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COMPACT-Magazin 07-2016

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COMPACT Leben Der Eröffnungszug des alten Gotthard-Tunnels 1882 in Bellinzona. Foto: Public domain, Wikimedia Commons Mit 250 km/h kann auch der deutsche ICE künftig unter den Alpen rasen. Foto: AlpTransit Gotthard AG Schweizer Stolz: Arbeiter feiern im Mai 2016 den letzten Tunneldurchbruch. Foto: picture alliance/dpa nel. Bei diesem jedoch gehen die Kostenüberschreitungen ins Gigantische, und die Eröffnung ist auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben. Die Verantwortung für dieses Desaster haben Klaus Wowereit, ehemaliger Bürgermeister von Berlin, und Matthias Platzeck, der ehemalige Ministerpräsident des Landes Brandenburg, nonchalant abgewälzt – beide haben ihre Chefposition beim «Fluchhafen» unbeschadet abgegeben, ohne hinter Gittern zu landen. Das gleiche Debakel bei Stuttgart21: Die Bauträger, die Deutsche Bahn und das Land Baden-Württemberg, haben weder Planung noch Durchführung oder gar die Kosten im Griff. Aus den ursprünglich budgetierten 2,5 Milliarden Euro sind mittlerweile sieben geworden. Im Mai 2016 wurde eine weitere Finanzspritze von 500 Millionen Euro gefordert… Dass es bei den Schweizern keine solchen Bausünden gibt, liegt an der Effizienz sowohl ihres Staates wie ihrer Demokratie: Nachdem in Deutschland mittlerweile, den Vorgaben aus Brüssel folgend, alle Großprojekte europaweit ausgeschrieben werden und sich meistens die Konzerne durchsetzen, die ihr Angebot durch Einbeziehung zahlreicher Subunternehmer aus Polen, Rumänien und anderen Randstaaten am preisgünstigsten halten (was natürlich ein babylonisches Chaos produziert), führt in der Eidgenossenschaft noch immer die Politik das Kommando. Während der Umsetzung findet eine kontinuierliche Kostenkontrolle statt, alle Entscheidungsebenen von der Gemeinde über den Kanton bis zum Bund sind ständig involviert. Am Schluss hat immer der politische Souverän – das Volk – das letzte Wort: Mit 64 Prozent stimmten die Schweizer bereits 1992 dem Bau der Alpentransversale zu, das gab die nötige Planungssicherheit. In Deutschland dagegen hält man nicht viel von Volksentscheiden. Bezeichnend sind die Worte von Bundespräsident Joachim Gauck bei einem Schweiz- Besuch 2013: «Die direkte Demokratie kann Gefahren bergen, wenn die Bürger über hochkomplexe Themen abstimmen.» Der Teufel und der General Die Schweizer sind ihrem Wesen nach freiheitsliebende Eigenbrötler und Uhrengrübler, dabei lieben sie Ordnung über alles. Diese charakterlichen Eigenarten paarten sich mit der politischen Stabilität des Landes. Hier am Gotthard-Massiv fand die Schweiz als Willensnation mit vier verschiedenen Sprachkulturen – deutsch, französisch, italienisch und rätoromanisch – ihre erste Ausprägung. Anno 1291 verankerten die Leute aus Uri, Schwyz und Unterwalden im Bundesbrief ihren gegenseitigen Beistand gegenüber den Anmaßungen der Habsburger. Als Wasserscheide gab der Gotthard von Natur aus die Transitstrecken vor, die bis heute – wenn auch mächtig modifiziert und den Erfordernissen der Moderne angepasst – dieselben geblieben sind. Die Reuss fließt via Aare und Rhein in die Nordsee, der Ticino nach Süden in den Po und der wiederum in die Adria, also ins Mittelmeer. Entlang dieser Achse wurden seit dem frühen Mittelalter bis in die heutige Zeit die Verkehrs- und Handelswege ausgebaut. Die Schweizer sind ihrem Wesen nach freiheitsliebende Eigenbrötler und Uhrengrübler. Als im 13. Jahrhundert die Urner einen gangbaren Pfad über den Gotthard-Pass ins Tessin suchten, stießen sie auf ein großes Hindernis: Die wilde Reuss verunmöglichte die Überquerung der Schöllenenschlucht. Der Landammann von Uri verfluchte den Bach und rief: «Soll doch der Teufel hier eine Brücke bauen.» Der Sage nach wurde tatsächlich ein Pakt mit dem Gehörnten geschlossen, allerdings war ein Preis fällig: Luzifer verlangte die Seele des ersten Passanten. Doch die Urner waren bauernschlau und schickten als Opfer bloß einen Geißbock über den Höllensteg. Dieser Frevel erzürnte den Höllenfürsten so sehr, dass er tonnenschwere Gesteinsbrocken die Schöllenen hinunterwarf, wo sie bis heute liegen. 54 Genau diesen schmalen Pfad nahm im Winter 1799 General Alexander Suwarow mit seiner Armee. Ein Denkmal – in russischem Staatsbesitz – ehrt die 700 Soldaten, die bei diesem Feldzug gegen Napoleon

COMPACT Leben Sissi und andere Superlative ihr Leben ließen. Der britische Maler William Turner hat den Ort mit der Teufelsbrücke in seiner ganzen Düsternis am eindrucksvollsten auf Leinwand gebannt. Die gewaltigen Kräfte, die vor 60 Millionen Jahre bei der alpinen Auffaltung gewirkt haben, liegen hier offen und in völliger Unordnung da: Granit, Gneis und Schiefer. Von 1872 bis 1882 wurde der Berg zum ersten Mal durchstochen. Der erste Bahntunnel durch den Gotthard war 15 Kilometer lang und verlief von Göschenen nach Airolo. Dieser Bau muss als ein ebenso gigantisches Jahrhundertbauwerk eingestuft werden wie der aktuelle. Die damaligen Helden hießen Alfred Escher und Louis Favre, mit ihnen schufteten unter erbärmlichsten Bedingungen 11.000 Leute. Insgesamt 199 von ihnen verloren ihr Leben während der Grabung, vier von ihnen wurden beim Arbeiteraufstand vom 27. Juli 1875 durch eine Miliz der Urner erschossen: Die Aufständischen hatten einen Schweizerfranken mehr Lohn pro Tag bei diesem Höllenjob verlangt – unbegreiflich wenig für heutige Verhältnisse! 80 Kollegen waren so entsetzt über die Hinrichtungen, dass sie sofort die Baustelle verließen. Fortschritt versus Romantik Basel Ziel 2020 halbstündlich stündlich einzelne Züge Olten Luzern Zug Erstfeld Zürich Arth-Goldau Gotthard Basistunnel Bellinzona Lugano Mailand nach Venedig Während des Zweiten Weltkriegs malträtierte das Militär den Berg. Hier wurde das berühmte Reduit der schweizerischen Verteidigungspolitik in die Tat umgesetzt: die alpine Rückzugsfestung für den Fall einer deutschen Invasion. Massenweise wurden Stollen und Kavernen gegraben und mit Beton gesichert sowie Talsperren errichtet. Das in seiner Form etwas behäbig wirkende Felsmassiv ist seither durchlöchert wie ein Käse, eine veritable Emmentalisierung… 1980 ging das mit der Eröffnung des doppelspurigen Autotunnels weiter, der die ganzjährige Anbindung des Tessins an die übrige Schweiz garantiert. Vorigen Februar haben 57 Prozent der Schweizer für den Ausbau einer zweiten PKW/LKW-Röhre gestimmt. Begründet wurden und werden all diese Durchstöße wahlweise mit Zivilisationsfortschritt, militärischer Verteidigung oder Effizienzsteigerung von Warenströmen samt Profitmaximierung. Wo bleiben da die liebe Romantik und etwas fürs Gemüt? Beim ersten Tunnelbau vor 140 Jahren verloren 199 Arbeiter ihr Leben. Gerade Touristen aus Deutschland und anderen Nachbarländern ist zu wünschen, dass auch künftig noch internationale Züge über die alte Bergstrecke des höher gelegenen Tunnels fahren: Die äusserst engen Täler der beiden Flüsse Reuss und Ticino werden von einem imposanten Gipfelpanorama eingerahmt und verfügen über viel landschaftlichen Reiz. Das kleine Kirchlein von Wassen kommt bei der Durchfahrt auf den alten Gleisen aufgrund des Kehrtunnels gleich dreimal in den Blick des Betrachters, wenn sich der Zug auf die Scheitelhöhe von 1.150 Meter hochschraubt. Es kommt einem so vor, als würde ein Märchenbuch lebendig… Um Unfällen im neuen Tunnel vorzubeugen, werden die Güterzüge vor der Einfahrt mit viel Sensortechnik sozusagen auf Herz und Nieren geprüft. Bei Zweifeln erhält der Lokomotivführer keine Durchfahrtgenehmigung. Pro Stunde sind auch zwei Intercity-Personenzüge eingeplant; sie donnern mit sage und schreibe 200 bis 250 Sachen durch die Röhre. Die Fahrzeit auf der Strecke Zürich–Lugano beziehungsweise Zürich– Mailand verkürzt sich um 45 beziehungsweise 60 Minuten, also um etwa ein Drittel, sobald der Folgeabschnitt am Monte Ceneri fertiggestellt sein wird. Die Ingenieurskunst und Hochleistungstechnik kam einerseits aus der Schweiz, andererseits aus Deutschland sowie von anderen Spitzenanbietern. Auch die beiden Mega-Bohrmaschinen – «Sissi» genannt – sind deutscher Herkunft. Eines dieser Ungetüme von 9,4 Meter Durchmesser steht als Denkmal an der Tunneleinfahrt bei Bodio. Der Aushub betrug 28 Millionen Tonnen. Ein Teil davon lagert jetzt im Urnersee – sechs kleine Inseln dienen künftig Vögeln als Brut- und Nistplätze. Mit dem abgeleiteten Bergwasser wird eine Fischzucht betrieben. Neben Sissi fraß sich auch die Bohrmaschine Heidi durch den Berg. Foto: Cooper.ch, CC BY-SA 2.5, Wikimedia Commons Bild oben links: Gemälde von William Turner:1799 zog der russische General Suwarow über den Gotthard. Foto: Public domain, Wikimedia Commons Grafik darunter: Schneller durch den Gotthard. Grafik: SBB AG/COMPACT _ A. Benjamine Moser ist die Schweiz-Korrespondentin von COMPACT und lebt in Biel/Bienne. 55

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