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COMPACT-Magazin 08-2016

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COMPACT Dossier «Ich will mein Leben zurück» _ von Karel Meissner Der Brexit war die Krönung seines Lebenswerks – und dann trat Nigel Farage völlig überraschend von der Bühne ab. Mittlerweile häufen sich die Indizien, dass sein Rückzug nicht freiwillig war, sondern mit Morddrohungen erzwungen wurde. «Wir gewannen, ohne eine Patrone abzufeuern.» Ob Farages Gegner das auch planen? Foto: The Independent Der Chef der Liberaldemokraten, Tim Farron, gehört zum pro- EU-Lager. Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com Er ist die Hassfigur des Establishments, auch in Deutschland: Die Frankfurter Allgemeine tituliert ihn als «Gentleman unter den Populisten», für die Zeit ist er einfach nur ein «Rassist», die Bild-Zeitung nannte ihn grob einen «Brexsack». Am 4. Juli konnten sie alle aufatmen: Nigel Farage trat als Vorsitzender der britischen Unabhängigkeitspartei UKIP zurück. Farage hatte mit dem Referendum vom 23. Juni den Höhepunkt seiner politischen Karriere erreicht: 25 Jahre hatte es gebraucht, bis er – zu Margret Thatchers Zeiten noch Mitglied der Tories – die von ihm 1993 gegründete UKIP zu einem Machtfaktor in der Politik gemacht hatte. Als er 1998 ins Straßburger Parlament einzog, war er zunächst eine One-Man-Show – aber seine frechen Reden in Straßburg, millionenfach über YouTube verbreitet, machten ihn bald bekannt. Der Durchbruch kam im Mai 2014, als UKIP bei den Wahlen zum EU-Parlament mit 28 Prozent zur stärksten Kraft auf der Insel wurde. Doch im Folgejahr, beim Urnengang für das immer noch viel entscheidendere britische Unterhaus, hatte es nur zu 12,6 Prozent gereicht. Aber ihre absolute Mehrheit hatten die Konservativen teuer erkauft – nämlich mit der Übernahme einer Forderung, die UKIP seit vielen Jahren immer wieder ins Zentrum gestellt hatte: Abhaltung einer Volksabstimmung über die EU-Mitgliedschaft. Als Cameron sein Versprechen einlöste, kam Farage zurück ins Spiel: Seit Januar tourte er durchs Land, sprach auf Marktplätzen ebenso wie in TV-Gesprächsrunden. Der stets in feinem Tuch gewandete Krawatten- oder Schlipsträger hat den Vorteil, dass er im Unterschied zu vielen anderen Politikern auch eine volkstümliche Seite hat: Gerne geht er in Pubs und hat Spaß mit einfachen Leuten – eine Zigarette in der einen, ein Pint Bier in der anderen Hand. Angst vor Attentaten Der Rücktritt vom 4. Juli kam deswegen so Knall auf Fall, weil Farage in den Tagen zuvor kampfeslustig wie immer gewesen war. Noch am 28. Juni war er im Stile eines Praeceptor Europae im Straßburger Parlament aufgetreten und hatte den Abgeordneten, immer wieder von deren Wutgeheul und Zwischenrufen unterbrochen, vorgehalten, dass «fast niemand» von ihnen «je einem vernünftigen Job» nachgegangen sei. Farages Schlüsselsatz in der kaum achtminütigen Pressekonferenz zu seiner Demission war: «Während der Referendumskampagne sagte ich: Ich will mein Land zurück! Was ich jetzt sage, ist: Ich will mein Leben zurück!» Das wurde von den meisten Beobachtern mit seiner Aussage verknüpft, er wolle kein «Karrierepolitiker» werden und habe nun, mit dem Brexit, alles erreicht, wofür er immer gekämpft habe. Doch seine ernste Miene an diesem Tag will nicht zu dieser Lesart passen. Und auch die Worte nicht: Farage war Berufspolitiker, mit jeder Faser seines Seins, und das seit über zwei Jahrzehnten. Und plötzlich will er sein Privatleben entdeckt haben? Er sah doch in der Rücktrittserklärung selbst voraus, dass er und UKIP bald noch gebraucht werden könnten: «Wenn die Regierung jetzt [vom Brexit] zurückrudert und angesichts einer Labour-Partei, die sich von ihren Wählern entfernt hat, könnten die besten Tage von UKIP noch vor uns liegen.» Tatsächlich: Die UKIP hätte angesichts des Zerfalls der Altparteien die Chance, den nächsten Premier zu stellen, das wäre natürlich Farage… «Brexsack kassiert weiter EU-Kohle!» «Bild» über Farage 42 Am nächsten Tag machten große Londoner Tageszeitungen mit einer anderen Interpretation von «Ich will mein Leben zurück» auf. «Nigel Farage exklusiv: Warum ich zurücktreten musste – Todesdrohungen forderten ihren Preis von UKIP-Führer», titelte beispiels-

weise der Daily Express. «Quellen in der UKIP sagen, dass Farage von einer ansteigenden Welle von Todesdrohungen verstört war, die seit dem Brexit-Votum dramatisch angestiegen war. (…) Ein Insider sagte, dass der UKIP-Führer in den vergangen Tagen gegenüber der Polizei von Drohungen berichtet hatte, die sich gegen seine Familie richteten.» In der Daily Mail konnte man lesen: «Er war sehr besorgt wegen der Todesdrohungen. Die haben ihn wirklich geschafft.» Das Blatt zitierte Twitter-Postings verschiedener Absender: «Einer muss Nigel Farage mit sofortiger Wirkung ermorden.» – «Ich werde jemanden bezahlen, damit er Nigel Farage erschießt.» Am 10. Juli berichtete die Sunday Times, dass es nicht bei bösen Worten geblieben war: «Verdächtige Angreifer waren bei mindestens zwei unterschiedlichen Gelegenheiten ergriffen worden, als sie sich mit Messern Zutritt zu Kundgebungen verschaffen wollten, an denen Farage während der Referendums-Kampagne teilnahm.» Außerdem habe es gegen seine Töchter, 11 und 16 Jahre alt, Drohungen gegeben, die von der Polizei als «glaubwürdig» eingeschätzt wurden. Der Daily Mirror titelte am selben Tag: «Nigel Farage enthüllt, dass er fürchtete, ermordet zu werden, und deshalb als UKIP-Führer zurücktrat». Frühere Fälle Bereits in der Vergangenheit war der Politiker in lebensgefährlichen Situationen gewesen. Im Mai 2010 war sein Kleinflugzeug aus 35 Meter Höhe abgestürzt – wie durch ein Wunder blieb er unverletzt. Fremdeinwirkung konnte nicht festgestellt werden – angeblich hatte sich die Aufhängung eines UKIP-Werbebanners, das über den Himmel gezogen werden sollte, im Leitwerk der Maschine verheddert. Aber im Nachhinein bedrohte der damalige Pilot, ein gewisser Justin Adams, Farage und den Chefermittler zum Absturz insgesamt fünf Mal mit dem Tod und wurde schließlich dafür verurteilt. Farage selbst ging davon aus, dass der Mann infolge seiner Verletzungen bei dem Crash unter einer psychischen Störung litt. «Ich werde jemanden bezahlen, damit er Nigel Farage erschießt.» Twitter-Drohung Ernstzunehmender war ein Vorfall Ende Oktober 2015: Farage befand sich mit seinem Volvo auf dem Rückweg von Brüssel, als sich in der Nähe der französischen Hafenstadt Dünkirchen ein Rad von seinem Auto löste. Glücklicherweise durchfuhr er gerade mit geringer Geschwindigkeit eine Baustelle. Aber gerade an dieser Stelle hätte das Ganze auch übel enden können: Es gab bei eingeengter Fahrspur keinen Standstreifen, Farage konnte das Auto also nicht auf die Seite lenken. Vor den heranfahrenden LKWs musste er sich mit einem Sprung über eine Begrenzungsmauer in Sicherheit bringen. «Die französische Polizei schaute sich das Ganze an und sagte, dass sich durchaus schon einmal eine Radmutter an einem Reifen lösen könne, aber nicht alle vier gleichzeitig», sagte Farage später gegenüber der Daily Mail. Besonders bemerkenswert: Weder von diesem Ereignis noch von den aktuellen Todesdrohungen war in den deutschen Leitmedien zu lesen. Nigel Farage am 28. Juni im EU- Parlament. Foto: picture alliance / AP Photo Die Reaktion der Brexit-Verlierer «Politiker in Deutschland und Europa reagieren mit Überraschung und Häme auf den Rückzug Nigel Farages vom Vorsitz der rechtspopulistischen UKIP-Partei. (…) Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn bezeichnete Farages Rücktritt als ”sehr feige”. (…) Von den Grünen kam ebenfalls scharfe Kritik: Außenpolitiker Jürgen Trittin kritisierte Farages Rücktritt als Ausdruck ”elitärer Verachtung”. (…) Grünen-Bundesvorsitzender Cem Özdemir stimmte ihm zu. ”Wer sich auf die Populisten verlässt, ist verlassen”, schreibt er bei Twitter.» (faz.net, 4.7.2016) _ Karel Meissner lebt in Birmingham. In COMPACT-Spezial Nr. 10 «Islam – Gefahr für Europa» schrieb er über die Muslimbruderschaft. 43

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