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COMPACT-Magazin 07-2016

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Das Tor von Wembley _

Das Tor von Wembley _ von Bernd Schumacher Erst 2006 konnte die Auswertung eines 35-Millimeter-Films das Rätsel um das Wembley-Tor endgültig klären. Foto: S&G and Barratts/EMPICS Sport Auch 50 Jahre danach ist der Betrug in der 101. Spielminute unvergessen: Im Finale der Fußball-WM 1966 brachten die Engländer unserer Nationalmannschaft einen tödlichen Treffer bei – mithilfe des Schiedsrichters. Für die Fans beider Seiten stand die Partie im Schatten der Weltgeschichte. Abschluss in Wembley verdient; aber auch England hatte Klasse gezeigt. Bobby Charlton, Alan Ball und Bobby Moore pflegten geradlinigen «No-Nonsense»- Fußball und erfüllten die hohen Erwartungen der heimischen Fans. Nur der brutale Ausputzer Nobby Stiles hatte den Ruf der ansonsten fairen Insulaner befleckt. 56 Dieses Finale zu verlieren, hieße für die Engländer, den Krieg doch noch zu verlieren. Es war ein Turnier der großen Überraschungen: Der amtierende Doppelweltmeister Brasilien hatte zuerst gegen Ungarn verloren und war schließlich an den Portugiesen um Ballzauberer Eusebio gescheitert; die Azzurri aus Italien waren den exotischen WM-Debütanten aus Nordkorea unterlegen. Deswegen hatten die wenigsten Buchmacher auf dem Zettel, dass am 30. Juli als Endspiel Deutschland gegen England auf dem Spielplan stehen würde. Schwere Spiele steckten den Athleten beider Teams in den Knochen. Die Gastgeber hatten sich gegen Argentinien und Portugal durchsetzen müssen. Deutschland – richtiger: die Mannschaft der Bundesrepublik – hatte in der Vorrunde geglänzt, im Viertelfinale die beinharten Urus mit 4:0 abgefertigt und gegen die UdSSR einen Arbeitssieg errungen. Denkwürdige Momente bleiben für immer in Erinnerung: das torgekrönte Solo des jungen Franz Beckenbauer gegen die Schweiz, das «unmögliche Tor» von Lothar Emmerich aus spitzem Winkel gegen Europameister Spanien, die Wahnsinnsparaden seines Dortmunder Vereinskollegen Hans Tilkowski gegen die anstürmenden Sowjets. Die Deutschen hatten sich den krönenden Im Schatten der Geschichte Zwölf Jahre war es her, seit die Deutschen die gesamte Sportwelt überrascht hatten, als sie in der WM 1954 die hoch favorisierten Ungarn bezwingen konnten. Der Torschrei von Radioreporter Herbert Zimmermann beim Endspiel im Berner Wankdorf-Stadion klang noch lange nach. Nun also ging es gegen einen Gastgeber, gegen den man noch nie ein Turnierspiel gewonnen hatte. «Gegen Engeland» – gerade einmal 21 Jahre war es her, dass dieses Kampflied der Grauen Wölfe die Feindfahrten der U-Boot-Waffe begleitet hatte: Die Operation Seelöwe sah vor, 1940 die Insel zu besetzen – doch 1944 kamen die Invasoren von der Gegenküste. Schwer vorstellbar, mit welch negativer Einstellung die 97.000 Fans im weiten Stadionrund ausgerechnet die «Bloody Germans» empfingen. Die «Krauts», die man unter Blut, Schweiß und Tränen mühsam abgewehrt hatte, standen nun auf dem Heiligen Rasen von Wembley, hier im Mutterland des Fußballs, um Weltmeister zu werden? Nichts weniger als einen Kampf bis aufs Blut erwarteten die heimischen Zuschauer

COMPACT Leben von ihren Boys. Hier zu verlieren, hieße, den Krieg doch noch zu verlieren. Unter den Augen von Königin Elizabeth II. erklang vor Anpfiff das Lied der Deutschen, das bis heute auf der Insel mit den Zeilen der ersten Strophe in Verbindung gebracht wird: «Deutschland, Deutschland, über alles» – oder «God save the Queen»? Dieses Finale war alles, nur kein Spiel. Kampf bis aufs Blut Mit dem Anpfiff zählen nur noch die 22 Spieler und der damals noch braune Ball – beziehungsweise, wie oft er auf welcher Seite im Kasten landet. Und das lässt nicht lange auf sich warten: Bereits in der 12. Minute klingelt es. Ausgerechnet Helmut Haller, der blonde Augsburger, der für den FC Bologna spielt, trifft zur frühen Führung. Neben ihm steht mit dem AC- Milan-Star Karl-Heinz Schnellinger ein zweiter «Italiener» in der Stammelf. Beide haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die deutsche Mannschaft bis ins Endspiel gekommen ist. Haller ist torgefährlichster Spieler und hat bereits fünf Mal verwandelt, Schnellinger die Abwehr nach italienischem Vorbild so gut organisiert, dass sie bis zum Finale nur zwei Gegentreffer hinnehmen musste. Doch die Freude währt nicht lange: Schon sechs Minuten nach dem 1:0 gleicht Geoff Hurst aus, bis zur Halbzeit bleibt es beim gerechten Remis. Auch nach dem Wiederanpfiff sind die Chancen gleichmäßig verteilt. Ohne sich von der Kulisse und den englischen Fans einschüchtern zu lassen, erspielen sich die Deutschen eine Reihe von guten Möglichkeiten. Leider ist der junge Franz Beckenbauer, der sich im Laufe des Turniers als genialer Spielmacher erwiesen hatte, durch seinen Gegenpart Bobby Charlton fast neutralisiert. Die Partie wogt hin und her. Dann, in der 78. Minute, prallt der Ball nach einer Ecke unglücklich vom Bremer Abwehrspieler Horst-Dieter Höttges ab: Martin Peters zieht aus nächster Nähe ab, und es steht 2:1. Der Favorit führt, und zwölf Minuten vor dem Abpfiff setzt kaum noch jemand auf die Deutschen. Doch in unnachahmlicher Manier, voller Disziplin, Ausdauer und Kampfgeist stürmen die Mannen um Spielführer Uwe Seeler nach vorne, um den Ausgleich zu erzwingen. Die reguläre Spielzeit ist fast zu Ende, als nach einem Freistoß der Ball von Schnellingers Rücken an den Pfosten klatscht. Der Kölner Wolfgang Weber reagiert am schnellsten und schiebt das Ei über die Linie. Dieses Tor ist nicht herausgespielt, sondern herausgekämpft. Aber das spielt keine Rolle. Am Ende der regulären Spielzeit steht es 2:2 – Verlängerung! Der Verrat der Unparteiischen 22 Mann lassen sich auf den Rasen fallen, sie sind am Ende ihrer Kräfte. Der Nachmittag ist heiß, das Turnier lang und die letzten 90 Minuten eine Tortur für Nerven und Muskeln gewesen. Bundestrainer Helmut Schön, der noch nicht bewiesen hat, dass er der Nachfolge von Weltmeistermacher Sepp Herberger würdig ist, spricht mit seinen Männern. Auswechseln? Nein, jeder will jetzt weitermachen, ackern, sich aufopfern für den Sieg. Nach kurzer Pause geht es weiter. Was dann in der 101. Minute passiert, geht in die Fußballgeschichte ein. Kein «Tor» ist berühmter, keines umstrittener, keines tragischer und – zumindest für die Engländer – wichtiger als das 3:2 von Geoff Hurst. Er nimmt das Leder nach einem Pfostentreffer an, dreht sich auf engstem Raum, zieht aus kurzer Distanz ab und – trifft nur die Latte. Glück gehabt! Der Ball tropft nach unten ab, springt zwar noch einmal hoch, aber Verteidiger Weber eilt Tilkowski zu Hilfe und köpft die Pille über den Querbalken. Gefahr gebannt. Umso entsetzter gucken die deutschen Spie- Linienrichter Tofik Bachramow behauptete zeitlebens, er habe den Ball im Netz zappeln sehen. Foto: Screenshot YouTube/ Barneveld- Darts Der Ausgleichstreffer wurde nicht herausgespielt, sondern herausgekämpft. Bild unten links: Uwe Seeler, hier während des Gruppenspiels gegen die Schweiz. Foto: picture-alliance/dpa Grafik: COMPACT Quelle: Wikipedia Angetreten zum Endspiel Wembley Stadium, London Zuschauer: 96.924 England 4:2 Hurst 18.,101.,120. Peters 78. Deutschland Haller 12. / Weber 89. 1 2 5 6 3 16 4 21 1 10 12 8 9 10 11 9 7 4 3 6 5 2 1 Gordon Banks 2 George Cohen 5 Jack Charlton 6 Bobby Moore (K) 3 Ray Wilson 4 Nobby Stiles 7 Alan Ball 9 Bobby Charlton 16 Martin Peters 10 Geoff Hurst 21 Roger Hunt Trainer: Alf Ramsey 1 Hans Tilkowski 2 Horst-Dieter Höttges 5 Willi Schulz 6 Wolfgang Weber 3 Karl-Heinz Schnellinger 4 Franz Beckenbauer 12 Wolfgang Overath 8 Helmut Haller 9 Uwe Seeler (K) 10 Sigfried Held 11 Lothar Emmerich Trainer: Helmut Schön 57

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