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COMPACT-Magazin 08-2016

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COMPACT Titelthema Krieg der fünften Dimension _ von Marc Dassen Die NATO hat das Internet zum Schlachtfeld erklärt, betreibt die Militarisierung des «Cyberraums» und rekrutiert Laptopkrieger für den virtuellen Ernstfall. Auch in Deutschland hat das Thema Konjunktur. Ein Blick hinter die Firewall des World Wide War. im Weltraum und nun auch im sogenannten Cyberspace: Auf dem NATO-Gipfel in Warschau Anfang Juli wurde das World Wide Web als fünfter militärischer «Operationsbereich» definiert. Eifrig treibt das Bündnis die digitale Aufrüstung voran. «Ein Laptop, ein Tablet, selbst ein Smartphone kann ausreichen, um halbe Armeen lahmzulegen.» Tagesspiegel Bild rechts: Das Cyber Security Operations Center in Columbus, Ohio. Foto: picture alliance / AP Photo Wie im Computerspiel – doch das Ende könnte tödlich sein. Foto: Christiaan Colen, CC BY-SA 2.0, flickr.com «Du schaust auf deine Armbanduhr. Es ist 8:15 Uhr. In der vergangenen Viertelstunde sind 157 große urbane Zentren Amerikas ins Chaos gestürzt – durch einen landesweiten Stromausfall zur Stoßzeit. (…) In Raffinerien verbrennen die Ölreserven mehrerer Städte. Untergrundbahnen sind in New York, Oakland, Washington und Los Angeles verunglückt, Güterzüge vor großen Verkehrsknotenpunkten (…) entgleist. Flugzeuge fallen nach Zusammenstößen buchstäblich vom Himmel. Pipelines, die Gas in den Nordosten des Landes transportieren, sind explodiert, Millionen müssen frieren.» Diese apokalyptische Vision stammt aus dem 2010 veröffentlichten Buch Cyber War von Richard Clarke, der über 20 Jahre lang Sicherheitsberater aller US-Präsidenten war – von Ronald Reagan bis George W. Bush. Alles Schwarzmalerei? Cyberkriminalität, Cyberspionage, Cyberterrorismus, Cyberkrieg – der futuristisch klingende Themenkomplex suggeriert eine akute Bedrohungslage. Vordergründig weist die Offensive der NATO-Führung an der digitalen Front auf die Verwundbarkeit unserer vernetzten Infrastruktur hin, die nun angemessen vor sowohl staatlichen wie nichtstaatlichen Akteuren, Hackern, Saboteuren, Spionen und Cyberterroristen geschützt werden müsse. Zu Land, zur See, in der Luft, Wollt ihr den digitalen Krieg? Berüchtigt sind besonders die Cyberarmeen aus den USA, aus Russland, China und Israel, die zum Teil beeindruckende Personalstärken vorweisen können. Etwa 6.000 solcher Cyberkrieger sollen derzeit offiziell für Washington tätig sein – die rund 40.000 Agenten der NSA nicht mitgezählt. Moskau soll nach Medienberichten knapp 4.000 Staatshacker beschäftigen. Seit 2007 hat auch die Bundeswehr im Kommando Strategische Aufklärung die Geheimtruppe Computer Netzwerk Operationen (CNO) gegründet, die heute schätzungsweise 80 Mann mit «elektronischer Kampfführung» betraut. 2008 wurde das zur NATO gehörende Cooperative Cyber Defence Center of Excellence im estnischen Tallin eingeweiht, das Anfang März 2013 ein Handbuch des Cyberkriegs vorstellte, in dem sogenannte «Hacktivists» gewarnt werden, dass sie im Kriegsfall als «legitime Ziele» gelten und getötet werden können. Der Tagesspiegel formulierte Ende April: «Der Feind ist unsichtbar und seine Waffe ohne Altersgrenze frei verkäuflich. Ein Laptop, ein Tablet, selbst ein Smartphone kann ausreichen, um halbe Armeen lahmzulegen.» In einem Papier der NSA hieß es schon 2015 prophetisch: «Der nächste größere Konflikt wird im Internet beginnen.» 18

Eine Cyberattacke auf ein Mitgliedsland ist offiziell ausreichend, den Bündnisfall nach Artikel fünf – und damit Krieg! – auszulösen, drohte die NATO schon Mitte 2014 in ihrer aktualisierten Cyber Defense Policy. Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärte wiederholt, der netzbasierte Angriff sei «gleichzusetzen mit einem bewaffneten Überfall». Das Hauptproblem bei dieser Doktrin ist jedoch: Cyberattacken haben keinen Absender. Der Aggressor kann seine Identität mühelos verschleiern oder falsche Fährten legen. Der Angegriffene weiß nicht, wie ihm geschieht, kann erst reagieren, wenn es zu spät ist – Panzerverlegungen brauchen Tage, Raketenangriffe immerhin Stunden, Cyberangriffe bloß Millisekunden. Jeder Krieg beginnt mit einer Lüge, und im Cyberkrieg sind solche Lügen buchstäblich per Mausklick konstruierbar. Feindbild Putin Die Ankündigungen der NATO müssen Friedensfreunde beunruhigen, bedenkt man, dass im neuen Kalten Krieg Cyberanschläge auf den Westen gerne auch ohne Beweise dem Kreml angelastet werden: So geschehen nach dem Angriff auf Estland 2007, als eine sogenannte DDoS-Attacke Banken-, Regierungs- und Verwaltungsserver für Wochen lahmlegte und in der Folge eine Mittäterschaft Putins behauptet wurde. Im Sommer 2015 wurde ein Einbruch in das Netz des Bundestages registriert und der Russe erneut zum Sündenbock gestempelt. Auch sollen die IT-Netze der US-Demokraten, der CDU und des französischen TV-Senders TV5 Opfer russischer Laptopkrieger geworden sein. Ende April 2016 berichtete die Bild-Zeitung unter der Überschrift «Russland führt Cyber-Krieg gegen Deutschland!» aus einem Dossier des Verfassungsschutzes, das den Moskauer Behörden «Angriffe gegen deutsche Ziele» vorwarf. Mitte Juni 2016 verbreitete der Spiegel die Behauptung, Russlands Geheimdienste steckten hinter dem sogenannten Cyber-Kalifat des Islamischen Staates und würden im Namen des IS Angriffe auf den Westen verüben. Die illegale Spionage der US-Geheimdienste in Deutschland, die sich bis auf die Bespitzelung des Kanzler- Handys erstreckte, scheint dagegen längst vergessen. Selbst konventionelle Waffensysteme können durch Cyberangriffe gestört oder fremdgesteuert werden. Der Präzedenzfall stammt aus dem Kalten Krieg, als die CIA 1982 «ein Computervirus in das Kontrollsystem der sowjetischen transsibirischen Gaspipeline» (Spiegel) einschleuste: «Wenig später folgte eine gigantische Explosion», die die Pipeline völlig zerstörte. 1999 setzte die NATO im Kosovo-Krieg unter anderem Hacker ein, um serbische Luftabwehrsysteme zu manipulieren. 2012 sorgte der Computerwurm Stuxnet, welcher laut New York Times auf Befehl des US- Präsidenten Barack Obama in die Computersysteme der iranischen Urananreichungsanlage bei Natanz eingeschleust wurde, für erhebliche Zerstörungen. Ein mysteriöser Cyberangriff ereignete sich womöglich 2013, als ein Patriot-Raketensystem der Bundeswehr an der türkisch-syrischen Grenze plötzlich «unerklärliche» Befehle ausführte. Besonders enthusiastisch, was die Möglichkeiten der digitalen Kriegsführung angeht, sind die Militärs im Pentagon. In der schon 1993 veröffentlichten Studie Cyberwar is coming des US-Thinktanks Rand Corporation wird behauptet, dass der «Cyberkrieg für das 21. Jahrhundert sein könnte, was der Blitzkrieg für das Maus statt Kanone: Die Kriege der Zukunft werden am Computer geführt – wie hier bei einer Übung auf der Eglin Luftwaffenbasis in Florida, 2014. Foto: U.S. Air Force / Capt. Carrie Kessler «Der nächste größere Konflikt wird im Internet beginnen.» Spiegel Cyberattacken Motive der Angriffe 2013 10 6 49 35 19 Cyberkriminalität Hackeraktivitäten Cyberkriegsführung Cyberspionage Quelle: Hackmageddon Grafik: COMPACT

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