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COMPACT-Magazin 05-2016

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Die letzten Aramäer im

Die letzten Aramäer im Tur Abdin _ von Fritz Poppenberg 26 Im Ersten Weltkrieg betrieb das türkische Regime eine Vertreibungsund Ausrottungspolitik gegenüber den christlichen Minderheiten. Das Dorf Hah hielt stand – und verteidigt seinen Glauben bis heute. Aramäerin im Gebirge Tur Abdin. Foto: Autor Ihre Familie musste 1993 fliehen, um Mordanschlägen zu entgehen. Verwüstet: Zaz, das Heimatdorf unserer Reiseführerin Hatune. Foto: Autor Wer heute preisgünstig Urlaub in der Türkei macht, erlebt als Pauschalreisender ein Land ohne Widersprüche. «Erlebe die Vielfalt», der Slogan der offiziellen Tourismus-Werbung, bezieht sich gerade noch auf die landschaftliche Verschiedenheit oder den unbeschwerten Wechsel zwischen Strand, Hamam und Hagia Sophia. Von der ethnischen und religiösen Vielfalt zwischen Bosporus und Anatolien, die das Osmanische Reich einst auszeichnete und vor hundert Jahren durch das grausame Abschlachten friedlicher Völkerschaften zerstört wurde, erfährt der Besucher nichts. Doch unsere kleine Reisegruppe geht ihren eigenen Weg: Wir wollen keinen Schnäppchen-Urlaub, sondern besuchen das Gebirge Tur Abdin, das Kerngebiet der Aramäer, nahe der syrischen Grenze. Die Klöster der Region gehören zu den ältesten der Welt – die hochstehende Kultur der christlichen Bevölkerung gab es schon ein halbes Jahrtausend vor Mohammed. Doch wie die Armenier des Osmanischen Reiches, so fielen auch die meisten Aramäer dem Genozid im und nach dem Ersten Weltkrieg zum Opfer. Ihre wenigen Nachfahren haben bis heute unter Enteignung und Entrechtung zu leiden. So wird das im Jahr 397 nach Christus gegründete, weltbekannte Kloster Mor Gabriel seit 2008 mit einer Flut von Gerichtsverfahren überzogen. Das Regime will an die Ländereien der Abtei heran, wobei es sich nicht scheut, geltendes Recht zu brechen. Zwar hat Recep Tayyip Erdogan 2013 unter Druck aus der Europäischen Union von «Unrecht» gesprochen, das den Mönchen widerfahren sei, doch bisher ist nichts passiert, was dieses Unrecht wiedergutgemacht hätte. Zudem ist das Unterrichten der aramäischen Sprache, immerhin der Sprache Jesu, verboten. Auf Bücher mit aramäischen Schriftzeichen machen Militär und Polizei regelmäßig Jagd. Schikanöse Durchsuchungen der Heiligtümer und Kontrollen ihrer Bewohner sind an der Tagesordnung. Unsere Reiseführerin Hatune kennt die Gegend und ihre Geschichte gut. Immerhin stammt sie selbst aus einem der Dörfer. 1993, sie war gerade neun Jahre alt, musste ihre Familie fliehen, um der grausamen Verfolgung seitens der herrschenden kurdischen Aga-Sippe zu entgehen. Der Untergang von Zaz Als wir in ihrem Heimatort Zaz ankommen, begreifen wir langsam die ganze Dimension des Geschehenen. Das ehemals blühende christliche Dorf mit etwa 2.000 Einwohnern ist weitgehend eine Trümmerlandschaft. Von den kurdischen Eroberern sind gerade noch zwei oder drei Familien ansässig, die anderen sind auf der Suche nach fetterer Beute weitergezogen – nach Deutschland. Die einzig hier noch lebenden Christen

COMPACT Titelthema sind ein Mönch syrischer Konfession und eine ältere Frau. Abgesehen vom gelegentlichen Kontakt mit der sie schikanierenden Polizei leben die beiden isoliert in der Kirche oben auf dem Hügel. Hatune führt uns zu ihrem Elternhaus – oder vielmehr zu dem, was von ihm übrig geblieben ist, nachdem Muslime eine Bombe hineingeworfen haben. Sie zeigt uns die verdorrten Felder, auf denen sie einst ihren Eltern bei der Ernte half, und die Stelle, an der ihr Vater von Kurden mit der Erschießung bedroht wurde. Er hatte versucht, den Weinberg gegen die Räuber zu verteidigen. Uns fehlen die Worte. Die Trauernde klettert auf den Trümmerhaufen, unter dem ihre Kindheit begraben liegt, setzt sich auf die Steine und weint. Im Gebiet des Tur Abdin gibt es viele Dörfer mit ähnlichem Schicksal. Als die türkische Regierung 1915 den Plan zur Ausrottung der osmanischen Christen in die Tat umsetzte, wurden die meisten Ansiedlungen von der Mordwelle einfach weggespült. Einige, die sich wie Zaz zunächst mutig wehrten, legten aufgrund der Übermacht und heimtückischer Versprechungen seitens der Angreifer die Waffen nieder. Männer und Alte wurden daraufhin abgeschlachtet, hübsche Frauen und Kinder nach den Regeln des Dschihad zwangsislamisiert. Die neuen Herren der Siedlung haben Kahlschlag gemacht, selbst den großen jahrhundertealten Baum am Teich haben sie gefällt. Ohne den Schatten der Laubkronen ist es unerträglich heiß. Eine alte Kurdin bleibt in unserer Nähe stehen, zeigt auf den ausgetrockneten Weiher und sagt so etwas wie: «Mit der Flucht der letzten Christen ist auch der Segen verschwunden, der einmal auf diesem Dorf lag.» Ob in Ägypten, im Senegal oder in der Türkei – auf meinen Reisen ist mir immer wieder aufgefallen, dass die Mohammedaner auf Kriegsfuß mit Bäumen und Wald zu stehen scheinen. Im gesamten Gebirgszug machen wir überall dieselbe Erfahrung: Fast alle Gehölze wurden gerodet, sodass die Erde der Sonne schutzlos ausgeliefert ist. Eine Oase in der Einöde So durchqueren wir eine ermüdende wüstenähnliche Landschaft. Doch je näher wir unserem neuen Reiseziel, dem Dorf Hah, kommen, desto grüner wird es erstaunlicherweise. Der Weg schlängelt sich durch neu angepflanzte Plantagen von Mandel-, Granatapfel- und Feigenbäumen, dann sogar durch einen kleinen Forst. Leute arbeiten auf den Feldern oder bringen Wagen voller Weintrauben und Wassermelonen heim. Als wir später von den Zinnen der Festung, die am Rande des christlichen Dorfes liegt, das ganze Gebiet überblicken können, liegt uns eine bewaldete Ortschaft zu Füßen – eine Oase inmitten der Zerstörung. Wir sind sprachlos. Warum wurde nicht auch Hah zerstört? Warum wurden die Menschen hier nicht auch getötet oder versklavt? Was war geschehen? Der christliche Widerstand Im Frühjahr 1915 drangen die ersten Gerüchte von fernen Massentötungen in das Dorf. Der Herr der Festung, der Adlige Rasch-scho Henno, war darüber sehr besorgt und machte sich auf den Weg in die armenischen Gebiete, um sich persönlich ein Bild zu machen. Als er nach mehreren Wochen zurückkehrte, alarmierte «Mit den letzten Christen ist auch der Segen verschwunden.» Eine Kurdin Die toten Christen, die Europa vergessen hat: Massengrab im Tur Abdin. Foto: Autor Opfer eines Massakers an Armeniern im Ersten Weltkrieg, 1918 veröffentlicht von US-Botschafter Morgenthau. Foto: Henry Morgenthau, Public domain, Wikimedia Commons 27

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