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COMPACT-Magazin 05-2016

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COMPACT Titelthema Das Schicksal der Armenier Die größte christliche Volksgruppe im Osmanischen Reich waren die etwa 1,7 Millionen orthodoxen Armenier. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden sie von der türkischen Regierung verdächtigt, mit dem ebenfalls christlich-orthodoxen Russland, einem Verbündeten der gegnerischen Entente, zu kollaborieren. Durch Massenhinrichtungen und Todesmärsche insbesondere in den Jahren 1915 und 1916 kamen je nach Schätzung zwischen 300.000 und mehr als 1,5 Millionen Armenier zu Tode. An den Verfolgungsaktionen waren neben Türken auch Kurden beteiligt. Weltweit erkennen die meisten Historiker diesen Völkermord als Tatsache an, während die Türkei lediglich von einzelnen Massakern spricht. Der Streit belastet auch die Beziehungen einiger westlicher Staaten mit Ankara. Viele Armenier überlebten die Deportationsmärsche nicht, zu denen sie das türkische Militär 1915 zwang. Das Foto hat der deutsche Offizier Armin Wegner aufgenommen. Foto: Public Domain, Wikimedia Commons er umgehend die Dorfbewohner, dass die Abschlachtung der dortigen Glaubensbrüder tatsächlich in vollem Gange war. Obwohl das Morden bisher noch nicht ihr Gebiet erreicht hatte, war sich die Ältestenschaft von Hah der tödlichen Gefahr bewusst. Im Gegensatz zu einigen anderen Weilern des Tur Abdin, die entweder gar nicht oder nicht entschlossen genug zu den Waffen griffen, bereitete man sich hier auf das Schlimmste vor und begann mit Verteidigungsarbeiten. Die Mauern der Zinnen wurden verstärkt, Gewehre, Pistolen, Munition und Sprengstoff herangeschafft sowie Türme für günstige Schusspositionen errichtet. Schließlich brachte man – in Erwartung eines lang andauernden Kampfes – große Mengen Lebensmittel in die Festung und sicherte den Zugang zu frischem Wasser. 45 Tage hielten die Aramäer dem Ansturm der Moslems stand – und siegten schließlich. Anfang Juli setzten, wie befürchtet, die Massaker in den umliegenden Dörfern ein. Überlebende aus Ortschaften wie Eschtrako, Qustan und Schahirkan retteten sich nach Hah, sodass die Zahl der Schutzsuchenden auf über 2000 anstieg. Zu diesem Zeitpunkt standen schon mehrere hundert christliche Männer unter Waffen und bereiteten sich auf den Angriff vor. Der kam Ende August 1915. Nachdem feindliche Unterhändler die Entwaffnung und Unterwerfung der Verteidiger gefordert hatten, aber abgewiesen worden waren, griff eine kleine Einheit türkischer Soldaten an. Unterstützt wurde sie von etwa 15.000 Kurden aus der Umgebung. Mordlust und Gier hatte ganze Sippen ergriffen, und das schrille Trillern der Frauen schien keinen Zweifel daran zu lassen, dass die Festung verloren war. Immer wieder rannten die Angreifer gegen die Mauern an, doch jedes Mal brach ihre Attacke im Feuer der Verteidiger zusammen. In der Chronik der Ereignisse ist von 45 Tagen Gefecht die Rede, in dessen Verlauf die Muslime erhebliche Verluste hinnehmen mussten. Weitere Verhandlungsangebote von deren Seite wurden von Rasch-scho Henno und seinen Männern als hinterhältig eingeschätzt und abgelehnt. Glücklicherweise stand der türkischen Militäreinheit an dieser Stelle keine Kanone zur Verfügung, wie sie zum Beispiel im Dorf Zaz zum Einsatz gekommen war. Immer größere Verluste und schlechte Aussichten auf absehbaren Erfolg schwächten den Kampfgeist der Belagerer zusehends. Nachdem die Angriffe nachgelassen hatten, erschien der über den Parteien stehende Scheich Fathallah auf dem Kriegsschauplatz und ermöglichte einen Waffenstillstand. Das Vorhaben, die Bewohner abzuschlachten, ihre jungen Frauen und Kinder und ihr Hab und Gut wegzuschleppen, war gescheitert. Auch wenn nicht wenige der Einwohner von Hah in den Folgejahren hinterrücks auf den Feldern gemeuchelt wurden, so existiert dieses Dorf immer noch, und seine Bewohner haben trotz Schikanen des türkischen Staates eine großartige Geschichte zu erzählen. Als wir uns kurz vor Sonnenuntergang verabschieden, treffen wir im Tor der Festung auf eine gebeugte, steinalte Frau, die mit unserer Reiseleiterin ein paar Worte wechselt. Ich bin nicht sicher, ob ihre müden Augen uns überhaupt wahrnehmen können, doch als sich unsere Reiseleiterin von ihr verabschiedet, hebt die Greisin ihre Hand und spricht in unsere Richtung. Hatune übersetzt, dass sie uns Gottes Segen wünscht und eine gute Heimreise – und dann etwas, das wie ein Menetekel klingt und uns den Rest der Reise nicht mehr loslässt: «Ihr in Almanya seid in großer Gefahr. Ihr müsst es so machen wie wir. Ihr müsst kämpfen!» 28 _ Fritz Poppenberg (* 1949) ist ein deutscher Autorenfilmer, Kameramann und Regisseur. Er produziert vor allem Dokumentationen über kontrovers diskutierte Themen wie die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus und in der DDR und die aktuelle weltweite Verfolgung von Christen. Seine Filme «Mein Vater» (1982) und «Die AIDS- Rebellen» (1992) erhielten von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden das Prädikat «besonders wertvoll». Mehr Informationen auf seinem Filmportal «dreilindenfilm.de». Öffentliche Hinrichtung von Armeniern im Zuge von Massenvertreibung und Völkermord durch Soldaten des Osmanischen Reiches in der damaligen Türkei im Jahre 1915. Foto: picture alliance/Mary Evans Pict

COMPACT Politik Wenn Propaganda über Leichen geht _ von Marc Dassen Im Flüchtlingslager bei Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze spielten sich dramatische Szenen ab. Fernsehbilder zeigten Menschen, die einen reißenden Fluss durchqueren – drei ertranken. Die Toten gehen auf das Konto skrupelloser Asylaktivisten. Mit schmerzverzerrten Gesichtern blicken die Gestrandeten von Idomeni in die Kamera, während sie verzweifelt versuchen, sich und ihre Habseligkeiten ans andere Ufer zu retten. Sogenannte Fluchthelfer haben ein Seil gespannt, an dem sich im eiskalten Wasser stehende Menschen festklammern. Durch starke Regenfälle zu einem tückischen Strom angeschwollen, ist der Fluss nahe der mazedonischen Stadt Gevgelija nur unter Lebensgefahr zu durchqueren. Und trotzdem schließen sich an diesem 14. März Tausende dem Himmelfahrtskommando an, statt in den neu eingerichteten Camps im Landesinneren Schutz zu suchen. Der scheinbar spontane Exodus wird von einer Division sensationshungriger Journalisten begleitet, die sich in den Fluten postiert haben und eifrig Bilder knipsen. Die ganze Szene wirkt surreal, wie ein makabres Fotoshooting. Doch wer könnte an solchen Schnappschüssen Gefallen finden? «Gefährlicher noch als Kälte und Krankheiten sind in Idomeni die Gerüchte», schreibt Zeit Online Ende März. Tatsächlich: Schon einen Monat zuvor hatten Unbekannte im Zeltlager verbreitet, dass die Grenze zu Mazedonien wieder offen, der Weg nach Deutschland frei sei. Prompt setzten sich Hunderte in Bewegung. «Öffnet die Grenze!» schallte es, und «Wir wollen Deutschland!» Am Übergang kam es dann zu hässlichen Tumulten; Zäune wurden niedergerissen, Beamte mit Steinen beworfen. Aktivisten verteilten Bolzenschneider an Camp-Bewohner. «Es liegt in der Luft, dass etwas passieren wird, (…) überall wird gemurmelt und einige Anführer versuchen, Anweisungen zu geben», beschrieb ein Reporter der Deutschen Welle die Lage in diesen Februartagen. Die Situation eskalierte, als einige Männer «ein Straßenschild als Rammbock» benutzten, um «damit den Grenzzaun einzureißen». Aufruf zur Invasion Wer hatte die Hysterie im Camp ausgelöst, wer das Kommando zur Grenzstürmung gegeben? Wenigstens ein Mainstreammedium, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, stellte Mitte März klar: «Flüchtlings-Exodus war offenbar organisierte Aktion». Die Rede ist von «Migrationsideologen», die die «europäischen Öffentlichkeiten mit herzzerreißenden Fotos» versorgen wollen. Die Flüchtlinge wurden bei diesem Marsch in Idomeni «bewusst in Lebensgefahr gebracht – und auf der anderen Seite des Flussufers warteten TV-Teams und Journalisten», fasste die österreichische Kronen- Zeitung unter Berufung auf Polizeiangaben zusam- Dieses Bild zeigt die Szenerie am Flussufer von Idomeni. Kaum zu erkennen: Die vielen Fotografen, die das Leid der Flüchtlinge aus nächster Nähe festhalten. Foto: picture alliance/AP Photo Selbst Säuglinge treiben No-border- Fußtruppen in den reißenden Strom. Foto: picture alliance/AP Photo «Wir wollen Deutschland!» Flüchtlinge in Idomeni 29

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