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COMPACT-Magazin 05-2016

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COMPACT Dossier «Nur durch eine Volkserhebung aufzuhalten» _ von Rudolf Bahro 50 Rudolf Bahro skizzierte für die Grünen einen Weg zum gesellschaftlichen Neuanfang, der weder den linksradikalen Revoluzzern noch den liberalen Reformern gefiel. Er sprach von «Reformation» in der Tradition von Thomas Müntzer, sah explizit das Volk und nicht die Partei als politisches Subjekt und zog sogar den Aufstieg der NSDAP, rein strukturell verstanden, als Beispiel heran. «Ihr seid dabei, dem Drachen den Panzer etwas zu erleichtern, ihm die Zähne zu putzen, den schlechten Atem zu desodorieren.» Die Menschen im Lande bewegen sich noch immer zu langsam, aber ziemlich sicher geistig auf den Ausgang zu. Deshalb ist es ja so wichtig für die Macht, uns, Die Grünen, die bisher als Anti-Parteien-Partei ambivalent, halb dabei waren – als Partei, die sich auf Parlament und Staat bezieht, sind wir [die Grünen] generell halb dabei, es kommt dann aufs Gefälle an –, im Gegenzuge schnell an sich heranzuziehen, damit das Volk politisch ins Leere läuft, wenn’s zum Schwur kommt. Es [das Volk] soll vorsorglich der embryonalen politischen Struktur, die es sich in uns gegeben hat, beraubt, enteignet werden. (…) Ich werde Euch sagen, was Realpolitik auf dieser Ebene bedeutet: Ihr seid dabei, dem Drachen den Panzer etwas zu erleichtern – ein Drittel im Militärhaushalt [kürzen], das kommt sowieso nicht, aber man kann‘s ja sagen –, ihm die Zähne zu putzen, den schlechten Atem zu desodorieren und die Exkremente zu sortieren. Da seid Ihr dabei! [Beifall] Ihr Reformisten, das könnt Ihr doch selbst nicht ernstlich glauben, dass die große Maschine, die uns immer mehr an die Wand drückt, durch irgendetwas anderes aufzuhalten ist als durch eine Volkserhebung, für die unsere Brokdorf- und Startbahn-Demonstration bloß ein Prolog gewesen sein kann! Vorbild Bauernkrieg Das ist nicht Reformistenzeit jetzt. Das ist eine Reformationszeit, die jetzt angehoben hat. Und es gibt da einen kleinen Unterschied zur Reformation: dass nämlich die Reformation etwas einschließt, was Friedrich Engels die radikalste Tatsache der deutschen Geschichte genannt hat – den Großen Deutschen Bauernkrieg. Ich sage das als Analogie. Es gab nicht nur Luther, an den heranzureichen sich schon lohnen würde. Es gab damals nämlich auch noch Thomas Müntzer. Der hat sie unter der Regenbogenfahne – ich hoffe, wir erkennen das wieder –, voran einen unsichtbaren Bauern-Christus, in den Kampf geführt, als ihnen die Herren keine andere Wahl gelassen hatten als den Aufstand. Die Bauern sind besiegt worden, ja. Und es steht geschrieben: Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen. Das kann für uns nur heißen: diesmal anders, besser. Also eine gewaltfreie Volks-

COMPACT Dossier Der Bauernkrieg auf einem Gemälde von Fritz Neuhaus. Die von ihm vertretene Düsseldorfer Schule der Malerei war vom Vormärz geprägt. Foto: The Athenaeum erhebung. Aber wir müssen Müntzersche sein, wenn wir da durchkommen wollen – von unserem Geiste her. Ich denke mir, wir können nicht sein, was Müntzer genannt hat «dieses sanftlebige Fleisch zu Wittenberg» – so hat er den Luther später tituliert. Wir können nicht sein: diese ökoliberale Paulskirchenpartei, die manche aus uns machen wollen, die von vornherein so vor dem Idealtypus der repräsentativen Demokratie scharwenzelt wie die späten Bismarck-Liberalen schon 1848/49 vor der verfassten Monarchie. [Paulskirchenpartei – die Gemäßigten in der Revolution von 1848/49] «Die Grünen steigen formell – ich sage formell! – nach einem ganz ähnlichen Muster auf wie die Nazipartei.» Ich will Euch sagen, was diesen damaligen Liberalen das Wichtigste war: Denen war es halt das Wichtigste, dass sich das Volk, der «wilde Lümmel», nur wohldosiert zu Worte melden konnte – Heine hat es damals gesagt. Jetzt haben die moderaten Leute noch einen viel schöneren Hammer parat: Das Volk – und mit ihm als einer autonomen Kraft umgehen zu wollen –, das ist nämlich «totalitär». Sie haben es nötig, dem Hitler diesen letzten Sieg zuzuschanzen, dass man nun endgültig in Deutschland das Volk nicht mehr rufen dürfe. Das ist eine schöne Politik! Wir hatten zuerst Bundschuhverschwörungen in diesen Jahren [vor dem Bauernkrieg 1525] – Treffen wie die Aufläufe um den Behaim Hans in Niklashausen 20 oder 30 Jahre davor. Die hatten damals allerdings noch eines mehr als wir, nämlich eine naive Vision vom Reiche Gottes, das mit dem Reich der Freiheit verdammt verwandt ist. Wie gesagt, das waren erst Windstöße. Der Sturm kommt noch! (…) Der Aufstieg der NSDAP Zunächst würde ich eine weitere halbe Stunde über das Verhältnis zwischen Ökopax-Bewegung und Faschismus sprechen, aber anders, als Ihr es riskiert. Formell, strukturell gesehen, stehen sich nämlich Bewegung, Staat und Gesellschaft heute ganz ähnlich gegenüber wie in der Republik von Weimar, und Die Grünen steigen formell – ich sage formell! – nach einem ganz ähnlichen Muster auf wie die Nazipartei. [Pfiffe, Buh-Rufe, anhaltende Unruhe im Saal, während Bahro weiterspricht.] Um diesmal gut herauszukommen, nämlich damit die Volkserhebung gewaltfrei wird, dürfen Die Grünen nicht verloren gehen. Lassen sich Die Grünen kooptieren oder werden sie kooptiert, sind sie nachher, wenn der Sturm seine größte Stärke, die Welle ihre volle Höhe erreicht, schon eine Systempartei mehr. Besser könnt Ihr den Bürgerkrieg und die nachfolgende Diktatur nicht vorbereiten. [weitere Zurufe] Aber dazu wäre viel mehr zu sagen, vor allem darüber, dass die Bewegung für einen friedlichen Übergang noch eine andere von innen arbeitende Struktur als nur die politische Partei braucht, die Partei gerade nicht als Avantgarde – sie wäre der Bock als Gärtner für eine neue Kultur; sie darf nur politischer Arm sein, der im entscheidenden Augenblick den politischen Arm der Gegenseite, die CDU/CSU und so weiter, mit Fingerhakeln beschäftigt, sodass die Staatsmaschinerie paralysiert ist, [Beifall] durch die Bewegung natürlich, die nichts aus den Kasernen lässt, nachdem sie die Soldaten schon bis hinauf ins Offizierskorps gespalten hat. Ich erinnere mich: Novotny hat Ende 1967 Armee und Sicherheitskräfte gerufen – sie kamen nicht, weil sie gespalten waren. [Antonyn Novotny war der starke Mann der tschechoslowakischen KP, die sich ab Ende 1967 einer wachsenden Volksbewegung, dem sogenannten Prager Frühling, gegenübersah; zu dessen Niederschlagung brauchte es am Ende sowjetische Truppen, da die eigene Armee in Teilen mit den Aufständischen sympathisierte.] (…) Die Fundamentalisten wurzeln alle – auch die es leugnen, beweisen’s durch den Widerstand oder gar durch den Sprung – auch noch in einer anderen Wirklichkeit, die wir alle in uns haben, die aber unter unserer eigenen Mitwirkung alltäglich zugeschüttet wird. Der Wettlauf mit der Apokalypse kann nur gewonnen werden, wenn dies eine große Glaubenszeit wird, eine Pfingstzeit mit dem lebendigen Geist, möglichst gleichermaßen ausgegossen über uns alle! [Zurufe: «Amen, Amen!»] Erinnert Euch an Thomas Müntzer! Das war seine Predigt! (…) «Der grüne Adolf» «Kein Gedanke verwerflicher als ein neues, anderes 1933? Gerade der aber kann uns retten. Die Ökopax-Bewegung ist die erste deutsche Volksbewegung seit der Nazibewegung. Sie muss Hitler miterlösen.» Die Grünen waren für Bahro «eine Enttäuschung, weil sie dieses nationale (…) völkische Moment nicht bedient [haben]. Eigentlich ruft es in der Volkstiefe nach einem grünen Adolf. Und die Linke hat davor nur Angst, anstatt zu begreifen, dass ein grüner Adolf ein völlig anderer Adolf wäre als der bekannte.» (Rudolf Bahro, 1987) Rudolf Bahro (1935-1997) auf dem Sonderparteitag der SED im Dezember 1989. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1216-014, CC-BY-SA 3.0, Wikimedia Commons Der Kupferstich von Christoph van Sichem ist die älteste, allerdings nicht verbürgte Darstellung Thomas Müntzers aus dem Jahr 1608. Foto: Wikimedia / Public Domain _ Rudolf Bahro, damals Beisitzer im Bundesvorstand der Grünen, hielt diese Rede auf dem Bundesparteitag im Dezember 1984 in Hamburg. Die hier abgedruckte Fassung entspricht dem gesprochenen Wort beziehungsweise Bahros Manuskript und wurde behutsam von Sprechfehlern bereinigt. Bemerkungen in eckigen Klammern und Zwischenüberschriften sind von der Redaktion eingefügt. 51

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