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COMPACT-Magazin 05-2016

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COMPACT Leben Die Wurzel vieler Übel _ von Jan von Flocken Vor hundert Jahren teilten Briten und Franzosen den Nahen Osten unter sich auf: Im sogenannten Sykes-Picot-Abkommen bedienten sie sich aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches und brachen alle Versprechen auf Selbstbestimmung, die sie zuvor den Arabern gegeben hatten. Die Gespräche zur Aufteilung des Nahen Ostens fanden unter strengster Geheimhaltung statt. Führend daran beteiligt waren François-Georges Picot, ehemaliger französischer Generalkonsul in Beirut, und Oberst Sir Mark Sykes, Leiter des Arabischen Büros im britischen Außenministerium. «Diese zwei Männer haben sich vordere Plätze unter den Teufeln Arabiens verdient», so die Einschätzung des britischen Nahost-Historikers Desmond Stewart. Am 16. Mai 1916 schlossen die beiden Diplomaten einen Vertrag, der offiziell «Asia Minor Agreement» genannt wurde, aber als «Sykes- Picot-Abkommen» in die Annalen einging. Es trat mit Unterzeichnung durch den britischen Außenminister Edward Grey und den französischen Sonderbotschafter Paul Cambon in Kraft. Der Pakt 62 Anthony Quinn, Peter O’Toole und Omar Sharif im Kultstreifen «Lawrence von Arabien». Foto: Columbia Pictures «Diese zwei Männer haben sich vordere Plätze unter den Teufeln Arabiens verdient.» Desmond Stewart Großbritanniens militärischer Nimbus zeigte sich im zweiten Jahr des Ersten Weltkrieges arg ramponiert. Die Mittelmächte Deutschland, Österreich und Türkei hatten sich in der militärischen Konfrontation mit der Entente London-Paris-Petersburg als ebenbürtig erwiesen. Der Versuch der Briten, durch ein Landeunternehmen die Dardanellen und danach die osmanische Hauptstadt Konstantinopel zu erobern, war im Frühjahr 1916 unter horrenden Verlusten von Heer und Flotte gescheitert. In Mesopotamien hatte wenig später eine britische Armee von 13.000 Mann vor den Türken unter Führung des deutschen Feldmarschalls Colmar Freiherr von der Goltz kapitulieren müssen. Diese prekäre Lage nutzte Londons Bundesgenosse Frankreich schamlos aus, um sich im Nahen Osten künftige Beute zu sichern. Es ging darum, nach einer absehbaren Niederlage des Osmanischen Reiches dessen Territorium außerhalb des anatolischen Kernlandes zu okkupieren. Ursprünglich war es Ziel der britischen Diplomatie gewesen, die gesamte Region unter ihre Kontrolle zu bekommen. Jetzt mussten Frankreichs Begehrlichkeiten einkalkuliert werden, und beide Seiten handelten nach der bis heute bevorzugten imperialistischen Patentlösung, wonach alle vermeintlich unterentwickelten Länder eine westliche Vormundschaft benötigen. Ohne jede Rücksicht auf geschichtliche, religiöse und nationale Unterschiede oder Stammesgebiete wurde in dem Abkommen die noch zu erobernde, mit zahlreichen Ölfeldern gesegnete Beute aufgeteilt. Dabei gingen die Beteiligten teilweise mit dem Lineal zu Werke. Zur Debatte stand eine enorme Fläche von mehr als anderthalb Millionen Quadratkilometern, die sich von Jerusalem bis zum Persischen Golf und von Ostanatolien bis zum Suezkanal erstreckte. Dort lebten ungefähr 20 Millionen Einwohner – Türken, Kurden, Araber, Armenier, Sunniten, Schiiten, Christen und Juden. Der zwölf Punkte umfassende Vertrag teilte die südlichen Gebiete des Osmanischen Reiches in das Territorium «A» (Frankreich) und «B» (Großbritannien) auf. Hier besaßen die beiden Großmächte «festgelegte Vorrechte». Die Franzosen sicherten sich die Herrschaft über die Südost-Türkei (Alexandrette/Iskenderun), den Nordirak, Syrien und den Libanon. Das Gebiet erstreckte sich von Beirut über Damaskus und Aleppo bis Mossul. Großbritannien erhielt ein Territorium, das dem heutigen Jordanien und dem südlichen Irak entspricht und von Amman bis Bagdad, Basra und Kuwait reichte. Die Grenzen innerhalb ihrer jeweiligen Einflusszone konnten Briten und Franzosen nach Gutdünken bestimmen. Unter Punkt 2 des Vertrages hieß es: «Beiden Mächten soll es erlaubt sein, in diesem Gebiet direkte oder indirekte Verwaltung oder Kontrollen einzurichten, wie sie es für notwendig halten.» Deutlicher gesagt: Es sollten keine nationalen Interessenvertretungen gewählt werden, vorgesehen waren lediglich arabische Vasallenregime unter Oberhoheit der Kolonialherren. Gleichzeitig wurde betont, man werde «nicht zustimmen, dass

COMPACT Leben eine dritte Macht auf der arabischen Halbinsel territoriale Besitzrechte erwirbt oder Flottenbasen an der Küste oder auf den Inseln des Roten Meeres einrichtet» (Punkt 10). Für das von Frankreich beanspruchte Palästina wurde eine Sonderregelung vereinbart. Das Gebiet wurde einer internationalen Verwaltung unterstellt. Die Häfen von Haifa und Akkon wurden aber Großbritannien zugesprochen, gleichzeitig erhielten die Briten das Recht zum Bau einer Eisenbahnlinie zwischen Haifa und Bagdad. Dieses Territorium entsprach dem Nordteil des heutigen Staates Israel um die Städte Jerusalem und Hebron und wurde in den folgenden Jahrzehnten als britisches Mandatsgebiet erbitterter Zankapfel zwischen Juden und Palästinensern. Bei aller Geheimhaltung sickerte Mitte 1916 dennoch etwas über dieses Abkommen durch, und arabische Politiker, welche die Unabhängigkeit ihrer Länder anstrebten, gerieten in Unruhe. So sprach Sykes in Kairo mit drei Repräsentanten Syriens und versicherte ihnen, «dass nichts Unheilvolles vorbereitet werde». Zynisch berichtete er nach London, es sei nicht leicht gewesen, «die Delegierten auszumanövrieren, ohne ihnen eine Landkarte zu zeigen oder sie wissen zu lassen, dass es schon längst ein detailliertes Abkommen gab». Lawrence, der Betrüger von Arabien Rücksicht musste man bei diesem heimlichen Vorgehen lediglich auf Hussein Ibn Ali nehmen, den einflussreichen Emir des Hedschas, heute der westliche Teil von Saudi-Arabien mit den heiligen Stätten Mekka und Medina. Hussein, den ein Zeitgenosse als «frommen alten Herrn mit starkem Hang zum Größenwahn» beschrieb, strebte ein unabhängiges großarabisches Königreich unter seiner Führung an. Sein Sohn Faisal konspirierte seit 1915 in der Nähe von Damaskus mit Britisch-französische Gebietsaufteilung 1916 unter französischer Verwaltung französisches Einflussgebiet unter britischer Verwaltung britisches Einflussgebiet unter gemeinsamer Verwaltung LAND Staaten und Grenzen heute Quelle: Wikipedia ÄGYPTEN KAIRO LIBANON BEIRUT ISRAEL DAMASKUS JERUSALEM JORDANIEN dem britischen Abenteurer und Geheimdienstagenten Thomas Edward Lawrence, bekannt als «Lawrence von Arabien». Beide organisierten einen Aufstand gegen die Türken, der am 5. Juni 1916 begann und den britischen Truppen enormen Beistand leistete. Lawrence bekannte später: «Mir war klar, dass im Falle unseres Sieges die den Arabern gemachten Versprechungen nicht mehr als ein Fetzen Papier sein würden.» Italien und das zaristische Russland, die Verbündeten der Anglofranzosen im Ersten Weltkrieg, waren durch ihre Geheimdiplomatie vom Sykes-Picot-Abkommen unterrichtet und meldeten sich bald zu Wort. Sie verlangten einen Anteil am Raubgut. Widerwillig gestand man den Russen Armenien und Teile von Kurdistan zu. Die Italiener sollten Rhodos und einige andere Inseln in der südlichen Ägäis erhalten, sowie eine Einflusszone um die Stadt Smyrna (Izmir) im Südwesten von Anatolien. Als nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eine rücksichtslose Neuaufteilung der Welt einsetzte, wurden die Hauptpunkte des Sykes-Picot-Abkommens bestätigt (die Sowjets hatten das Papier bereits Ende November 1917, kurz nach der bolschewistischen Revolution, veröffentlicht). Während der Konferenz von San Remo im April 1920 erhielten die beiden Siegermächte das Mandat des Völkerbundes für ihre Vorherrschaft im Nahen Osten. Der Keim für ein politisches Chaos war damit unwiderruflich gelegt. Denn die Araber, denen man jahrelang Versprechungen auf nationale Unabhängigkeit gemacht hatte, sahen sich bitter getäuscht in der Rolle von Völkern zweiter Klasse. Und so lassen sich alle gewalttätigen Auseinandersetzungen – der Israel- Palästina-Konflikt, der libanesische Bürgerkrieg, Iraks Überfall auf Kuwait, die Golfkriege und das Wüten des Islamischen Staates (IS) – letztlich auf den kolonialen Größenwahn und die willkürliche Grenzziehung der Politiker in London und Paris vor 100 Jahren zurückführen. TÜRKEI ALEPPO SYRIEN SYKES-PICOT-LINIE ARABIEN ANATOLIEN SAUDI-ARABIEN IRAK MOSSUL BAGDAD PERSIEN IRAN Lawrence von Arabien Thomas Edward Lawrence (1888–1935) schloss sich im Dezember 1914, kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges, dem britischen Nachrichtendienst in Kairo an. Ein halbes Jahr später initiierte Scherif Hussein, der Emir von Mekka, einen Aufstand auf der Arabischen Halbinsel gegen den osmanischen Sultan. Die Briten unterstützten ihn mit Geld und Militärberatern, Lawrence war der Verbindungsmann. Obwohl ohne besondere militärische Erfahrung brachte er den Beduinen Guerillataktiken bei und ritt bei Nadelstichattacken gegen die Osmanen in vorderster Reihe mit. Die Eroberung von Al Waih und der Festung Akaba leitete die Niederlage der türkischen Besatzer ein. Am 1. Oktober 1918 zogen die arabischen Befreier mit Lawrence in Damaskus ein. Nach dem Krieg plagten den Geheimagenten schwere Schuldgefühle, hatte er doch die ganze Zeit von dem Sykes-Picot-Abkommen gewusst, das die eben eroberten Gebiete nicht den Arabern, sondern den Kolonialmächten zusprach. Die Verfilmung der Kriegsabenteuer mit Omar Sharif in der Rolle des Lawrence aus dem Jahre 1962 begeistert bis heute. Thomas Edward Lawrence lehnte nach dem Krieg sämtliche Auszeichnungen und hohe Posten ab. Foto: Wikipedia/public domain Grafik: COMPACT _ Der Historiker Jan von Flocken schrieb in COMPACT 4/2016 über den Roman «Utopia» von Thomas Morus. 63

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