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COMPACT-Magazin 07-2016

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COMPACT Leben Rausch und Revolte _ von Harald Harzheim Vor 80 Jahren gründete der Philosoph Georges Bataille eine Geheimgesellschaft für Souveränität. Der Querdenker verstand darunter einen radikalen Individualismus in Abgrenzung zu allen totalitären Systemen – wurde aber bald selbst des Faschismus bezichtigt. Georges Bataille, 10.9.1897– 9.7.1962. Foto: Repro COMPACT Sexualität und Ekstase durchziehen Batailles Werke. Foto: Public domain, Wikimedia Commons Im nächtlichen Wald versammeln sich dunkle Gestalten zum Kreis, beleuchtet nur vom flackernden Licht der Fackel. Aus ihrer Mitte ragt ein Baumstumpf, der Überrest einer vom Blitz zerschmetterten Eiche. In dessen kraterhafter Aushöhlung brennt ein Stück Schwefel, aufgebahrt auf einem Emaillelöffel. Die finsteren Gestalten starren auf den kleinen Vulkan. Schweigend. Ebenso stumm waren sie aus Paris angereist. 30 Kilometer mit dem Zug, jeder für sich. Nach einiger Zeit – keiner weiß genau wie viel – gehen sie ohne ein Wort wieder auseinander. Kein Abschiedszeichen; Stille auch während der Rückfahrt. Und niemals, niemals sollte diese nächtliche Schwefel-Meditation Gesprächsthema sein – egal, wem gegenüber. Als hätte das düstere Treffen nie stattgefunden. Dennoch wissen wir, zu welcher Art von Meditation der brennende Schwefel verführte, denn es steht in den Schriften des Gründers jener Geheimgesellschaft, des Choreographen dieses Rituals – des Philosophen Georges Bataille. Der Name der Gruppe: Acéphale. Ihr Ziel: Souveränität. Das süße Gift Im Juni 1936, also vor genau 80 Jahren, schrieb Bataille das Manifest der Gruppe. Darin konstatiert er: Im Europa jener Jahre ist es schlecht um die Souveränität bestellt: Diktaturen wie Faschismus und Stalinismus einerseits, erpressbare Demokratien andererseits. Wo und wie ist Souveränität da überhaupt möglich? Bataille, von Martin Heidegger als der «heute beste denkende Kopf Frankreichs» bezeichnet, hat wie kaum ein zweiter Philosoph die Frage der Souveränität durchleuchtet. Sie führt direkt in seinen anthropologischen Grundsatz: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern vom Gift.» Arbeit, reguliertes Leben, Ökonomie – all das repräsentiert nur eine Seite der Existenz. Bataille, der sein Einkommen als Bibliothekar erwirtschaftete, erkannte deren Wert durchaus an. Aber er wusste auch: Da lauert noch viel mehr im Menschen, eine weitere Dimension. Diese besteht aus Triebhaftem, Lust an der Gefahr, Rausch und Drogen, dem Wahnsinn und der hemmungslosen Verausgabung. Menschsein besteht auch aus Triebhaftem, Lust an der Gefahr, Rausch und Drogen, dem Wahnsinn. 62 Ein Vorbild findet diese Einstellung in der Natur, in der Sonne oder – im Vulkan: Kein Geizen, kein Zurückhalten, kein Haushalten, sondern unberechnete Vergeudung von Kraft, endlose Verschwendung. Diese «unproduktive» Seite des Menschen, auch als «verfemter Teil» (Bataille) bezeichnet, ist durch Verbote eingezäunt. Denn der Mensch muss im ökonomischen Kreislauf von Produktion, Reproduktion und Konsumtion funktionieren. Dennoch geht er nicht darin auf. Besagter Rest an Energie ist nicht totzukriegen. So fließt der verfemte Teil heimlich, unterschwellig in den Alltag. Nehmen wir beispielsweise die Faszination prächtiger Juwelen: Die sind fraglos schön, aber ein gutes Imitat wäre es nicht minder. Nein, ihre Aura entspringt der Verausgabung, dem Spiel mit dem (finanziellen und sozialen) Absturz, das ihr Käufer gespielt hat. Noch deutlicher zeigt sich «unproduktive Verausgabung» in Riten und Feiern, im Kult um das Heilige, in der Erotik, im Gelächter und im Tod. Jede Gesellschaft erlaubt sich Festivitäten, kurze Intervalle, in denen der «verfemte Teil» zu seinem Recht kommt. In dieser unproduktiven Verausgabung liegt für Bataille die Souveränität! Im pragmatisch «nutzlosen» Überschäumen der Vitalkräfte. Erst darin wird das Individuum zum

COMPACT Leben Symbol der Revolte «integralen Menschen», bedarf es nicht mehr der Anerkennung durch den Anderen, ist es sich selbst genug. Batailles exzessive Erzählungen Die Geschichte des Auges (1928) und Madame Edwarda (1941) illustrieren diese Zustände. Sturz aller Autoritäten Die Souveränität fand einst kollektive Repräsentation in der Gestalt des Monarchen: «Nach dem Willen aller besaß der Souverän das Privileg des Reichtums und der Muße, und gewöhnlich waren ihm die jüngsten und schönsten Mädchen vorbehalten.» Ein Barockkönig wie Ludwig XIV. repräsentierte Pracht und Verschwendung. Die Arbeit der Machtausübung blieb an Ministern und Adjutanten hängen. Nun will Bataille keineswegs die Wiedereinführung einer solchen Projektionsfigur. Im Gegenteil! Macht und Souveränität sind für Bataille unvereinbar: «Die Souveränität ist Revolte, sie ist nicht Ausübung der Macht. Die authentische Souveränität verweigert sich.» Sie ist Verweigerung gegenüber purem Nützlichkeitsdenken, gegen die Reduktion des Menschen auf Arbeit und Konsum. Das macht diesen Ansatz bedeutsam für die Gegenwart: Neoliberalismus, Konsumismus sind mit Souveränität nicht vereinbar! Batailles Geheimbund verteidigte den Menschen gegen die Okkupation durch alle Ismen unserer Zeit. Die Geheimgesellschaft schloss nicht nur staatliche Herrschaft aus, sondern verabscheute auch jeden Rassismus. Eine Regel lautete, Antisemiten niemals die Hand zu geben. Dennoch geriet die Vereinigung unter Faschismusverdacht. Dafür sorgte ihre Aufwertung des Triebhaft-Emotionalen bei gleichzeitiger Relativierung von Arbeit und Vernunft. Man warf dem Ex-Katholiken Bataille die Kreation eines irrationalen Mythos vor. Sogar das Geschwätz über angebliche Menschenopfer im Acéphale-Kreis hielt sich aber Jahrzehnte. Nun darf man die Pariser Souveränen aber nicht als geistfeindliche Mythomanen missverstehen. So gründete Bataille das Collège de Sociologie (1937–39), in dem Walter Benjamin, Alexandre Kojève und Hans Mayer gastierten. Außerdem gab er die Zeitschrift Acéphale heraus, das Sprachorgan der Gruppe. Die zweite Ausgabe versuchte eine Wiedergutmachung an Nietzsche. Bataille nahm den Philosophen gegen Vereinnahmungen durch die Nazis in Schutz. Dem beigefügt war eine Liste mit Nietzsche- Zitaten, die dessen prinzipielle Unverträglichkeit mit brauner Ideologie belegten. Stattdessen wurde Acéphale zum legitimen Erben Nietzsches erklärt. «Die Souveränität ist Revolte, sie ist nicht Ausübung der Macht.» Georges Bataille 1939, drei Jahre nach der Gründung, zerlief die Acéphale-Gruppe. In den folgenden Jahren der NS-Okkupation in Frankreich bemühte sich George Bataille um Unauffälligkeit. Aber selbst als Einsamer im Versteck gab er den Souveränitätsanspruch nicht auf: «Der Souverän ist kein König mehr. Er ist in den Großstädten verborgen. Er umgibt sich mit einem Schweigen, das seine Traurigkeit verhüllt.» Sein Souverän ist der anonyme Aussteiger, verborgen wie Nietzsches Zarathustra. Oder wie in späteren Road Movies: immer unterwegs, dadurch nie greifbar. Oder wie Ernst Jüngers anarchischer Waldgänger. Dass Bataille die Souveränität vom Individuum her denkt, ist auch Warnung für heutige Demokratien: In ihnen drohen Staatsdiener nämlich, den Souverän (das Volk) an die Ketten des totalen Marktes zu legen. Zum Acéphale-Bund zählten prominente Philosophen wie Pierre Klossowski, Michel Leiris oder der Maler André Masson. Letzterer zeichnete im Auftrag Batailles den Acéphale, das symbolistische Abbild des souveränen Menschen: Er ist ohne Kopf, steht also jenseits alltäglicher Ratio. Deutet man die Figur als Staats-Körper, heißt Köpfung auch das Entfernen eines Herrschers – das Feiern der Enthauptung Ludwigs XVI. durch die französische Revolution gehörte zum Ritenbestand der Acéphale-Gruppe. Deutlich sprechen das entflammte Herz oder das dionysische Opfermesser. Sinnbilder der Selbstopferung, der ekstatischen Selbstaufgabe. Last but not least verkündet der Totenschädel im Genitalbereich: Eros und Thanatos sind untrennbar. Erste Ausgabe der«Acéphale», 1936. Foto: Repro COMPACT Bild oben links: Aufstand der Totalitären: Am 6. und 7. Februar 1934 lieferten sich rund 30.000 Anhänger rechtsgerichteter Ligen Straßenschlachten mit der Polizei auf dem Place de la Concorde in Paris. In Folge der Proteste trat die Regierung von Édouard Daladier zurück. Foto: Public domain, Wikimedia Commons _ Harald Harzheim schrieb in COMPACT 6/2016 über eine Nacht vor 200 Jahren, in der die Monster der Moderne geboren wurden. 63

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