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COMPACT-Magazin 08-2016

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COMPACT Leben Requiem für Dresden _ von Sebastian Hennig Der sowjetische Komponist Dimitri Schostakowitsch war ein Bewunderer der deutschen Kultur. In der Sächsischen Schweiz schuf er eine musikalische Brücke zwischen beiden Völkern, die bis heute im Örtchen Gohrisch gepflegt wird. Die Leningrader Sinfonie soll bis in die deutschen Stellungen hinein vernommen worden sein. Dimitri Schostakowitsch im Jahre 1958. Foto: picture-alliance / RIA Nowosti Noch immer lag Dresden in Trümmern. Narben, die der angloamerikanische Terrorangriff am 13. Februar 1945 hinterlassen hatte, zeichneten das alte Elbflorenz. Und doch müssen die Straßen der sächsischen Metropole schon 1960 ein Ort neuer Hoffnung für Dimitri Schostakowitsch gewesen sein. Erstmals seit Jahren durfte der wichtigste Komponist der Sowjetunion sein Land verlassen – Jahre, die er zwischen Triumph und drohender Verhaftung durchlitten hatte. Einige Wochen verbrachte er in der Nähe Dresdens – und widmete Deutschland seine persönlichste Komposition. Vielleicht empfand Schostakowitsch eine Art Seelenverwandtschaft mit dem geschundenen Dresden. Auch er selbst war vom Zenit des Ruhms herabgestürzt bis an die Schwelle des Untergangs. Seine erste Sinfonie legte der damals 19-Jährige 1926 als Abschlussarbeit am Leningrader Konservatorium vor. Sie wurde zum Welterfolg. Die führenden Dirigenten der Zeit – Bruno Walter, Leopold Stokowski, Arturo Toscanini – und die besten Orchester in Europa und den USA machten sie bekannt. Bis an sein Lebensende hat er diesen Durchbruch jährlich als privaten Feiertag begangen. Seine erste Oper Die Nase – eine Satire auf die russische Bürokratie nach einer Erzählung von Nikolai Gogol – verschwand 1934 nach 16 Aufführungen von der Bühne. Im Fadenkreuz Stalins 1936 schwebte das Damoklesschwert über dem Erfolgskomponisten. Plötzlich geißelte die Parteizeitung Prawda Schostakowitschs zweite Oper Lady Macbeth von Mzensk als Ausdruck «linksradikaler Zügellosigkeit» und «kleinbürgerlichen Neuerertums». Stalin selbst soll den Verriss verfasst haben. Ein Jahr später endete Schostakowitschs Förderer Marschall Michail Tuchatschewski, genannt «Der rote Napoleon», vor einem Erschießungskommando im Innenhof der Moskauer Geheimdienstzentrale Lubjanka. Der Komponist soll damals nachts angekleidet im Bett gelegen haben, um auf eine Verhaftung vorbereitet zu sein. «Das Warten auf die Exekution ist eines der Themen, die mich mein Leben lang gemartert haben, viele Seiten meiner Musik sprechen davon», wird er zitiert. Im Krieg erlebte der gebürtige Petersburger den Beginn der Blockade seiner Heimatstadt. Bald ins sichere Hinterland evakuiert, komponierte Schostakowitsch mit der Leningrader Sinfonie die Schicksalsmelodie des großen Völkerschlachtens. Bei der Premiere in der umschlossenen Metropole schwiegen die Abwehrgeschütze, obwohl gerade eine deutsche Offensive eingesetzt hatte. Die Musik soll bis in die deutschen Stellungen hinein vernommen worden sein. Vier Jahre später führte sie Sergiu Celibidache im verwüsteten und besiegten Berlin auf. 56 Politische Interpretationen verstellten während des Kalten Krieges den Zugang zu dieser Musik. Der Streit tobte vor allem um die Ausdeutung des ersten Satzes:

Wie eine grausame Menschen-, Natur- und Kulturvernichtungsmaschine wälzt sich darin ein Marschthema voran. Im Osten wurde das Thema dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion zugeordnet – aber weil sich dem Crescendo keine Kraft entgegenstellt, die nicht bald in die gleiche stupide Brutalität verfällt, wurde der Komponist von Parteiideologen wegen des mangelnden Heroismus seiner Tonsprache angegriffen. Im Westen dagegen wurde die Sinfonie als stalinistische Auftragsmusik abgetan. Heute gehören seine Werke nicht nur zum kulturellen Erbe Russlands, sondern zu dem der Weltmusik. Ihr Schöpfer sah sie als Anklage gegen beide Diktaturen: «Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Befehl Stalins Ermordeten», schrieb er in seinen Memoiren. Kriegserfahrung des russischen wie des deutschen Volkes in der Form eines musikalischen Selbstbildnisses. In Anlehnung an das von Johann Sebastian Bach verwendete Thema B-A-C-H hat er, entsprechend seiner Initialen D. Sch., dem Quartett das musikalische Motiv D-Es-C-H zugrunde gelegt. Die Tatsache, dass die von ihm dafür verwendeten Tonwerte Es und H nur im Deutschen so gekennzeichnet werden, verweist auf seine Verbundenheit mit der deutschen Musiktradition. «Ja, spielen die denn alle auf Stradivaris?» Über die Dresdner Staatskapelle Die Moskauerin Svetlana Sozdateleva feierte als Katerina Ismailowa in «Lady Macbeth von Mzensk» ihre größten Erfolge. Hier in Bologna 2014. Foto: Lorenzo Gaudenzi, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons Bach als Vorbild Gut 15 Jahre später kam Schostakowitsch nach Dresden. Längst war er – für den Auswanderung nie in Frage kam – an den Zuständen in seiner Heimat zerbrochen. Die DDR-Regierung hatte ihn in ihr neuerbautes Gästehaus im Luftkurort Gohrisch in der Sächsischen Schweiz südlich der Elbmetropole eingeladen. Eigentlich sollte er die Musik zu einem Propagandafilm über die Rettung der Dresdner Kunstsammlungen durch die Rote Armee schreiben. Unter einer Trauerweide, so erzählt es die Legende, komponierte Schostakowitsch damals sein 8. Streichquartett. Es sollte das einzige im Ausland entstandene Werk bleiben – ein musikalisches Epitaph auf ihn selbst. Es verbindet die leidvolle Die offizielle Widmung «Den Opfern von Krieg und Faschismus» entstand auf Wunsch Moskaus. Seinem Vertrauten Isaak Glikman offenbarte er seine eigene Motivation: «Ich dachte darüber nach, dass, sollte ich irgendwann einmal sterben, kaum jemand ein Werk schreiben wird, das meinem Andenken gewidmet ist. Deshalb habe ich beschlossen, selbst etwas Derartiges zu schreiben.» Doch vielleicht hatten Schostakowitsch das zerstörte Dresden, das zerschundene Deutschland stärker ergriffen, als er sich selbst eingestand. Jene Faszination, die Deutsche und Russen füreinander empfinden, teilte jedenfalls auch der Komponist. Tief beeindruckt zeigte er sich von einer Darbietung von Bachs Wohltemperiertem Klavier, die er 1950 in Leipzig zu hören bekam. Einige Komponisten in der Gerhart Hauptmann: «Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens.» Das Motiv des bekannten Fotografen Richard Petersen zeigt den Blick vom Rathausturm nach Süden mit der Skulptur «Bonitas» (Allegorie der Güte) auf die zerstörte Stadt Dresden, aufgenommen 1945. Foto: picture alliance / ZB 57

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