Aufrufe
vor 9 Monaten

COMPACT-Magazin 04-2017

  • Text
  • Gruene
  • Deutschland
  • Compact
  • Deutschen
  • Politik
  • Merkel
  • Erdogan
  • Welt
  • Deutsche
  • Schweden
  • Volk
Kalifat BRD Feindliche Übernahme durch Erdogan und Co.

COMPACT

COMPACT Titelthema Super-Erdo rettet die Welt _ von Fritz Borchert 22 Warum sollte ein Volk seinen Präsidenten per Referendum zum Diktator erheben? Dazu müsste man ihm einreden: Unser Herrscher ist mehr als ein Mensch – er ist ein Superman, und deshalb verdient er unbegrenzte Macht. Genau das versucht der Film Reis mit Erdogan. Der bessere Film Wer sich Reis nicht antun möchte, wird vielleicht Spaß am Satire-Song «Erdowie, Erdowo, Erdogan» haben, gesungen auf eine Melodie von Nena aus den 1980er Jahren. Dass er am 17. März 2016 in der Satiresendung Extra 3 des NDR ausgestrahlt wurde, führte zur zweimaligen Einbestellung des deutschen Botschafters in Ankara. Den Clip gibt es immer noch auf Youtube. Er lebt auf großem Fuß, Der Boss vom Bosporus. (…) Ein Journalist, der was verfasst, Das Erdogan nicht passt, Ist morgen schon im Knast. (…) Sei schön charmant, Denn er hat dich in der Hand: Erdowie, Erdowo, Erdogan. Die Zeit ist reif Für sein Großosmanisches Reich, Erdowie, Erdowo, Erdogan. Gleiche Rechte für die Frau‘n? Die werden auch verhau‘n! Ist das Wahlergebnis schlecht, Das ruckelt er zurecht. Kurden hasst er wie die Pest, Die bombardiert er auch viel lieber Als die Glaubensbrüder drüben beim IS. Gib ihm dein Geld, Er baut dir ein Flüchtlingszelt: Erdowie, Erdowo, Erdogan. (…) Das Video erfreute sich auch mit türkischen Untertiteln großer Beliebtheit. Foto: Screenshot Youtube _ Fritz Borchert ist das Pseudonym, das einer unserer Stammautoren aus Sicherheitsgründen gewählt hat. Die Ankündigung des Produzenten Ali Avci ließ Schlimmes erahnen: «Wir sehen im globalen Kino Helden wie Spiderman und Superman, die nie gelebt haben, dabei haben wir doch unseren eigenen, lebenden Helden!» Gemeint war niemand anderer als Recep Tayyip Erdogan. Zwar schwingt er in Reis nicht zwischen Wolkenkratzern hin und her, dafür aber – etwa als Bürgermeister von Istanbul zwischen 1994 und 1998 – todesmutig über die Abgründe und Schluchten der Politik. Die Premiere des trashigen Filmporträts fand übrigens am 26. Februar 2017, an Erdogans Geburtstag, statt. Darsteller Reha Beyoglu stilisiert Erdogan zur Ikone: Während sein Umfeld aus Alltagsmenschen besteht, ist Super-Erdo wie ein Model geschminkt, hat stets ein gütiges Lächeln für seine Schutzbefohlenen. Gleich zu Beginn besucht er eine arme Familie auf ihrem Hof und drückt dem kleinen Sohn seine Visitenkarte in die Hand: Falls Ihr mich braucht – Anruf genügt. Wenige Wochen später: Erdogan kehrt nach getaner Arbeit ins traute Heim zurück, um die verdiente Nachtruhe anzutreten, da klingelt das Telefon. Besagter Junge ruft an. Sein kleiner Hund ist in den Brunnen gefallen. Das ist ein Job für Super-Erdo! Er springt ins Auto, rast zur Unglücksstelle und holt den armen Kläffer aus dem Schacht. Der Junge ist überglücklich. Dazu jault melodramatischer Soundtrack. – Da zeigt sich der Unterschied zwischen westlichen Superhelden und der anatolischen Kopie: Während deren – einst kleenex-saubere – Persönlichkeit mit jedem neuen Film weiter zerbröselt und ihre Schattenseiten hervortreten, kehrt Super-Erdo zu den cineastischen Anfängen zurück und ist charakterlich absolut makellos. Kinder und Klischees Dafür liebt ihn das Volk natürlich: Super-Erdo spricht zu alten Menschen, verspricht Besserung ihrer Lage. Da kommt ein kleines Mädchen und überreicht dem Helden ein Stoffdeckchen, das Geschenk ihrer Mutter für den großen Mann. Aber die Kleine ist so überwältigt, dass sie noch ihren Kinderschmuck dazulegt. Der Heros nimmt das Geschenk und lächelt gerührt. – Es ist zum Verzweifeln: In all den Jahrzehnten hat sich der ikonographische Kitsch von Diktatoren und Möchtegern-Herrschern nicht um einen Millimeter bewegt: Alle Fieslinge des 20. Jahrhunderts ließen sich von Kindern öffentlich mit Blumen oder Ähnlichem beschenken… Kein Klischee, das Reis nicht übernommen hätte. Super-Erdo braucht keinen Alkohol, keine Zigaretten, keine Miezen. Schon als elfjähriger Tayyip ist der künftige Neo- Osmane ein Musterkind: respektvoll zu den Erwachsenen, ein fleißiger Schüler, unterstützt er schon früh den politischen Widerstand. Sein einziges Vergnügen sind Abenteuerfilme im benachbarten Kino. Darin holt er sich Inspiration für den eigenen, dornigen Weg zum Superhero. Er macht keine Streiche, flucht nicht, schreit nicht und ist stets sauber gekleidet. Der Teenager versucht es nicht mit Alkohol oder Zigaretten – und hat schon gar keinen Blick für die heißen Miezen seiner Umgebung. Stattdessen erkennt ein Imam bereits ein Leuchten in den Augen des Kindes. Als man den Regisseur des Films, Hüdaverdi Yavuz, fragte, wieso Reis nicht eine einzige Schwäche von Erdogan zeige, antwortete der: «Er hat keine Schwächen.» Das dürfte in den zwei geplanten Fortsetzungen kaum anders werden. Reha Beyoglu kann seine Rolle auch äußerlich sehr glaubhaft verkörpern. Foto: AF-Media

COMPACT Politik Kriminelle dürfen bleiben _ von Martin Müller-Mertens Der Anteil nicht asylberechtigter, aber geduldeter Flüchtlinge ist auch 2016 weiter gestiegen. Mehrere SPD-regierte Bundesländer verweigern mittlerweile Rückführungen nach Afghanistan. Pervers: Wenn überhaupt abgeschoben wird, dann trifft es gut Integrierte. Die Gewalt beginnt im Morgengrauen. Einsatzkräfte dringen in ein Haus ein, um einen abzuschiebenden Asylforderer abzuholen. Im Treppenhaus haben sich Dutzende Linksextremer versammelt. Mit lautstarkem «No border, no nation»-Gekreische blockiert die aggressive Horde die Beamten. Das Göttinger Tagblatt berichtet: «Ein Polizist sei von einem Demonstranten gebissen worden. Die Polizei brach den Einsatz, ohne in die Wohnung des Mannes gelangt zu sein, gegen 8:30 Uhr nach Rücksprache mit der Ausländerbehörde der Stadt Göttingen ab, um eine weitere Eskalation zu verhindern.» Der Vorfall trug sich im April 2014 zu. Doch Ähnliches ereignet sich regelmäßig, wenn Illegale Deutschland schließlich unter Zwang verlassen sollen. Über die Hälfte aller Versuche scheitert, oft an Vorfällen, die «wir Polizisten täglich erleben und die uns zunehmend frustrieren», hieß es etwa im Sommer 2016 in einem anonymen Brandbrief an die Bundesregierung. «Manche, die abgeschoben werden sollen, fangen an, von Rassismus herumzuschreien», berichtet etwa Ahmet Karakas, der in einer Sondereinheit der Berliner Polizei arbeitet. Auch die Fußtruppen der Asylindustrie sind oft mit Blockaden und Randale zur Stelle. Für sie bedeuten Abschiebungen «time for some action», wie das Magazin Vice in einem Artikel «ein paar Handlungsoptionen» verherrlichte. Asylforderer plötzlich krank Die Konsequenzen lässt eine parlamentarische Antwort des niedersächsischen Innenministeriums vom März 2017 erahnen. So mussten im vergangenen Jahr allein in dem norddeutschen Bundesland 2.390 der 4.349 Abschiebeversuche abgebrochen werden. Allein die Stornokosten für abgesagte Flüge beliefen sich dabei auf 85.658,59 Euro. Als Gründe führt die Behörde unter anderem auf, dass «die notwendigen Passersatzpapiere nicht rechtzeitig eintreffen, behördliche oder verwaltungsgerichtliche Entscheidungen einen Vollzug der Maßnahme verhindern, die Betroffenen reiseunfähig sind (…) oder nicht angetroffen werden». Dabei geht es nicht nur um fehlende Reisepässe – insbesondere nordund schwarzafrikanische Staaten stellen oft kaum Ersatzdokumente aus und verweigern damit faktisch Luxusreise in die Heimat: Mitte Dezember startete Frankfurt die erste Sammelabschiebung nach Afghanistan. Die Kosten für die Transporte darf zumeist der Steuerzahler berappen. So musste etwa das Land Berlin 2014 pro Abschiebung im Durchschnitt 7.239,45 Euro ausgeben. Foto: picture alliance / dpa «Manche, die abgeschoben werden sollen, fangen an, von Rassismus herumzuschreien.» Ahmet Karakas 23

© COMPACT-Magazin GmbH 2016 Alle Rechte vorbehalten

   Mediadaten  /  Datenschutz  /  Impressum  /  Kommentarregeln  /  Nutzungsbedingungen  /  Widerruf