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COMPACT-Magazin 03-2017

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Schulz wird Merkel

Hofnarren des

Hofnarren des Merkel-Staats _ von Marc Dassen Von Volker Pispers über Didi Hallervorden bis zu Dieter Nuhr: Das politische Kabarett in Deutschland scheint dem Untergang geweiht. Gekalauert wird auf Kosten des Volkes und der Opposition – doch regimetreue Komödianten braucht niemand. und auch mein Bekannter schaute entgeistert und kopfschüttelnd. «Was soll das werden?» zischte er, ich zuckte irritiert mit den Schultern. Weichgespült und massentauglich 56 Volker Pispers. Foto: picture alliance / POP-EYE/Kriemann «Ich bin auch gegen schlechtes Wetter. Mach’ ich deshalb eine Demo?» Volker Pispers Vielleicht war es seine letzte Gelegenheit, mit den Eliten Frieden zu schließen. Seit über drei Jahrzehnten war der urlinke Komödiant Volker Pispers erfolgreich im Geschäft. Das «kapitalistische Schweinesystem» und seine Apologeten zitterten und schwitzten bei jedem seiner Auftritte. Die zentralen Themen des einstigen Theologiestudenten: Rente, Gesundheit, Bildung, Arbeitslosigkeit, Banken, Steuern – und die unausweichliche Selbstzerstörung zum Wohle des ewigen Wachstums. Doch Ende 2015 verkündete der heute 59-Jährige den vorläufigen Abschied von der Bühne – und nutzte sein letztes Publikum zu einem Kotau vor der Politischen Korrektheit. Es war mein bester Freund, der mich an jenem Dezemberabend einlud, mit ihm den Großmeister des kritischen Kabaretts zu erleben. Schwarz gekleidet und wie immer unrasiert schritt der Mann des Abends auf die Bretter, die die Welt bedeuten. «Wir werden mit Angst regiert, meine Damen und Herren, mit Angst», lautete seine zentrale Botschaft. Doch plötzlich glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen – Pispers hatte in seinen amüsanten Vortrag über die perfide Weltreligion Kapitalismus und die Abgründe der «entsolidarisierten Gesellschaft» eine Passage zum Thema Pegida eingebaut: «Das sind Leute», witzelte er, während sein Blick durch den Saal kreiste, «die laufen Transparenten hinterher, da steht drauf: ”Gegen Gotteskriege auf deutschem Boden”.» Des Künstlers vernichtendes Urteil: «Was ist das denn für eine Demo? Ich bin auch gegen schlechtes Wetter. Mach’ ich deshalb eine Demo?» Islamismus als Banalität? Terror als Graupelschauer? Meine Hände blieben reglos auf den Oberschenkeln liegen. Um uns herum blökten und wieherten die versammelten Kleinkunstfreunde. Vom Beifall ermutigt, setzte der bärtige Spaßmacher noch einen drauf: «Man darf nicht sagen, das sind alles Nazis. Nein, das stimmt. Manche sind einfach auch nur strunzdumme Hohlköpfe.» Was war mit Volker geschehen? Hatte er nicht gerade noch die Altparteien demontiert und beklagt, dass wir «mit Angst» beherrscht werden? Und jetzt zog er die erste poli-

COMPACT Leben tische Alternative seit Jahrzehnten in den braunen Dreck – begründet mit der Angst vor vermeintlichen Nazis? Ob er diesen Witz heute, nach den Terroranschlägen von Ansbach, Würzburg und Berlin, in gleicher Weise wiederholen würde? Es war, soweit ich weiß, das erste Mal, dass Pispers sich seinen Beifall auf Kosten der kleinen Leute abholte und demonstrativ den Schulterschluss mit den Mächtigen probte. Patrioten gleich Idioten ist das Axiom der veröffentlichten Meinung – Pispers ulkte frohgemut mit im Chor. «Man muss nicht Verständnis haben, wenn Menschen ihren Fremdenhass hinter der Angst vor dem Islam verstecken», gab der Komiker den Oberlehrer. Die Antipopulisten kommen Pispers ist kein Einzelfall. Während in Dresden und anderswo das Volk aufbegehrte, beeilten sich sogenannte Comedians, einen Platz als Staatskünstler zu ergattern. Flugs wichen ehemals originelle Programme einem mainstreamtauglichen AfD- und Pegida-Bashing. Unter ihnen waren nicht nur alberne Klamauk-Tüten wie Ingo Appelt, Michael Mittermeier, Joko und Klaas, Oliver Welke oder Oliver Kalkofe, sondern auch Künstler, die ich immer respektiert hatte: etwa der Mann mit der Männerhandtasche, Erwin Pelzig, der Klaviervirtuose Hagen Rether oder der Altmeister Dieter Hallervorden. Selbst der Spaßphilosoph Dieter Nuhr und der selbsternannte Hassprediger Serdar Somuncu reihten sich brav in die Front der System-Hofnarren ein, um einer politischen Renaissance des Patriotismus das Wasser abzugraben. «Eure Feindbilder, die sind so real wie der Weihnachtsmann.» Claus von Wagner Top-Journalisten zu transatlantischen Lobbyorganisationen aufgegriffen hatte. Das Publikum honorierte dies als Akt des Widerstands gegen ein gleichgeschaltetes Medienkartell. Doch wenn es um deutsche Patrioten geht, kennen auch sie kein Pardon. Praktisch deckungsgleich mit dem Altlinken Pispers geigt auch Wagner seit Jahren dieselbe naive Melodie: «Warum in Gottes Namen marschiert Ihr unter einem großen Plakat, wo draufsteht ”Gegen die Islamisierung des Abendlandes”? In Sachsen. Da wohnen 2,2 Prozent Ausländer?!» Sein Kollege Uthoff faselte zum Thema Islamisierung: «Es ist erstaunlich, dass man dies Menschen in einem Bundesland wie Sachsen einreden kann, in dem nur 4.000 Muslime leben.» Seit wann ist es die Aufgabe eines Komikers, auf den realen Ängsten der kleinen Leute den regimetreuen Stepptanz aufzuführen? Noch einmal Wagner: «Liebe Pegidas: Eure Feindbilder, die sind so real wie der Weihnachtsmann und nichts Anderes als schlecht versteckter Rassismus.» Der nächste im Bunde der Volksverhetzer: Dieter Nuhr – angeblich der gutbürgerliche unter den Kabarettisten. Heute beklagt sich der 56-Jährige pausenlos, dass die «pöbelnde Masse» – besonders im Internet – «wieder selbstbewusst» auftrete – also ihre Meinungsfreiheit nutze. Für ihn ein «Rückschritt in Richtung Faschismus und Mittelalter, Pogrom und Hexenverbrennung». Anfang 2015 hingegen riss der Rheinländer nach dem islamistischen Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo selbst noch mutig Witze über den Islam und bestand darauf, sich den Spaß nicht verderben zu lassen. Das sei ja immerhin das, «was uns von diesen radikalen Arschlöchern unterscheidet». Erwin Pelzig. Foto: Carlos Reutemann Max Uthoff und Claus von Wagner. Foto: ZDF 2015 erhielt Dieter Nuhr zum vierten Mal den Deutschen Comedy- Preis. Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress Hagen Rether zeigte sein wahres Gesicht kurz nach der Jahreswende 2015/2016. In Anspielung auf die Kölner Silvesternacht und die dort misshandelten Frauen erklärte der Pianist mit dem Zöpfchen: «Wir regen uns doch nur auf, weil plötzlich diese ”Kerle mit den Bärten” kommen.» Den Deutschen unterstellte er süffisant, sie wollten ihre Frauen gern «selbst vergewaltigen». Damit war auch diese Gestalt für mich auf ewig ungenießbar geworden. Die GEZ-Komiker von Die Anstalt – Max Uthoff und Claus von Wagner – erfreuten sich ebenfalls lange Zeit großer Beliebtheit. Auf dem Zenit waren ihre Sympathiewerte nach einer Klage von Zeit-Mitherausgeber Josef Joffe und dessen Autor Jochen Bittner, weil die Show die Verbindungen deutscher 57

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