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COMPACT-Magazin 05-2016

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COMPACT Politik Sklaven des Mikrochips _ von Tino Perlick Der maschinenlesbare Mensch ist ein Traum der Industrie – und totalitärer Systeme. Bislang haben die allermeisten Bürger den Angeboten, sich elektronische Überwachungstechnik einpflanzen zu lassen, widerstanden. Doch die Generation Google ist anders drauf – sie findet Datenträger unter der Haut cool und komfortabel. Ursprünglich dienten RFID-Anwendungen der Freund-Feind-Erkennung im Zweiten Weltkrieg. Foto: Getty Images Für 89 Euro kann man ein Komplettset zum Selbstimplantieren erwerben. Das Gebührenfernsehen macht den Cyborg bereits zum Vorbild für Kinder. Quelle: Video KIKA, Screenshots SJ Rin ist circa zwanzig Jahre alt. So intersexuell wie ihr Name ist auch ihre Frisur, die weder männlich noch weiblich anmutet. Rins Ohrläppchen sind von Ringen gedehnt, ihre Arme und ihr Dekolleté mit Tattoos bestochen. In die Außenseiten ihrer Hände ließ sie sich Magnete implantieren. Doch Rin hebt sich noch in einem weiteren Punkt von anderen Menschen ab. Zwischen ihren Daumen und Zeigefingern trägt sie jeweils einen reiskorngroßen Funkchip unter der Haut, der ihre Kontaktdaten auf Smartphones übertragen und Türen öffnen kann. Der Name Rin kommt aus dem Japanischen. Auf Deutsch bedeutet er «kalt». Dieser neue Mensch wurde Anfang März dieses Jahres den jungen Zuschauern des Kinderkanals als letzter Schrei präsentiert. Hersteller schätzen, dass sich weltweit circa 30.000 Menschen einen Chip auf der Basis von RFID (Radiofrequenz-Identifikation) beziehungsweise NFC (Nahfeldkopplung) implantieren ließen. In Ausweisdokumenten oder Konsumartikeln versteckt, tragen schon Milliarden Menschen solche Transponder mit sich herum. Cyborg statt Mensch In Deutschland erlebten die implantierbaren Mikrochips auf der CeBIT-Messe im Frühjahr ihren medialen Durchbruch. Das Hamburger Unternehmen Digiwell ermöglichte Besuchern bei sogenannten Free Chipping Events, an Ort und Stelle «ein Cyborg zu werden». Wer diese Chance verpasste, kann auf der Internetpräsenz der Firma für 89 Euro ein Komplettset zum Selbstimplantieren erwerben – Injektionsspritze und antibakterieller Wundverband inklusive. Eine entsprechend vernetzte Umgebung vorausgesetzt, lassen sich so Türen öffnen und Autos starten. In einem Bürogebäude für IT-Unternehmen im Zentrum Stockholms lässt sich ohne Datenträger unter der Haut schon heute noch nicht einmal mehr der Kopierer bedienen. «Auch anderswo lassen sich damit inzwischen eine Reihe von Büros, Fitnessstudios und Waschsalons betreten», berichtete die Frankfurter Allgemeine am 25. Februar 2015. Hersteller und Mitläufer glauben an die Sicherheit der neuen Technik. Bei normkonformen RFID-Systemen rangiere die Lesbarkeit zwar noch zwischen zehn Zentimeter bis maximal eineinhalb Meter. Eine Glasummantelung reduziere den nötigen Abstand der von Digiwell vertriebenen Chips jedoch auf wenige Millimeter. Zudem seien die Geräte passiv, also ohne eigene Stromversorgung, und daher nicht zu orten. Sogenannte Biohacker wie Digiwell-Gründer Patrick Kramer träumen davon, dass der Mensch irgendwann gänzlich mit dem Cyberspace verschmilzt: Wir werden «in naher Zukunft unsere Gehirne direkt mit dem Internet verbinden und Informationen in Echtzeit ins Gehirn streamen können». Mit ihrer Euphorie, ihr Menschsein abzulegen, erweisen sich diese «Technikaktivisten» als Erfüllungsgehilfen von Industrie und Geheimdiensten. «Die Regierung wird uns niemals eine Waffe an die Stirn setzen und sagen: ”Du bekommst einen Chip, mit dem man Dich verfolgen kann”», erklärte Katherine Albrecht, Autorin des 38

Buchs Spychips (deutsch: Spionagechips), gegenüber dem US-Nachrichtenportal World Net Daily im Jahr 2012. «So etwas geschieht immer schrittweise. Wenn man jemandem einen Mikrochip implantieren kann, durch den der Mensch nicht verfolgt wird, schauen alle und sagen, ”Na, komm schon.” Es wird interessant sein, zu sehen, wohin die Reise führt.» Vom Peilsender zur schlauen Tablette Die Menschen auf diese Weise zu kontrollieren, ist keine neue Idee. Ob Kind, Bergsteiger oder Ex-Knacki – das US-Unternehmen Applied Digital Solutions (ADS) wollte Amerikanern schon im Jahr 2000 einen «Digital Angel» in den Oberarm implantieren lassen, durch den sie im Notfall jederzeit per GPS-Signal lokalisierbar gewesen wären. «Dieser Chip, der einzig von Körperwärme angetrieben wird, überträgt das Signal und die Vitalfunktionen Ihres Körpers an eine Bodenstation», berichtete Fox News im Oktober 2000. Weil mit dem «digitalen Engel» gechippte Personen auch von der einfachen Abwicklung elektronischer Geschäfte profitieren würden, witterte ADS einen dreistelligen Milliardenmarkt allein in Nordamerika. Nach Protesten von Bürgerrechtlern und besorgten christlichen Gruppen verschwand das Produkt damals jedoch wieder in den Schubladen. Evangelikale sehen in der Technologie «das Malzeichen des Biestes» aus der Johannes-Offenbarung. Aus der Idee wurde wenige Jahre später der angeblich passive VeriChip. ADS hoffte, dass Ärzte bald standardmäßig den Oberarm eines Patienten scannen und anhand eines im implantierten Mini-Datenträger gespeicherten 16-stelligen Codes alle relevanten medizinischen Informationen aus einer Datenbank abrufen würden – so ähnlich werden auch streunende Haustiere identifiziert. Im Jahr 2004, fünf Monate bevor US-Gesundheitsminister Tommy Thompson in den Vorstand von ADS wechselte, wurde VeriChip von der US- Arzneimittelbehörde zugelassen. Fabriziert wurde der Sender vom fünftgrößten Rüstungskonzern der Welt, Raytheon. Doch obwohl mancherorts Clubs und Hotels den circa 150 US-Dollar teuren Chip als Armband an ihre Besucher verteilten, kam der Absatz nicht recht in Schwung. Bei der All Things Digital Konferenz 2013 verkündete Google-Führungskraft Regina E. Dugan ihrem Publikum, dass der Konzern an einem Mikrochip arbeite, den man täglich über das Schlucken einer Pille zu sich nehmen könne. So ließe sich die «Superpower» entwickeln, den eigenen Körper in ein biologisches Authentifizierungssystem für Mobiltelefone, Autos, Türen und weitere Gegenstände zu verwandeln – also all das, was Biohacker noch über ihr Handimplantat erreichen müssen. «Diese Pille trägt einen kleinen Schalter in sich», sagte Dugan, die wie Google-Chef Erich Schmidt 2015 an der Bilderberger-Konferenz teilnahm. «Wenn man sie schluckt, dient die Magensäure als Elektrolyt und schaltet ihn ein.» Die Kapsel sei zugelassen und könne ein Leben lang sage und schreibe 30 Mal am Tag bedenkenlos eingenommen werden. Dugans voriger Arbeitgeber war die US-Militärforschungsbehörde DARPA. 2012 bestätigte man dort Pläne, Soldaten Nanosensoren zu implantieren, die deren Vitalfunktionen kontrollieren und Medikamente in die Blutbahn zuführen können. Der nächste Schritt: Screen-Chips auf der Iris als Schnittstelle zum Computer. Foto: Flying Wild Hog Dieser Chip des Herstellers Motorola soll bei Kontakt mit menschlicher Magensäure einen 18-Bit- Schlüssel aussenden. Foto: Unimed-PR «Wenn man den Chip schluckt, dient die Magensäure als Elektrolyt und schaltet ihn ein.» Google 39

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