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COMPACT-Magazin 07-2016

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Anakonda: Angriff an der

Anakonda: Angriff an der Weichsel _ von Jürgen Elsässer 32 Es war das größte Manöver seit Ende des Kalten Krieges – pikanterweise übte die NATO an einem Flusslauf, wo sich Wehrmacht und Rote Armee vor über 70 Jahren erbitterte Panzerschlachten geliefert hatten. Nach dem Gipfel im Juli sollen weitere Kampfeinheiten an die Ostfront verlegt werden. «NATO installiert Stolperdraht gegen Russlands Armee». Die Welt Klassische Angriffskriege gibt es schon lange nicht mehr. Es wird immer nur «zurückgeschossen». Am 22. Juni 1941 um 5:30 Uhr früh gab Reichspropagandaminister Joseph Goebbels über alle Rundfunk-Kanäle bekannt: «Zur Abwehr der drohenden Gefahr aus dem Osten ist die deutsche Wehrmacht am 22. Juni drei Uhr früh mitten in den gewaltigen Aufmarsch der feindlichen Kräfte hineingestoßen.» Fast auf den Tag genau 75 Jahre später hielt die NATO ihr größtes Manöver seit dem Ende des Kalten Krieges ab, und wieder soll es angeblich nur um Verteidigung gehen. Spiegel Online fasste zusammen: «Kurz vor dem NATO-Gipfel spielt Polens Militär den Angriff Russlands auf den Ostrand der Allianz durch.» Andrzej Duda, Präsident der angeblich angegriffenen Nation, erklärte: «Das Ziel der Übung ist klar. Wir bereiten uns auf einen Überfall vor.» Ein Albtraum-Szenario Wenn man das offizielle Szenario des Manövers studiert, wird man stutzig. Einerseits soll das «Bündnis der Blauen» einen Vorstoß des «Bündnisses der Roten» abwehren. Aber die bösen Roten seien erst nach «einem unglücklichen Zwischenfall», den sie als Offensivaktion der Blauen eingeschätzt haben, also aufgrund einer «Fehleinschätzung», in Polen und dem Baltikum einmarschiert… Plant da jemand, die Russen durch eine doppeldeutige Provokation zum Zuschlagen zu verführen, um dann selbst den Verteidigungsfall auszurufen, also den Krieg zu erklären? «Jedes noch so kleine Missgeschick, das die Russen missverstehen (…), könnte eine Offensive auslösen», zitiert der britische Guardian einen Militärexperten der EU-Botschaft in Warschau. Dies könne in ein «Albtraum-Szenario» münden. Dazu passt die Welt-Schlagzeile «NATO installiert Stolperdraht gegen Russlands Armee» – mit einer solchen Vorrichtung wird gewöhnlich eine Bärenfalle oder eine Sprengung ausgelöst. Beunruhigend auch, was die führende polnische Tageszeitung Rzeczpospolita titelte: «Die Russen haben etwas zu fürchten».

COMPACT Politik Die Dragoner reiten wieder Nach NATO-Angaben waren an der Operation Anakonda über 31.000 Soldaten, 3.000 Panzer und andere Militärfahrzeuge, 105 Flugzeuge und zwölf Schiffe beteiligt, die aus 24 Ländern kamen. Die Teilnahme der Ukraine, die im Donbass Krieg gegen prorussische Separatisten führt, war allein schon eine Kampfansage an Moskau. Bei der Eröffnungszeremonie wehte die Flagge des Putschregimes neben jenen der USA und Großbritanniens. Die Beziehungen zwischen Brüssel und Kiew sind ohnedies gefährlich eng geworden, seit der ehemalige NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen Sonderberater der ukrainischen Regierung geworden ist. Luftlandetruppen sind zumeist Offensiveinheiten. Foto: U.S. Army photo by Capt. Jeku Arce Die Bundeswehr soll den neuen NATO-Kampfverband in Litauen führen. Deutsches Kanonenfutter kann auch schwimmen: Das 130. Pionierbattailon der Bundeswehr überquert die Weichsel. Foto: MOD/Crown Copyright, 2016 Abseits der Worte ist es aber der faktische Manöverinhalt, der zu größter Besorgnis Anlass gibt: Im Zentrum stand das Übersetzen von starken Panzerverbänden über die Weichsel – in östliche Richtung. Dazu wurde eine über 300 Meter lange schwimmende Behelfsüberfahrt errichtet – das Bundeswehr-Portal Deutsches Heer nannte das ganz ohne Ironie einen «Kriegsbrückenschlag». «Weichsel» gehört – wie «Thermopylen», «Skagerrag» oder «Ardennen» – zu den geographischen Begriffen, die in den Schulbüchern der europäischen Völker an historische Schlachten erinnern: Hier startete die Rote Armee in den Januartagen des Jahres 1945 ihre große Offensive Richtung Berlin – die verlustreichen Materialschlachten in dieser Region stehen neben jenen in Stalingrad und Kursk im kollektiven Gedächtnis der Russen für den Sieg über Hitler-Deutschland. Dort also wird jetzt die Revanche geprobt… Springers Welt schreibt kalt wie Hundeschnauze: «Zum ersten Mal seit dem Einmarsch der Nationalsozialisten (…) durchqueren auch deutsche Soldaten das Land von West nach Ost.» Glaubt irgendjemand in Brüssel oder Washington, dieses erneute Aufwühlen verbrannter Erde ließe die Menschen in Petersburg oder Moskau kalt? Oder versucht man die Spannung absichtlich zu erhöhen, um den Stolperdraht schon mal zu straffen? Anakonda war nicht das einzige Manöver der NATO. Kurz darauf begann in den baltischen Staaten die Übung Saber Strike mit 10.000 Soldaten aus 13 Staaten – auf Truppenübungsplätzen wie dem estnischen Tapa, das nur 150 Kilometer von der russischen Grenze entfernt ist. Dabei sollte die Funktionsfähigkeit der superschnellen Eingreiftruppe VJTF trainiert werden, die vor zwei Jahren auf dem NATO-Gipfel in Wales beschlossen worden war. Sie soll ihre 5.000 Soldaten innerhalb von 48 Tagen auf jeden Kriegsschauplatz verlegen können, bevor stärkere Kräfte – zunächst die NATO Response Force mit 40.000 Mann – vor Ort sind. Die US-Armee hatte einen Teil ihrer Truppen in einer knapp dreiwöchigen Operation quer durch Europa ins Baltikum geführt. In der Ankündigung war protzig vom Polnische, britische und US-Einheiten am 7. Juni während einer Übung bei Thorn. Foto: US Army, Jeku Arce Straßen säubern auf Angelsächsisch: Ein britischer Soldat feuert in einem Übungsdorf bei Wandern nahe Landsberg an der Warthe eine Rauchgranate ab. Foto: US Army, Whitney Hughes 33

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