutschland seit Jahren an zahlreiche Volten seiner Bundeskanzlerin gewöhnt. Aber die musste ihre 180 Grad-Meinungswechsel zumindest öffentlich thematisieren, noch mit einem Hauch von Begründung tarnen: So war ihr der Reaktorunfall von Fukushima Anlass für die plötzliche Energiewende. Schulz braucht auch das nicht mehr. Keine Erklärung, keine Entschuldigung. Nichts. In dem Punkt hat er seine Mutti Merkel – mit der er einst, wie ein abhängiger Sohn, täglich telefonierte – wahrhaftig übertroffen. Der postfaktische Kandidat Aber weshalb verlangt niemand Aufklärung über seinen angeblichen Wandel? Es scheint, als herrsche heimliche Angst, dass bei dessen Durchleuchtung eine politische Illusion zerbräche. Denn mit dem überfallartigen Übergang vom EU-Lobbyisten zum Kanzlerkandidaten suggeriert Schulz in nebulöser Weise die Vereinbarkeit von Unvereinbarem: Neoliberaler Globalismus und Sozialstaatlichkeit sind Gegensätze. Wer sich für Globalismus ohne Grenzen entscheidet, steht zwar zeitgeistig auf der richtigen Seite und gilt als weltoffen, wird aber in stiller Stunde bemerken, dass der globale Spaß auf Kosten der Verteilungsgerechtigkeit geht, weil er einen Großteil der Bevölkerung zu Verlierern degradiert. Wer sich hingegen für Souveränität und Sozialstaatlichkeit entscheidet, gilt als rückständiger Nationalist oder Schlimmeres. Dagegen gibt Martin Schulz mit seinem Surfen zwischen globalistischer EU und nationalem Sozialstaat eine Überwindung dieses Gegensatzes vor: Seht her, beides ist problemlos miteinander kompatibel – soziale Gerechtigkeit und nationale Souveränität auf der einen, EU und grenzenloser Weltmarkt auf der anderen Seite. Ihr braucht nicht irgendwelche radikalen Randparteien zu wählen! Ihr müsst nicht in Feindschaft zum Establishment stehen! Seht, der Heilige Martin beendet den Frontenkrieg zwischen Links, Altlinks und Rechts… Ähnlich messianische Hoffnung projizierten westliche Publizisten zuletzt auf Barack Obama. Jakob Augstein spielte jüngst auf den Ex-Präsidenten an, als er seine Hymne auf Schulz mit der Überschrift «Und ob he can!» versah. Als wäre das nicht irrsinnig genug, versucht der euphorisierte Schreiber auch noch, entgegen der Methode im Mainstream, den Begriff des Populismus positiv zu besetzen: «Ist Martin Schulz (…) ein Populist? Hoffentlich! Das Wort ”Populist” hat keinen guten Klang. Zu Unrecht. Wer Politik für die Menschen machen will, muss die Menschen verstehen – und sie ihn. Gute Politik braucht guten Populismus.» Dabei trennen Schulz von den Populisten, egal ob linker oder rechter Couleur, Welten: Während diese an realen Interessen der Menschen in der analogen Welt – links eher die soziale Sicherheit, rechts eher die kontrollierten Grenzen – anknüpfen, dockt Schulz nur an die populären Phrasen und Techniken der virtuellen Sphäre an. Im Unterschied zu Frauke Petry, Björn Höcke oder auch Sahra Wagenknecht ist er kein Volkstribun, sondern ein Hipster. Was ihn nach oben trägt, sind postfaktische Versprechen: Seine Internet-affine Gefolgschaft fragt nicht danach, wie er seine Solidaritäts- und Respektphrasen nach der Wahl in Politik umsetzen will. Die Phrase selbst ist es, an der sie sich berauscht. Inmitten der Hashtags von #SchulzFacts tauchte plötzlich eine böse Tatsache auf: «Martin Schulz will mit Euro-Bonds und Transferunion die Schulden der Südeuropäer von deutschen Sparern bezahlen lassen.» Doch keinem fällt das negativ auf, denn wer wie Jesus über Wasser laufen kann, kann auch mit Euro- Bonds Wunder vollbringen. Deutsche wollen Schulz nicht als Kanzlerkandidat Die Frage war, für welches Amt Martin Schulz (SPD) am besten geeignet ist. (2.577 Befragte am 24.11.2016) 46 % Weiß nicht/ keine Angabe 12 % Ein Anderes Quelle: YouGov, statista In der Internetblase Martin Schulz versucht eine Kopie des Internetwahlkampfes von Donald Trump. Doch es gibt einen wichtigen Unterschied: «Es ist eine kleine Nische des Internets, die mit viel Humor sogenannte Memes produziert, also Inhalte, die sich im Internet verbreiten, aus Insiderwitzen bestehen und damit für eine bestimmte Nutzergruppe hohen Wiedererkennungswert haben. Die US-Präsidentschaftswahl hat gezeigt, dass solche Memes, die von Nutzern und nicht direkt aus den Wahlkampfzentralen stammen, den Online- Wahlkampf prägen können. Um The_Schulz zu verstehen, muss man in die USA blicken. Es ist die Antwort auf das Reddit-Forum The_Donald, in dem der jetzige US-Präsident während des Wahlkampfes hochgejubelt wurde. (…) Ob sich das in Deutschland so wiederholt, ist ungewiss. Schulz polarisiert nicht wie Trump, und während Reddit in Amerika eine der größten Internetseiten ist, steckt das Forum hier in der Nische fest.» (Spiegel Online, 31.1.2017) Hipster Schulz: Für einen Trump- Vergleich muss der Sozi noch um ein paar Millionen Follower zulegen. Foto: Screenshot Twitter 16 % Präsident des EU-Parlaments 16 % Außenminister 10 % Bundeskanzler Grafik: COMPACT 19

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