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COMPACT-Magazin 05-2016

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COMPACT Leben 60 Dieser nackte Hexensabbat zielte 1878 wohl auf die Phantasie der Betrachter. Foto: Luis Ricardo Falero, Public domain, Wikimedia Commons Anzeige Heft-Nr.: Name Anschrift PLZ Ort Datum xis der Papisten, heidnische Bräuche zu vereinnahmen und umzudeuten. Im keltischen Kalender beginnt übrigens am 1. Mai die «helle Jahreszeit», die mit dem Fest Beltane begrüßt wird. Das Datum liegt auf halber Strecke zwischen der Tag-und-Nacht-Gleiche am 21. März und der Sommersonnenwende am 21. Juni, die auch im germanisch besiedelten Raum wichtige Eckpunkte im Jahreskreislauf markierten. Die Hexenforschung Die Etymologie des Wortes Hexe ist ebenfalls aufschlussreich – und auch hier landen wir wieder bei den Walas. Der Begriff kommt von althochdeutsch Hagedise oder Hagazussa, wie die Walas auch genannt wurden. Als Heckenreiterin (was Hagazussa eigentlich bedeutet) war die Hexe stets in zwei Welten zu Hause: im lichten, geordneten Dorf und im dunklen Wald, im Hier und Jetzt und in der Anderswelt. Als die Die seit vielen Jahren monatlich erscheinende Zeitschrift SCHIFFE - MENSCHEN - SCHICKSALE hat sich mit spannenden auf Tatsachen beruhenden Darstellungen und vielen Informationen einen sicheren Platz bei allen Schiffahrtinteressierten geschaffen. Der Leser wird über das Schicksal von Seglern, Tankern, Passagier-, Handels- und Kriegsschiffen aller Klassen, Epochen und Nationen informiert, besonders über Hintergründe und Ursachen spektakulärer Schiffsuntergänge und -unglücke sowie über denkwürdige Ereignisse zur See in Friedens- und Kriegszeiten. Augenzeugenberichte, die Mitarbeit bedeutender Sachbuch autoren und umfangreiche Illustrierung mit zum Teil noch unveröffentlichten Bildern runden die beeindruckenden Dokumentationen ab. Die Sammlung umfaßt nunmehr über 260 Ausgaben und 10 Sonderhefte, die sich mit speziellen Themen, wie z.B. besonderer Seeschlachten oder dem Schicksal in den Weltmeeren gestrandeter deutscher Seeleute beschäftigen. Bestellformular Ich möchte folgende Ausgaben von SMS bestellen: Unterschrift Anzeige ausschneiden und in einem ausreichend frankierten Kuvert an den Verlag senden (Anschrift siehe unten) SMS Verlag für Marinegeschichte UG (haftungsbeschränkt) 10783 Berlin · Postfach 30 22 26 · Tel. 0171/ 74 66 000 E-mail: VerlagSchiffeMenschenSchicksale@gmx.de Eine komplette Übersicht aller erschienenen Hefte sowie Bestellmöglichkeiten im Internet: Klöster sich zum Anbau von Heilkräutern durchrangen, mussten die Mönche allerdings feststellen, dass die Wirkmacht eines Kräutleins in einem künstlich angelegten Beet nicht dieselbe war wie in der freien Natur, in Nachbarschaft zu bestimmten anderen Pflanzen. Davon stand in der Bibel leider nichts… Immerhin: Der Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 –1179) gelang der Spagat, das alte Heilwissen der Frauen mit dem Christentum in Einklang zu bringen. Auch die berühmte Naturheilkundlerin Maria Treben (1907–1991) war eine gläubige Katholikin. Der Vorwurf an die Hexen, sich dem Teufel sexuell hingegeben zu haben, ist katholische Propaganda. In den Leitmedien kommen die Hexen nicht als kreative Seherinnen und Heilerinnen vor, sondern vorzugsweise als Opfer. Inzwischen gibt es sogar Mahnmale für die Gefolterten der frühen Neuzeit. Doch warum wurden diese Frauen verfolgt? In der Populärwissenschaft und im Feuilleton ist die Sündenbock-Theorie verbreitet: Sie unterstellt dem Volk, dass es aus Aberglauben, Dummheit und Fanatismus eine bestimmte Menschengruppe für Missernten und Krankheiten verantwortlich machte – mal traf es die Hexen, zu anderen Zeiten die Juden. Dass hier ein Kampf um politische und weltanschauliche Grundlagen ausgefochten wurde, der nicht vom Volk ausging, sondern gegen das Volk gerichtet war – davon ist nicht einmal zwischen den Zeilen die Rede. Während sich die Kirchen heute bemühen, die Verfolgungen offiziell als Fehler einzugestehen, zeigen sich manche Historiker bemüht, den Klerus von Verantwortung freizusprechen. Der Hexenexperte Thomas Becker von der Universität Bonn behauptet, die Verfolgung sei «entgegen der landläufigen Meinung weniger eine Angelegenheit der kirchlichen Inquisition, sondern weltlicher Gerichte» gewesen. Im nächsten Absatz bestätigt er aber wieder die anstiftende Rolle der katholischen Eiferer: Juristische Grundlage für die Prozesse war eben doch der Hexenhammer (1487), der von dem Dominikanerpater Henricus Institoris verfasst wurde. Becker behauptet weiterhin, die Wissenschaft habe sich erst in den 1970er Jahren des Phänomens der Hexen angenommen. Das stimmt nicht. Was ein professioneller Hexenforscher eigentlich wissen müsste: Im Dritten Reich wurde dieses düstere Kapitel besonders intensiv erforscht. Unter der Ägide von Heinrich Himmler führte die SS ein Sonderforschungsprojekt über die Hexenprozesse durch, das als geheime Reichssache behandelt wurde. Himmler hegte den Verdacht, dass es sich bei den Gefolterten und Verbrannten um die letzten Anhängerinnen des Wotansglau-

COMPACT Leben bens handelte. Auch wenn hier die nationalsozialistische Weltanschauung die Richtung vorgab, sind einige Forschungsergebnisse interessant, etwa über die Stätten der Walpurgisnacht: «Gerade an diesen Plätzen» seien «die Scheiterhaufen für die als Hexen verklagten unglücklichen Frauen errichtet worden». Schlussfolgerung: «Die Hexenprozesse (…) haben bewirkt, dass der germanische Mythos in Hexen- und Teufelsgeschichten unterging.» Nicht nur die NS-Forschung weist nach, dass der Vorwurf an die Kräuterweiblein, sich dem Teufel sexuell hingegeben zu haben («Teufelsbuhlschaft»), nicht aus germanischen Mythen abgeleitet werden kann, sondern eher auf deren Umdeutung und Dämonisierung durch die Kirche zurückgeht. Unsere Vorfahren sollten mit dem Satan in Verbindung gebracht werden, um ihre blutige Unterwerfung durch Missionare zu rechtfertigen… Das könnte auch die Etikettierung des Brocken im Harz als Hexentanzplatz erklären. Angeblich feierten die Sachsen hier in der Nacht zum 1. Mai ihr Frühlingsfest und opferten den Wald- und Berggöttinnen. Laut Überlieferung wurde der Brauch von Karl dem Großen verboten, woraufhin sich die Sachsen als Hexen verkleideten und auf Besen reitend die fränkischen Soldaten, die den Platz bewachen sollten, verjagten. Auftritt Mephistopheles Thomas Becker hingegen hält es für falsch, «dass die Walpurgisnacht an uraltes heidnisches Brauchtum anknüpft». Vielmehr ist er überzeugt, dass «wir den Mythos der Walpurgisnacht Johann Wolfgang von Goethe zu verdanken» haben. Ach so? «Der Frühling webt schon in den Birken, und selbst die Fichte fühlt ihn schon», sinniert Faust in einer vom Dichterfürsten selbst letztlich gestrichenen Passage, als er mit seinem teuflischen Verführer Mephistopheles den Brocken erklimmt. «Durch die Steine durch den Rasen, eilet Bach und Bächlein nieder. Hör’ ich Rauschen? hör ich Lieder? / Hör ich holde Liebesklage, Stimmen jener Himmelstage? / Was wir hoffen, was wir lieben! Und das Echo, wie die Sage / Alter Zeiten, hallet wider.» Wenn das mal nicht deutliche Zugeständnisse an die Walpurgisnacht als Frühlingsfest «alter Zeiten» sind! Später steigert sich beim Freimaurer Goethe die Szene allerdings zu einer satanischen Sexorgie samt einem Hochgericht aus Mönchen in schwarzen Kutten mit Kapuzen. Man fühlt sich eher an Illuminaten-Rituale aus Hollywood erinnert als an europäische Volksbräuche… Goethe hat die Blocksberg-Szene zu einer satanischen Sexorgie ausgebaut. Immerhin: In der Lokalpresse werden hin und wieder Ross und Reiter genannt. «Das Walpurgisfest ist ein traditionelles europäisches Fest, dessen Ursprünge bis in die vorchristliche Zeit zurückreichen. Bereits vor 1.000 Jahren feierten die ”Ureinwohner” des Harzes ein Frühlingsfest, an dem durch verschiedene Opfergaben an den obersten Germanengott Wodan der Frühling begrüßt wurde.» (Göttinger Tageblatt, 30.4.2012). Na also, geht doch. Auf zum Blocksberg! Die erste organisierte Walpurgisfeier auf dem Brocken – dem sogenannten Blocksberg – fand 1896 statt. Ab 1899 konnten die Feiernden dann sogar mit der Brockenbahn hinauffahren. 1901 bereitete der damalige Besitzer des Berggrundstücks, Fürst von Stolberg-Wernigerode, per Verbot dem Spektakel ein vorläufiges Ende. In den letzten Jahren wurde die Tradition wiederbelebt. Zehntausende Teilnehmer versammeln sich rund um den Blocksberg, auf den Zufahrtsstraßen wimmelt es nur so von «Hexen» und «Teufeln». Im Jahr 2002 gab es in insgesamt 44 Gemeinden im Harz Walpurgisfeiern, oft mit Feuerwerken und Kulturveranstaltungen, manchmal wurde auch eine Maikönigin gewählt. Mehr Infos unter harzinfo.de _ Pia Lobmeyer schrieb in COMPACT 2/2016 über die ebenso wehrhaften wie liebreizenden Germaninnen. Bild links: Als Hexe verschrien – Emily Cox als Brida in «The Last Kingdom». Foto: BBC/Carnival Films/Kata Vermes Bild rechts: Hexen während der Waldkirchner Fastnacht 2016. Foto: picture alliance/ROPI 61

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