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COMPACT-Magazin 08-2016

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COMPACT Titelthema Die Ex-Agenten verweisen auf die schriftliche Reaktion eines der von Breedlove Angeschriebenen: «In Anbetracht dessen, dass Obama Ihnen untersagt hat, einen Krieg mit Russland anzuzetteln, ist Ihre E-Mail ein starkes Stück.» Aleppo als Zündfunke Anfang Mai hat Breedlove seinen Posten abgegeben. Aber eine Provokation könnte auch in einer anderen Weltregion und mit der Anstiftung eines anderen US-Hasardeurs beginnen. Am gefährlichsten ist nach wie vor die Lage in Nahost: Ein Giftgasanschlag in einem Vorort von Damaskus, den man Baschar al- Assad angelastet hatte, führte im August 2013 zu einem Ultimatum des US-Präsidenten. Ein Krieg mit unabsehbaren Folgen wurde erst im letzten Augenblick verhindert, weil das britische Unterhaus überraschend eine Beteiligung an dem Wahnsinn ablehnte. 14 Deutschland sei bereit, «die globale Ordnung aktiv mitzugestalten», sagte Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) Mitte Juli. Foto: AkBwInfoKom/ ZRed Bw Dumm gelaufen Man darf der NATO durchaus abnehmen, dass sie einen Krieg vermeiden will. Rationales Ziel ihrer Politik ist eher, durch eigene Hochrüstung Moskau zu unsinnig teurer Nachrüstung zu zwingen und dadurch den wirtschaftlichen Zusammenbruch zu provozieren. Das hat in den 1980er Jahren bei der Sowjetunion sehr gut geklappt. Aber das Risiko bei dieser Strategie ist hoch: Mehrmals stand die Welt im Kalten Krieg am atomaren Abgrund, so etwa während der Kuba-Krise 1962 und im Jahr 1983, als die Russen ein NATO-Manöver als Vorbereitung eines Erstschlages auffassten. Nur mit viel Glück wurde die gegenseitige Vernichtung in diesen Fällen abgewendet. tet, ging es nur darum, dass die «Blauen» einen Vorstoß der bösen «Roten» abwehren. Aber diese seien, so die Manöverunterlagen, erst nach «einem unglücklichen Zwischenfall», den sie als Offensivaktion der «Blauen» eingeschätzt haben, also aufgrund einer «Fehleinschätzung», in Polen und dem Baltikum einmarschiert… Plant da jemand, Putin zum Eingreifen zu verführen, um dann selbst den Verteidigungsfall ausrufen, also den Krieg erklären zu können? «Jedes noch so kleine Missgeschick, das die Russen missverstehen (…), könnte eine Offensive auslösen», zitiert der britische Guardian einen Militärexperten der EU-Botschaft in Warschau. «Wir müssen wieder lernen, den totalen Krieg zu führen.» NATO-Offizier Larsen Prädestiniert für eine solche Provokation ist ein General wie Philip M. Breedlove. Der US- und NATO- Oberbefehlshaber für Europa versuchte immer wieder, «die USA durch Intrigieren, Bedrängen, Überzeugungsarbeiten und Druck in einen Krieg mit Russland zu treiben», berichteten 19 ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter Anfang Juli in einem Offenen Brief an die Bundeskanzlerin. Eine wesentliche Rolle spielten dabei die lügnerischen Berichte des Oberkommandierenden über eine russische Invasion im Donbass im August 2014. Aktuell kritisieren die Falken in Washington, dass die stillschweigende Kooperation Obamas mit Putin gegen die Dschihadisten in der Levante dazu geführt habe, dass syrische Truppen mit russischer Luftunterstützung auf Aleppo vorrücken konnten. Mitte Juni haben sich 51 US-Diplomaten der Forderung von Senator John McCain nach einer US-Intervention angeschlossen. Seit 9. Juli ist die Islamisten-Hochburg vollständig eingekesselt. Am 13. Juli veröffentlicht Bild einen Aufruf: «Die Apokalypse von Aleppo – Zehn Gründe, warum die Welt jetzt handeln muss». Chefredakteur Julian Reichelt wurde vom Portal Meedia gefragt: «Schließt das für Sie eine militärische Intervention ein?» Reichelt: «Ja, darum geht es. (…) Die Geschichte beweist, dass nur klare Grenzen im Umgang mit Russland eine Eskalation verhindern können.» Das eingangs geschilderte Weltkriegsszenario von August Cole beginnt jedenfalls mit einer Konfrontation – «egal ob gewollt oder aus Versehen» – zwischen den USA und Russland in Syrien. «Er glaubt, dass Putin daher quasi zur Ablenkung eine zweite Offensive starten könnte – nämlich im Baltikum», fasste der Focus zusammen. Die NATO behält sich ausdrücklich den Erstschlag mit Atomwaffen vor. Unterstützung erhält sie dabei von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, die in einer aktuellen Studie den Ausbau der westlichen «nuklearen Komponente» zur «glaubwürdigen Abschreckung» Russlands befürwortet. Die Antwort Moskaus liegt bereits auf dem Tisch. «Wenn die NATO eine Aggression beginnt – gegen eine Atommacht wie uns –, wird sie bestraft werden», sagte Kremlberater Sergej Karaganow Mitte Juli im Spiegel. Zur Hybris der NATO-Hardliner gehört, dass sie glauben, einen Schlagabtausch mit Massenvernichtungswaffen gewinnen zu können. Anfang Juni forderte der dänische Offizier Jakob Larsen ganz öffentlich: «Wir müssen wieder lernen, den totalen Krieg zu führen.» Joseph Goebbels wird sich in der Hölle gefreut haben.

COMPACT Titelthema Schlachtfeld Deutschland _ von Martin Müller-Mertens Bereitet Putins Schattenarmee auch hierzulande den Umsturz vor – wie vor zwei Jahren auf der Krim? Hybride Kriegführung, so behaupten deutsche Medien mit Unterstützung aus Regierungskreisen, sei die neue Superwaffe des Kremls. Dabei ist es genau umgekehrt: Die NATO nutzt einen Mix aus militärischen Drohgebärden, Einmischungen und Desinformationskampagnen, um Russland einzukreisen. Der Feind steht im Osten: Seit Kriegsbeginn in der Ukraine mutierte Russland in der westlichen Propaganda endgültig zum aggressiven Reich des Bösen. Mit einem geheimen Feldzug von Freischärlern, Rebellen und Trollen stürze Wladimir Putin seine Nachbarn in Chaos und Zerstörung. Dabei bediene sich Moskau eines neuen Konzeptes – des hybriden Krieges. Was sich hinter diesem Begriff versteckt, fasste 2015 die Analyse Hybride Kriegsführung – eine neue Herausforderung? des bundeswehrnahen Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel zusammen. Kern sei der zunehmende Einsatz von «irregulären Kampfweisen». Dazu zählt «beispielsweise die möglichst verdeckte Unterstützung von Aufstandsbewegungen oder nicht-staatlichen Akteuren (Proxys) in einem bestimmten Staat. Die Komponente des Informationskrieges, wozu vor allem der massive Einsatz von Propaganda gehört, dient vor allem dazu, die Moral der Streitkräfte zu brechen und die Meinung der Zivilbevölkerung des Gegners zu beeinflussen.» Schärfung der Propagandawaffen Tatsächlich ist dieses Konzept in den vergangenen Jahren vor allem von der NATO praktiziert worden, etwa in den sogenannten Bunten Revolutionen ab dem Jahr 2000 (siehe Infobox Seite 17). Explizit tauchte der Begriff in US-Analysen nach dem Sieg der Hisbollah-Miliz über das israelische Militär im Libanon 2006 auf und fand dann 2008 Eingang in das Pentagon-Strategiepapier U.S. Marine Corps Vision and Strategy. Schließlich beschloss der NATO-Gipfel 2014 in Wales, «effektiv den besonderen Herausforderungen einer Bedrohung durch einen Hybridkrieg zu begegnen». Der nächste Schritt ließ nicht lange auf sich warten. Hybrid bedeutet: ein Mix aus konventionellen Waffen, irregulären Taktiken, Terrorismus und kriminellen Handlungen. Alles Kreml-Krieger? Russlanddeutsche demonstrieren am 23. Januar vor dem Kanzleramt gegen sexuelle Übergriffe durch Migranten. Foto: picture alliance / dpa 15

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