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COMPACT-Magazin 07-2016

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COMPACT Leben Finale in Schwarz-Weiß 1966 war noch lange nicht jeder Haushalt mit einem Fernsehgerät ausgestattet. Das Wirtschaftswunder stand zwar in voller Blüte, doch die Bundesrepublik hatte immer noch mit den Folgen der Kriegszerstörungen zu kämpfen. Waren es 1954 gerade einmal 75.000 Geräte, die das «Wunder von Bern» übertrugen, gab es 1966 immerhin schon in 66 Prozent der Haushalte Schwarz-Weiß-Empfänger. Satte 76 Prozent davon waren beim Endspiel eingeschaltet. Die Technik war bereits in der Lage, eine Wiederholung einzuspielen. Die umstrittene Torszene wurde also immer wieder gezeigt und jeder konnte mit bloßem Auge erkennen, dass der Unparteiische parteiisch und damit falsch entschieden hatte. Als Teamchef führte Franz Beckenbauer die Nationalmannschaft 1990 zum Titel. Foto: picture alliance/dpa ler, Schlachtenbummler und Millionen von Zuschauern und Zuhörern in der Heimat, als der Schiedsrichter zur Seitenlinie eilt. Gottfried Dienst spricht hektisch mit Linienrichter Tofik Bachramow aus der UdSSR. Dieser nickt heftig, gestikuliert wild und redet intensiv auf den Schweizer ein. Dienst dreht sich um und zeigt zum Mittelkreis. Anstoß nach Tor! Unfassbares war geschehen – eine eindeutige Fehlentscheidung droht, das WM-Finale zu einer Farce zu degradieren. Sofort schießt es den meisten durch den Kopf: Ausgerechnet ein Sowjet! War seine Entscheidung so etwas wie ein Revanchefoul? Im Halbfinale hatten sich die starken Russen der deutschen Kampfkraft geschlagen geben müssen. Und: Die Sowjets waren Kriegsgegner wie die Tommies gewesen, aber doch von einem ganz anderen Kaliber! Der Krieg im Osten war viel schmutziger gewesen, und erst zehn Jahre war es her, dass die letzten Wehrmachtsangehörigen aus Stalins Lagern heimgekehrt waren. Kein «Tor» ist berühmter, keines umstrittener, keines tragischer. Warum aber machte der Schweizer Schiri mit? In der Logik der aufgebrachten Fußballfans fällt die Antwort darauf ganz leicht: Sein Land hatte zu den Vorrundengegnern der Deutschen in Gruppe B gehört. Gleich in ihrem ersten Spiel des Turniers hatten die Männer mit dem Adler auf der Brust die Eidgenossen mit 5:0 vom Platz gefegt. Der junge, aber schon elegante Franz Beckenbauer und der wieselflinke Helmut Haller hatten mit je zwei Toren brilliert. Jetzt also die Rache? Ernannte sich die kleine Schweiz zum Richter? Spielte man Schicksal, obwohl selbst ein Zwerg auf der Weltkarte des Fußballs, und versetzte dem großen Bruder einen Schlag ins Gesicht? Doch die deutsche Nationalelf wäre nicht so legendär, wenn sich die elf Kameraden nicht auch angesichts dieser schreienden Ungerechtigkeit zusammenreißen würden. Seeler treibt seine Jungs an, jeder – auch die Abwehrspieler – stürmt nach vorn und will das Ruder noch einmal herumreißen. Die bedingungslose Offensive öffnet die Räume im Hinterland, in die die pfeilschnellen Engländer hineinstoßen wie in Plumpudding. Als wiederum Hurst in der allerletzten Minute das 4:2 erzielt, ist die Partie endgültig vorbei. Sogleich fangen fußballferne Schlaumeier an zu argumentieren, dass die Engländer wegen dieses Treffers ja doch die rechtmäßigen Sieger seien. Das jedoch gilt in Fachkreisen als grober Unfug, denn der Todesstoß von Hurst – der eigentlich als Befreiungsschlag gedacht war – konnte nur erfolgen, weil die Deutschen angesichts der drohenden Niederlage alles nach vorne werfen mussten. Als der scheinbar Unparteiische nach gut zwei Stunden Endkampf das Spiel abpfeift, brechen unsere Jungs zusammen. Das WM-Finale von 1966 mit dem berüchtigten «Wembley-Tor» steht auch 50 Jahre danach als Fanal für die Bitterkeit, die jeder Sport, jeder Kampf, jedes Duell bis aufs Blut mit sich bringt. Dass die Drei-Löwen-Mannschaft seitdem die Deutschen als absoluten Angstgegner sieht und in den Turnieren 1970, 1996 und 2010 an ihm scheiterte, mag manchem zum Trost gereichen. Aber die Erinnerung an den gestohlenen Sieg nagt in unseren Fußballherzen weiter! Die Siegertrophäe, der Jules- Rimet-Pokal ging an den Kapitän der eigenen Mannschaft Bobby Moore (1941–1993). Erst 30 Jahre später mußte Elisabeth II. dann den EM-Pokal an die ihr ungeliebten Deutschen übergeben. Foto: National Media Museum from UK, Wikimedia Commons 58 _ Bernd Schumacher ist der Sportexperte bei COMPACT. In COMPACT 3/2016 schrieb er über unsere Handball-Nationalmannschaft.

Steuerung aus Übersee _ von Helmut Roewer Die Geschichte des BND (I): Der Bundesnachrichtendienst ist ein Kind des Kalten Krieges. Sein erster Chef Reinhard Gehlen spionierte für Hitler, die Amerikaner und Adenauer. Vor allem hatte er die Befürworter einer Blockfreiheit Deutschlands und die SPD im Visier. Reinhard Gehlen (1902–1979) – hier bei der Beerdigung des früheren Heeres-Generalstabschefs Franz Halder 1972 – umgab sich gerne mit der Aura des Undurchschaubaren. Foto: picture alliance/AP Der erste Geheimdienstskandal der Bundesrepublik bahnte sich an, als die westdeutsche Republik noch gar nicht das Licht der Welt erblickt hatte. Es ist die Geschichte eines Überläufers. Nachdem er sich fremden Herren angedient hatte, wurde er dem eigenen Land rück-untergeschoben – und dirigierte dort die ungenierte Überwachung von Patrioten und anderen Oppositionellen. Man schrieb den April 1945, in Berlin tobte der Endkampf des Dritten Reiches. Wer als Deutscher noch Arme und Beine besaß, sollte sich verheizen lassen. Der Volkssturm griff nach jedem, Kinder und Greise eingeschlossen – auf Drückeberger wartete der Strick. Die im Untergangsinferno gefällten Standgerichtsurteile wurden bis heute nicht seriös gezählt. Reinhard Gehlen interessierte all dies nicht sonderlich. Der 43-Jährige sorgte sich vielmehr um seinen nächsten Karrieresprung. Als Generalmajor war er seit 1942 Chef der Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) im Generalstab des Heeres. Unter dem sperrigen Namen verbarg sich ein Militärgeheimdienst, der die Verhältnisse in der Sowjetunion und der Roten Armee zu beurteilen hatte. Doch kurz vor dem apokalyptischen Höhepunkt des Tausendjährigen Reiches drohte dem Spionage-Chef Ungemach. Seinem Führer hatte er eine sichere Schwächung der Roten Armee prophezeit, das Tagebuch des Wehrmachtsführungsstabes dokumentiert diese Weissagung. Doch den Kanonendonner der Roten Armee konnte man im Führerbunker nicht überhören: Stalins Krieger waren gerade rund um Berlin in Angriffsstellung gegangen. Die Folge: Gehlen verlor seinen Posten an der Spitze der FHO. Akten für die Amerikaner Doch nach einem Fronterlebnis in den Trümmern der Reichshauptstadt stand dem umtriebigen Schattenkrieger nicht der Sinn. Ihn zog es nach Süden, wo – soviel war sicher – bald das Sternenbanner der Amerikaner wehen würde. Zu diesem Zweck stellte er sich und einigen Getreuen einen gefälschten Marschbefehl aus. Aus Zossen im Süden von Berlin, wo Teile des Oberkommandos des Heeres residierten, eilte er mit Hilfe einiger Holzgas-LKW in Richtung Süddeutschland. Diese Flucht ließ sich vortrefflich mit dem Hinweis tarnen, man befände sich auf dem Weg in die sagenumwobene Alpenfestung. Doch diese letzte Verteidigungslinie im Hochgebirge, in dem sich Hitlers letzte Getreue einen monatelangen Endkampf mit den Alliierten liefern sollten, gab es gar nicht. Gehlen kam der Auf den LKW befanden sich die Akten über die Sowjetunion. 59

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