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COMPACT-Magazin 08-2016

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COMPACT Leben 48 Weites Land, viel Raum für Gedanken – Blick vom Gletscher Snaefellsjöküll hinunter ins Tal. Foto: Autor Die drolligen Papageitaucher zählen zu den Wahrzeichen Islands. Foto: Autor Islands Geschichte ist gezeichnet von Entbehrungen und Kampf, von Nöten und Naturgewalten. Die ungezähmte Rauheit dieses zu Stein erstarrten Meeres springt einem von Anfang an entgegen. Wer einmal mit eigenen Augen die unwirtlichen Weiten des Hochlands, die eisigen Kraterseen bei Askja, den sagenumwobenen Gletscher Snæfellsjökull oder die malerischen Westfjorde gesehen hat, der kann sich leicht vorstellen, wie die sagenhaften Geschichten über zornige Riesen und zankende Elfen entstanden sind, die bis heute tief in der Volksseele verwurzelt sind – und woher Islands Fußballhelden die Kraft nehmen, es als eisenharte Einheit selbst mit den ganz Großen ihrer Zunft aufzunehmen. Plötzlich taucht ein Buckelwal aus dem Wasser. Szenenwechsel: Ein isländisches Sprichwort lautet: «Wenn Dir das Wetter nicht gefällt, dann warte einfach fünf Minuten!» Wir aber warten nun schon seit über zwei Tagen darauf, dass sich die tiefhängenden Regenwolken über uns endlich verziehen. Eigentlich hatten wir gestern zu Fuß zum Eyjafjallajökull aufbrechen wollen – jenem berüchtigten Vulkan, der 2010 mit seinem Ausbruch den europäischen Flugverkehr lahmgelegt hat. Doch nachdem auch heute keine Besserung in Sicht ist und die Stimmung beinahe so tief hängt wie die Wolken, entschließen wir uns, in Richtung Norden zu fahren. Dank Geländewagen müssen wir nicht der asphaltierten Ringstraße folgen, sondern können die Bergpisten durchs menschenleere Hochland nutzen. Teer ist hier ebenso ein Fremdwort wie Brücken: Grobes Geröll und schwarzgraue Wüste weisen uns den Weg, immer wieder durchkreuzt von hüfttiefen Flüssen, in denen jeder gewöhnliche Pkw schlichtweg versinken würde. Unser Landrover meistert all diese Herausforderungen ohne Probleme. Und mit Erreichen der Nordküste verziehen sich endlich auch die düsteren Wolken. Die Luft ist rein für den Bootsausflug in die Bucht vor Husavik! Hier wimmelt es um diese Zeit von Delfinen und anderen Meeressäugern. Voller Vorfreude besteigen wir den alten Kahn – und werden tatsächlich belohnt: Im Licht der Abendsonne taucht neben uns plötzlich ein Buckelwal aus dem Wasser. Die gewaltige Fontäne, die aus seinem Atemloch sprüht, hat ihn verraten. Aufregung an Bord! Alles springt und quasselt durcheinander. Unser Kapitän dreht bei, um dem Riesen so nah wie nur möglich zu bleiben. Den kratzt das nicht die Bohne. Majestätisch gleitet er durch die glitzernden Wogen der Grönlandsee. Ein unbeschreiblich schöner Anblick. Den über uns ziehenden Regenschauer nehmen wir gerne in Kauf. Insel der Seligen Die Wirtschaft der Insel ist traditionell von Landwirtschaft und Fischerei geprägt. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, auch wenn mittlerweile zwei Drittel aller Isländer ihre Brötchen im Dienstleistungssektor verdienen und der Tourismus zur Haupteinnahmequelle avanciert ist. Noch immer machen Fischereiprodukte rund 75 Prozent der jährlichen Exporte aus. Und auch die Isländer selbst ernähren sich zu einem großen Teil von Meereserzeugnissen aller Art. Dazu zählt auch Walfleisch, wobei der überwiegende Teil

COMPACT Leben von Touristen verzehrt wird. Sehr beliebt sind außerdem Hotdogs, Sandwiches und Burger aller Art – trotzdem mussten die beiden einzigen McDonald’s-Filialen in Island 2010 schließen. Die Einheimischen braten ihre Buletten lieber selber und setzen dabei auf hochwertiges Fleisch aus eigener Zucht. Massentierhaltung? Fehlanzeige! Den Antrag zum EU-Beitritt hat Island längst zurückgezogen. «Nei takk» schreit es zu diesem Thema in meterhohen Lettern von Plakatwänden – «Nein danke!» Die Realität gibt den Wikingern recht: Der Lebensstandard in Island ist heute höher als auf dem europäischen Festland, im Better Life Index der OECD über den Lebensstandard belegt Island Platz 1 – weltweit. Überfremdung, Kriminalität und Flüchtlingschaos sind den Isländern nur aus dem Fernsehen bekannt. Die Polizisten gehen ohne Schusswaffe auf Streife, offene Wohnungstüren sind gängige Praxis. Auch mit der Bankster-Mafia kennen die warmherzigen Nordmänner keine Gnade. Als 2008 der isländische Finanzsektor zusammenbrach, weil sich die Spekulanten mit Krediten und Schrottanleihen verzockt hatten, stand der Schutz der heimischen Sparer an erster Stelle. Anstatt, wie in der EU, den maroden Geldhäusern unter die Arme zu greifen, ließ die Regierung sie eiskalt pleitegehen, um sie anschließend zu verstaatlichen. Kapitalverkehrskontrollen, die bis heute anhalten, verhindern den Abfluss großer Geldmengen ins Ausland. Statt die Bürger mit Zwangszahlungen zur Bankster-Rettung zu belasten, forcierte die Regierung Sozialmaßnahmen, die die Folgen von Inflation und Arbeitslosigkeit abfedern sollten. Mit Erfolg: Heute steht das Land volkswirtschaftlich vorbildlich da und strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. Kein Wunder, dass die Leute so glücklich und zufrieden wirken… Auf Du und Du mit dem Polarfuchs Von Husavik aus führt uns der Weg weiter bis zu den Westfjorden. Dort wandern wir an endlos langen, menschenleeren Stränden entlang, erklimmen steil aufragende Klippen und amüsieren uns über die tollpatschigen Papageitaucher, die sich zu Tausenden vom Vogelfelsen Latrabjarg in die Tiefe stürzen. Hier, am westlichsten Punkt Europas (die Azoren nicht mitgerechnet), genießen wir bei stahlblauem Himmel einen atemberaubenden Sonnenuntergang, grillen im Restlicht des glühenden Horizonts am Strand und sind sprachlos angesichts der unfassbaren Schönheit und Idylle, die sich uns an diesem Ort eröffnen. Sogar der Polarfuchs schleicht sich schüchtern in die Nähe und richtet seinen Blick scheu prüfend auf uns – nur, um wenige Sekunden später wieder im dichten Wuchs der Gräser zu verschwinden. Die Regierung ließ marode Banken eiskalt pleite gehen. Als fulminanter Schlusspunkt unserer Reise erwartet uns Reykjavik – die Hauptstadt! Hier schlägt das Herz des urbanen Islands, hier wohnen zwei Drittel der Bevölkerung, allein in der Kernstadt rund 120.000 Einwohner. Für isländische Verhältnisse ist das enorm. Von zwölf Mannschaften der ersten isländischen Fußball-Liga kommen zehn aus dem Raum Reykjavik. Echte Großstadtatmosphäre fühlen wir dennoch nur begrenzt – und gerade das gefällt uns, denn stattdessen herrschen lebensbejahende Fröhlichkeit und stoische Gelassenheit. Hektik scheinen die Menschen gar nicht zu kennen. Gut zu wissen! ■ Ausländische Vornamen müssen mit der isländischen Sprache kompatibel sein. Sonst werden sie nicht zugelassen. Darüber wacht eine spezielle Namenskommission. ■ Im südisländischen Hveragerdi wachsen die nördlichsten Bananen der Welt – und zwar in mit Erdwärme beheizten Gewächshäusern. Die Früchte der 100 Bäume sind jedoch nicht zum Verkauf bestimmt. ■ Alkohol ist teuer. Zehn Euro für ein Glas Bier sind in Reykjavik keine Seltenheit. Die Lösung der Isländer: «Du trinkst einfach drei, vier Bier mehr, dann vergisst Du, wie teuer es ist!» Getränke mit mehr als 2,25 Prozent Alkohol waren übrigens bis 1989 verboten. Seither feiern die Isländer den 1. März als Tag des Bieres (Bjordagurinn). ■ Das isländische Hochland ist so karg, dass die NASA ihre Apollo-Astronauten dorthin zum Trainieren schickte – für die Mondlandung. ■ Heiß duschen? Kein Problem! In Island kommt das Wasser automatisch heiß aus der Leitung. Schwefelgeruch inklusive. ■ Reykjavik beherbergt das größte (weil einzige) Penismuseum der Welt. Ein Höhepunkt: die silbernen Penis-Abgüsse der isländischen Handball-Nationalmannschaft, die 2008 bei Olympia Silber holte. Ob es bald auch Abgüsse der Fußballer zu bestaunen gibt? Schön, gewaltig, unzähmbar - Der Wasserfall Gullfoss spiegelt das Naturell Islands beeindruckend wider. Foto: Autor Mit den letzten Kronen in der Tasche geht es abends auf Erkundungstour. Von einer Einheimischen lerne ich, wie man auf Isländisch «einen mit allem» beim angeblich besten Hotdog-Stand der Welt bestellt: Eyjafjallajökull. In der Kneipe gegenüber nutzen wir die Happy Hour bis zum Letzten aus, und nach vier Bier gelingt es uns endlich, den Zungenbrecher korrekt auszusprechen. Zu guter Letzt statten wir auch der Hallgrimskirkja, der charismatischen Basaltkirche von Reykjavik, einen nächtlichen Besuch ab. Es ist die letzte Nacht in diesem wunderlichen Land, das wirkt, als wäre es aus der Zeit gefallen. Romantik pur in den Westfjorden – Sonnenuntergang um Mitternacht. Foto: Autor _ Peter Wiegrefe begann seine COMPACT-Karriere im Frühjahr 2016 mit einer zweiteiligen Serie über eine Nordkorea-Reise. 49

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