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COMPACT-Magazin 08-2016

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COMPACT Leben 54 Mosebach und die Frauen: Dass er ürsprünglich Jura studierte, merkt man seinen Texten gottlobnicht an. Foto: xusenru/pixabay Er hat die Profanisierung der Welt beschrieben: Verzifferung, Konsumismus, Urbanisierung. benutzten Tampons werfen oder wild durch die Gegend urinieren zu lassen. Gegen Überzuckerung hilft ein einfaches altbewährtes Rezept: Rückbindung an traditionelle Motive. Das Hohelied auf Phoebe Hopsten etwa neutralisiert Mosebach, indem er sie mit unterkühlter Ironie kurzerhand mit Schneewittchen assoziiert: «ja: herrlich, sie hatte sich einen Apfel geschält, und das rote Blut war auf das weiße Apfelfleisch getropft!» Das Sternenstaubwesen Winnie erfordert stärkeres Kaliber. Überreich ausgeschenkter Schönheit ist der Tod beizugeben. Der Autor exorziert seine Elfe, indem er sie zur Puppe macht. An einer Stelle zieht die herzkranke Winnie mit gekreuzten Armen den Saum ihres Hemdchens hoch. Zeigt dem Kunsthistoriker die bläulich-violette Narbe zwischen kleinen weißen Brüsten. «Aufgesägt wie beim Puppendoktor.» Mit dieser nicht unerotischen Narbenschau, zumal mit der Aufrufung des Kreuzes gelingt die Rückbindung an Katholisches. Schönheit und Wahrheit Bei der Verteidigung Mosebachscher Süßlichkeit in der Beschreibung schöner junger Frauen, des «exquisiten Frühgemüses» (Der Mond und das Mädchen, 2007), brauchen wir uns mithin nicht bescheiden mit dem Argument «Er kann es halt, dann soll er auch». Denn alles Gefügte, Wohlgeordnete, die strenge Form, das Abgelagerte und Überlieferte, auch die Schönheit als Spezialfall der Form begründen nicht weniger als die Poetologie. Nicht von ungefähr gebraucht der Meister wieder und wieder das Bild des alten Baumes, oft einer Kastanie oder wie zuletzt einer Blutbuche, in deren gewachsenem Bannkreis die Verhältnisse der Menschen neu zu ordnen sind. Dazu passend findet sich bei Mosebach, im Romanwerk (Das Beben) wie in der Essayistik (Häresie der Formlosigkeit), das Bild des Steines, der durch Ausgraben oder einen Erdrutsch vom angestammten Ort weggeschafft wurde und sich darüber lange Zeit nicht beruhigen kann. Ebenfalls vor diesem Hintergrund muss man sehen, dass der Frankfurter aus den Straßenschluchten seiner von ihm meisterlich wieder und wieder beschriebenen Vaterstadt am Main den Lauf der alten, längst verschwundenen Feldwege liest. Immer führt der Autor in großem Ernst die eigenen kurzweilig-verspielten Schönheitsplänkeleien auf jene innere Beschaffenheit der Dinge und Menschen zurück, an denen ihm eigentlich gelegen ist: auf das Gute und Wahre. Wenn Manon zu dem jungen Architekten sagt: «Es ist nicht nur schön, es ist vor allem wahr», dann ist dies wie folgt zu übersetzen: «Es ist wahr, weil es schön.» Oder: «Von Schönheit ist unbedingt auf Wahrheit zu schließen.» Spätestens seit dem funkelnden Großessay Häresie der Formlosigkeit – Die Römische Liturgie und ihr Feind (2002) kann man über Mosebach wissen: «Ich bekenne mich offen zu der naiven Schar, die aus der Oberfläche, der äußeren Erscheinung auf die innere Beschaffenheit und womöglich Wahrheit oder Verlogenheit einer Sache schließt. Die Lehre von den ”inneren Werten”, die sich in schmutziger, verkommener Schale verbergen, kommt mir nicht geheuer vor.» Im Roman Der Mond und das Mädchen nennt er das Fest die «stilisierte Hochform des Lebens». So zeigt er denn das gelungene Leben ausnahmslos als Hochamt in Vollzug der Schönheit. Im Blutbuchenfest heißt es, die Sache mit der Gleichheit sei ja gut und recht. Die Schönheit freilich dürfe Privilegien beanspruchen. Im Hässlichen wittert der Frankfurter immer das Unsittliche, Rohe, Gewalttätige. Eine prächtige, zum

COMPACT Leben Verzehr bestimmte Schildkröte wird vor ihrer Tötung in einem Plastikeimer vorgeführt. Dies nun kann reaktionär nennen, wer mag: bei der «dummen und hässlichen Gemeinheit» eines Plastikeimers die Deklamation des zivilisatorischen Offenbarungseides einsetzen zu lassen. Vor allem aber ist es katholisch in dem Sinne, dass der Römischen Kirche das Schöne und die Pracht von jeher Vorausschau auf das Himmelreich waren, für die Armen gedacht. Hierauf hat Mosebach zuletzt in Interviews hingewiesen, die Sozialkoketterie des gegenwärtigen Papstes kritisierend. In gleicher Denkungsart verschreiben sich die deutschen Bischöfe dem Kult um das Treibgut der Flüchtlingsflut. Dies nicht unähnlich der modernen Kunst, die das Zusammengekehrte durch Handauflegen zum Werk weiht. In der Häresie der Formlosigkeit gibt es Stellen, die die liturgische Performance des Kölner Kardinals Woelki für die Asylforderer hellsichtig vorwegnehmen. Gegen die Hotelisierung der Welt So sind denn seine Mädchen in ihrer «Schmetterlingszartheit» und «feingläsernen Zerbrechlichkeit» Teil eines hochpolitischen Programms. Der Autor hat es mit den jungen, schönen, ausgesuchten Frauen. Das kann den offiziellen Hohepriestern der Gleichmacherei und des Schuldkultes nicht gefallen. Und Mosebach ist zudem ein großer Neuverzauberer der Welt. In seinem erzählerischen Werk hat er in eindrücklicher Weise die Profanisierung der Welt beschrieben: Verzifferung, Konsumismus, Urbanisierung einhergehend mit dem Verlust des Gefühls für den eigenen Raum, Abtreibung. Vor allem über das Wohnen hat er immer wieder geschrieben, das alle Aspekte des Lebensvollzugs einschließen möge. Das billige Bauen mit dünnen Wänden habe bereits vor dem großen Sturm, vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, begonnen. Unsere Städte seien heute ohne Hall und Timbre infolge habgierigen Ausbaus und Nutzbarmachung selbst der verborgenen Kavernen, Hohlräume oder vormals leerstehenden Zimmer – mit dem Ergebnis einer seelenlosen Hotelisierung der Welt. Wo aber eine Frau wieder Frau genannt werden darf und noch dazu schön, beginnt, allen Unwiederbringlichkeiten zum Trotz, die Neuverzauberung der Welt. Das kann den offiziellen Hohepriestern der Gleichmacherei und des Schuldkultes nicht gefallen. Der Jubilar wird gern reaktionärer Haltungen bezichtigt. Man muss das verstehen. Er ist ein Mann, der sich mit Bedacht sein Messbuch aus der Zeit des Heiligen Römischen Reiches wünscht und froh ist, es mit dem Jahr 1805 gerade noch getroffen zu haben. Hierher gehören auch seine Schwärmereien von den einstigen Verheißungen europäischer Schlossgärten und den untergegangenen Lebenswelten der Donaumonarchie oder der Deutschbalten in Kurland und Livland, wie sie sich in den Novellen Eduard Graf Keyserlings beschrieben finden. Zu alldem ist dem Schriftsteller nur zu gratulieren. Hinzu kommt freilich, dass er nicht nur ein Reaktionär im guten Sinne ist. Mosebach ist auch Revolutionär. «Ich glaube, dass mir die Eindrücke meiner Augen und Ohren zutreffende Nachrichten über die Wirklichkeit geben», heißt es in der Häresie. Wo jede Kritik an den Zuständen des Gemeinwesens amtlicherseits als irriges Vorbringen der großen Vereinfacher zurückgewiesen wird, ein wahrlich revolutionäres Programm! Es heißt: durch das Betrachten und Belauschen der Welt Erkenntnisse über ihre Schönheit oder auch Missratenheit gewinnen. Das Juste Milieu urteilt 2007 verglich Mosebach eine Rede von Heinrich Himmler 1943 mit einer Ansprache des Jakobiners Saint-Just aus der Französischen Revolution. Von Teilen der Presse wurde daraufhin reflexhaft der Vorwurf einer Relativierung des Nationalsozialismus erhoben. Der Historiker Heinrich August Winkler bezeichnete den Vergleich als Geschichtsklitterung und Abwendung von den Zielen der Aufklärung und Demokratie. In der linken Wochenzeitung Jungle World wurde Mosebachs Roman Ruppertshain als «schlechtester Roman der Welt» bezeichnet. In der marxistischen Tageszeitung Junge Welt hieß es: «Mosebach lässt kaum eine Gelegenheit ungenutzt, um demokratische Ideen zu diskreditieren, indem er falsche Parallelen zum deutschen Faschismus behauptet. Sein Haupteinwand gegen den Nazismus scheint zu sein, dass er eine ”modernistische Bewegung” sei (…).» _ Johann Felix Baldig, Autor und Literaturkritiker, schrieb in COMPACT 4/2016 über Martin Walser. Anzeige Geschichte und Statistik der poli tisch motivierten Berufsverbote in Westdeutschland 1971–1988 Wer heute AfD wählt und damals insgeheim Brandts Verbrechen vom 28. Januar 1972 guthieß, darf heute nicht klagen. 2. erw. Aufl., 247 S., 29 Schaubilder, Personenregister € 10,– / ISBN 978-3-922774-07-5 www.ahriman.com

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