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COMPACT-Magazin 08-2016

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COMPACT Leben Der Wandelbare _ von Bernd Schumacher Dass Deutschland um Götz George trauert, ist verständlich, stellte er doch eine der ganz wenigen Größen unserer Film- und Fernsehlandschaft dar. Aber wer ihn nur als Schimanski in Erinnerung behält, tut dem Vielseitigen keinen Gefallen. Im Kino der 1950er Jahre überwogen Heimatstreifen und harmlose Komödien. Als unbedarfter Boxer Gustav in Jacqueline machte Götz George seine Sache so gut, dass er 1959 als bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet wurde. Einem größeren Publikum wurde er erst mit den legendären Karl-May-Filmen bekannt, die 1962 mit Der Schatz im Silbersee begannen. Der Haudrauf blieb in der Folge seiner Linie treu: körperbetontes Spiel, nicht zu viel Tiefgang, als Frauenheld besetzbar. Nach eigenem Bekenntnis verlor er jede Distanz zum Stoff – man nennt das Overacting. 2013 spielte George seinen Vater Heinrich. Hier während der Premiere im Berliner Kino Babylon. Foto: picture alliance / dpa Götz George bekam sein Talent in die Wiege gelegt. Vater Heinrich George war ein Monolith in der großen Zeit des deutschen Films, Mutter Berta Drews gehörte zu den profiliertesten Theaterschauspielerinnen ihrer Zeit. Nach des Seniors Lieblingsrolle als Götz von Berlichingen benannt, startete der Junior – mit auf einem Schweizer Nobel-Internat erworbener Mittlerer Reife – seine Laufbahn am Hebbel-Theater in Berlin und am Deutschen Theater in Göttingen, wo er zum ersten und letzten Mal einem festen Ensemble angehörte. Statt auf die Bühne zog es ihn nämlich schon früh zum Film – dem Medium, in welchem der übermächtige Vater riesige Fußspuren hinterlassen hatte. Heinrich George war 1946 im Konzentrationslager Sachsenhausen gestorben, wohin ihn die Sowjets verschleppt und wo sie ihn anschließend gefoltert hatten. Erst 2013 stellte sich der Sohn dem Vermächtnis: in der Fernsehproduktion George. Zahn um Zahn Es dauerte lange, bis der Beau sich Glaubwürdigkeit auf der Leinwand erarbeiten konnte. 1977 war es soweit: Aus einem deutschen Leben erzählte halbdokumentarisch die Laufbahn des Weltkriegsveteranen Franz Lang, der sich zunächst den Freikorps anschließt und später der NSDAP. Angelehnt an die Lebensgeschichte des SS-Obersturmbannführers Rudolf Höß, schuf Regisseur Theodor Kotulla ein bewegendes Zeitbild. Facettenreichtum und Dezenz gingen für viele Jahre verloren, nachdem George ab 1981 im Tatort des WDR in Duisburg-Ruhrort zu ermitteln begann. Als rüpelhafter Kommissar Horst Schimanski schuf er einen neuen Typus, der viele bewusst schockieren wollte, aber auch neue Zuschauer vor die Geräte lockte. Fäkalausdrücke in einem der Aushängeschilder des deutschen Farbfernsehens waren 1981 noch ein Novum, genauso wie Polizisten mit langen Haaren, Schnäuzer und Funktionsjacke. Schimanski durfte zehn Jahre lang herumpöbeln und wurde zur Kultfigur – und George rückte in den TV-Olymp auf, ob er wollte oder nicht. Aus diesem Erfolg schlug der Polterer Kapital, indem er in den 1980ern actiongeladene Krimis wie Abwärts, Die Katze, Zabou und Zahn um Zahn in die Kinos brachte. George wurde zur deutschen Allzweckwaffe. Als ob er sich von dieser typologischen Fixierung absetzen wollte, schlug der Star ab 1989 Haken und machte auf seriös. In Nichts als die Wahrheit, den er von eigenem Geld mitproduzierte, versteckte er sich hinter einer Latex-Maske und verstörte als Dr. Josef Mengele den jungen Anwalt, der ihn verteidigen sollte. In Der Sandmann trieb er als Serienmörder Henry Kupfer ein Verwirrspiel mit einer sensationshungrigen TV- Moderatorin, und in Der Totmacher brillierte er als Serienmörder Fritz Haarmann. Dafür erhielt er den Goldenen Löwen von Venedig und festigte seine Stellung als Großschauspieler. 50 Die 1990er Jahre waren seine produktivste Zeit – George war allgegenwärtig und changierte zwischen Kunst und Klamauk. Ob als Uhu Zigeuner alias Helmut Dietl in Rossini oder als Hermann Willié alias Stern- Reporter Gerd Heidemanns in Schtonk – er überzog, kam aber damit durch. Nach eigenem Bekenntnis ver-

COMPACT Leben Epitaph für Schimmi Klaus Lage schrieb den Titelsong zum Krimi Zahn um Zahn mit Götz George (1985). Fang Du jetzt bloß nicht an zu weinen, Du spielst doch sonst den harten Mann, Mischst Dich in alles ewig ein – Bist wieder mal selbst schuld daran. Wie damals hinter’m Kohlenschacht, Der heut’ wie’n off’nes Grab stillliegt, Für wen hast Du in dieser Nacht Als Held die Fresse vollgekriegt? Triffst heut’ noch oft von damals die, Längst reif und rund und elegant – Doch Du kriegst jetzt noch weiche Knie Bei einer zarten Hand. Hart trainiert seit diesen Tagen Bist Du heut’ auf alle Fälle – Doch pass’ auf, auch Panzerwagen Haben eine weiche Stelle. Faust auf Faust – hart, ganz hart, Alles das kannst Du verdau’n. Doch gib zu, zart, ganz zart Hat ihre Hand Dich umgehau’n. Und das ist hart für Schimmi – Dein ganz privater Krimi. lor er jede Distanz zum Stoff. Regisseure, die mit ihm öfter zusammengearbeitet haben wie Nico Hofmann, bestätigen das. Manchmal führte dies zu dem, was an Schauspielschulen Overacting genannt wird: Der Darsteller übernimmt die Rolle komplett, reichert sie mit eigenen Klischees an und übersteigert sie, weil er das Drehbuch mehr und mehr hinter sich lässt. Die Darstellung von Shlomo Herzl (in der verunglückten Verfilmung von George Taboris Mein Kampf) und des todkranken Bundeskanzlers Olli Ebert (in Helmut Dietls Voll-Flop Zettl) sind dafür Beispiele. Die harte Realität Auf der anderen Seite wirkte er in Interviews extrem unsicher und rettete sich immer wieder in Sprüche oder fahrige Ausflüchte. So populär er war, seine kumpelhafte Volksnähe wirkte aufgesetzt und seine Ernsthaftigkeit fragwürdig, wenn es um zeitgeschichtliche Stoffe ging. Zu aktueller Politik äußerte sich der Mime so gut wie nie, doch eine seiner stärksten Vorstellungen gab George 2010 in dem Multikulti-Drama Zivilcourage. Darin spielte er einen einzelgängerischen Antiquar, der als einer der letzten autochthonen Geschäftsleute mitten im überfremdeten Kreuzberg standhält. Anfangs tolerant, wie es sich für einen aufgeklärten deutschen Bildungsbürger gehört, muss er sehr bald erkennen, dass diese Offenheit von den Orientalen nicht erwidert wird. Im Gegenteil spitzt sich die Bedrohungslage für den letzten Deutschen so zu, dass er nur noch einen Ausweg sieht: die Bewaffnung. Selbstjustiz in der ARD? Gegenwehr eines einsamen Deutschen gegen gewalttätige Ausländer, die einen ganzen Kiez für sich reklamieren? Das konnte sich nur Dror Zahavi leisten, der als israelischer Regisseur regelmäßig fürs deutsche Fernsehen arbeitet. Bereits in Blauäugig, dem ersten ernsten Stoff, dem sich George nach acht Jahren Schimanski zugewandt hatte, zog er am Ende die Waffe, um die Peiniger seiner Tochter zu erschießen. In einer wilden Volte verknüpfte das Drehbuch die argentinische Militärdiktatur der 1970er Jahre mit dem Schicksal eines Deutschen, der vor der SS aus der Tschechoslowakei geflohen war. Hier – wie auch 20 Jahre später – überzeugte der sonst so laute George durch Konzentration und Ernsthaftigkeit. Schimanski verkörperte ein Relikt aus Zeiten, als Polizisten noch nicht von politischer Korrektheit gegängelt wurden. Das deutsche Fernsehvolk ist konservativ. Zu viele Änderungen werden nicht goutiert. Daher musste George auch lange nach dem Ende des Duisburger Tatorts noch volle 17 Mal im Ableger Schimanski zuschlagen, als grober Macho zwischen laschen Schreibtischtätern – ein Relikt aus Zeiten, als Polizisten noch nicht von überbordender politischer Korrektheit gegängelt wurden. Aber seine Auftritte wurden seltener, er machte sich rar: Zunehmend mehr Zeit verbrachte er zurückgezogen mit seiner deutlich jüngeren Lebensgefährtin auf Sardinien. Sein letzter Film wird am 3. Oktober in der ARD ausgestrahlt: Böse Wetter. Darin spielt George einen Bergbau-Baron im Harz, der in wirtschaftliche Strudel gerät. Spätestens am Tag der Ausstrahlung wird klar werden, dass «Schimmi» mit 77 Jahren viel zu früh abgetreten ist. Er wird fehlen. Götz George und Renan Demirkan. Foto: EuroVideo Bild oben links: Als Schimanski – hier in der WDR-Serie 1997 – wurde George der Prototyp des Ruhrpott-Bullen. Drei Mal stand er jedoch auch vor DDR-Kameras: In «Alter Kahn und junge Liebe» (1956), «Der Bruch» (1988) und dem Tatort-Polizeiruf-Crossover «Unter Brüdern» (1990). Foto: WDR/ARD/Stefan Falke _ Bernd Schumacher ist der Sport- und Unterhaltungsexperte von COMPACT. In Ausgabe 7/2016 schrieb er über das Wembley-Tor 1966. 51

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