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COMPACT-Magazin 08-2016

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COMPACT Leben Schostakowitsch und Stalin Um ein Haar wäre der berühmte Komponist Opfer der Großen Säuberung von 1936 bis 1938 geworden. Wiederholt bestellte ihn der Geheimdienst NKWD zu angeblichen Zeugenbefragungen ein, die praktisch als Einschüchterung gedacht waren. Den Auftakt der Kampagne gab Josef Dschugaschwili («Stalin») persönlich. Versteckt hinter einem Vorhang, verfolgte er am 16. Januar 1936 eine Aufführung von Schostakowitschs zuvor gefeierter Oper Lady Macbeth von Mzensk. Anschließend soufflierte er dem Korrespondenten der Regierungszeitung Iswestija: «Das ist albernes Zeug, keine Musik.» Kurze Zeit später wurden alle Aufführungen von Schostakowitsch-Werken gestoppt. Die Schwester des Komponisten wurde nach Sibirien verbannt, ihr Ehemann verhaftet. Josef Stalin. Foto: Public domain, Wikimedia Commons Unter einer sächsischen Trauerweide komponierte Schostakowitsch sein 8. Streichquartett. DDR, die gerade den Anschluss an die westeuropäische Avantgarde suchten, erhofften sich moralischen Beistand vom berühmten sowjetischen Meister. Doch der verwies mit einem leisen Vorwurf auf die gerade verklungenen Stücke: «Warum habt ihr diese phantastische Tradition nicht fortgesetzt?» In der DDR verkam die deutsch-sowjetische Freundschaft zumeist zum erstarrten, ideologisch überfrachteten Ritual. Aber auf dem Gebiet der Musik war sie mit Leben erfüllt, und zwar auf höchstem Niveau. Die Städtepartnerschaft zwischen Dresden und Leningrad war der Auftakt für zahlreiche Gastspiele und Kooperationen. Der deutsche Emigrant Kurt Sanderling war ab 1942 zweiter Chefdirigent der Leningrader Philharmoniker. Später leitete er das Berliner Sinfonieorchester und die Dresdner Staatskapelle, wobei er oft die Musik seines Freundes Schostakowitsch aufführte und aufnahm. Als der das Dresdner Orchester zum ersten Mal hörte, soll er verblüfft bemerkt haben: «Ja, spielen die denn alle auf Stradivaris?» Schostakowitschs Requiem auf sich selbst erwies sich als Vorahnung: Er litt unter einer chronischen Rückenmarksentzündung und einer zunehmenden Lähmung der rechten Hand. Zwei Infarkte kamen hinzu. Seine Sinfonie Nr. 13 fiel 1961 der Zensur zum Opfer. 1970 fand Schostakowitsch erneut Erholung in Gohrisch – fünf Jahre später starb er an einem Herzschlag. Sarkasmus der Mächtigen: Auf seinem Grab fand sich ein Kranz des KGB. Pilgerstätte Gohrisch Erst ein halbes Jahrhundert später erinnerte sich Gohrisch seines berühmten Gastes. 2010 fanden dort in Anwesenheit der Witwe die ersten Schostakowitsch-Tage statt – auf Initiative der Musiker der Staatskapelle Dresden. Sie spielen dort bis heute nur für das berühmte Frackgeld – jene symbolischen zehn Euro, die in der Dresdner Kammermusik seit jeher gezahlt werden. Vor allem aber gelingt es ihnen immer wieder, bedeutende Künstler zum Auftritt zu bewegen. Beim ersten Festival ergriff der Schostakowitsch- Freund Rudolf Barschai, der 1960 dessen 8. Streichquartett in eine Kammersinfonie umgearbeitet und ihm damit zum Durchbruch verholfen hatte, den Taktstock. Nun stand der bereits Erkrankte in der Sächsischen Schweiz zum letzten Mal am Dirigentenpult. Letztes Jahr unterbrach das Borodin-Quartett, die berühmteste russische Kammermusikformation, seine Welttournee für einem Abstecher nach Gohrisch. Der Chor Vocal Concert Dresden während der Schostakowitsch- Tage 2016. Foto: picture alliance / dpa Als Festspielhaus dient eine riesige Scheune aus Betonfertigteilen, mit Wellblechdach und meterhohen Ventilatoren. Sie wurde 2010 für die Schostakowitsch- Tage eigens leergeräumt und hat eine fabelhafte Akustik. Im Freien davor schichtete man würfelförmige Heuballen zu Wällen, die so etwas wie ein Freiluft-Vestibül abgaben. Aufgrund von Wetterschäden fanden die Konzerte in den Folgejahren in einem Zelt des Zirkus Sarrasani statt. Seit das Festival 2015 in den Frühsommer verlegt wurde, ist die Scheune wieder Konzerthalle. Die Provisorien tragen zum besonderen Charakter dieser Zusammenkunft bei. Das beginnt bei der Einweisung der mit dem PKW angereisten Gäste auf den Dorfparkplätzen durch die einheimischen Festivalhelfer und endet noch nicht bei dem Landschaftseindruck und den Naturgeräuschen, die sich in die Musik mengen. So auch beim diesjährigen, dem siebten Festival: Beim Nachtkonzert mit Beethovens Mondscheinsonate und Schostakowitschs letztem Werk, der Bratschensonate, trommelte der Regen mächtig auf die Wellblechhalle, der Donner erstickte die Musik – die Aufführung musste abgebrochen werden. Die Besucher waren enttäuscht – und kamen dennoch am nächsten Tag wieder. Die anfängliche Skepsis der Dorfbewohner hat sich über Verwunderung inzwischen in Bewunderung verwandelt. Anzeige 58 _ Sebastian Hennig lebt als Kunstkritiker in Dresden. In COMPACT 6/2016 schrieb er über den deutsch-türkischen Komponisten und Pegida-Unterstützer Kemal Cem Yilmaz.

Die letzte Schlacht von Ali Pascha _ von Jan von Flocken Vor 200 Jahren wurde der türkische Vorstoß ins Habsburgerreich endgültig zurückgeschlagen: Prinz Eugen von Savoyen siegte gegen eine osmanische Übermacht vor der Festung Peterwardein. Prinz Eugen von Savoyen sah einem geruhsamen Lebensabend entgegen. Der 53-Jährige galt als talentiertester Feldherr der Christenheit, hatte im Osten die Türken und im Westen die Franzosen in mehreren Schlachten glorreich besiegt. Nun residierte er als kaiserlicher Generalissimus im herrlichen Belvedere-Palast zu Wien und widmete sich mit seiner Freundin Eleonore Batthyány einer Sammlung erlesener Kunstwerke. Doch der aggressive Islam gab auch Anfang des 18. Jahrhunderts keine Ruhe. Sultan Achmed III. wollte den Verlust Ungarns und des halben Balkans nicht hinnehmen. Die Niederlagen, welche die Türken vor Wien 1683, bei Budapest 1686, am Harsany-Berg 1687 und bei Zenta 1697 erlitten hatten, sollten ausgemerzt und durch neue Siege wettgemacht werden. So erhob der Sultan wieder drohend seine Waffen und erklärte im April 1716 dem römisch-deutschen Kaiser Karl VI. den Krieg. Prinz Eugen musste wieder den Degen umschnallen und traf am 9. Juli bei den kaiserlichen Truppen in Futak ein, einer kleinen Garnisonsstadt westlich von Neusatz (heute Novi Sad), 80 Kilometer nordwestlich von Belgrad. Hier fand er seine Armee «in recht schönem und dienstbarem Stand». Eugen rückte mit 70.000 Mann auf die von den Türken unter Großwesir Damad Ali Pascha angegriffene Festung Peterwardein (heute Petrovaradin) vor. Dazu benutzte er auch eine Flottille von Donau-Kähnen als Transportmittel. Peterwardein, an einer engen Flussbiegung gelegen, galt als «Gibraltar an der Donau» und musste unbedingt gehalten werden. Das anrückende türkische Heer soll fast 200.000 Mann stark gewesen sein. Eine Zahl, die mit Vorsicht zu genießen ist, denn im Gegensatz zu den europäischen Heeren schleppten die Türken immer noch einen gewaltigen Tross mit sich. Dazu zählten nicht nur Handwerker, Händler und Dirnen, sondern auch, wie Eugen-Biograf Nicholas Henderson schreibt, «als Nachzügler die Zigeuner, Zuhälter, die Clowns und Gaukler, denen die Aufgabe zufiel, die Moral der Truppe aufrechtzuerhalten. Dabei half ihnen noch eine Spezialtruppe von Janitscharen-Sängern, die von Jugend auf geschult wurden, unflätige Lieder abzufassen und vorzutragen». Dieser Tross wurde häufig zur regulären Armee gerechnet, aber man darf sicher annehmen, dass die kampfbereiten Regimenter des Großwesirs doppelt so zahlreich waren wie die der Kaiserlichen. Die Regimenter des Großwesirs waren doppelt so zahlreich wie die der Kaiserlichen. Am 22. August 1717 eroberte Prinz Eugen mit einer List Belgrad: Er griff über eine Pontonbrücke über Wasser an. Foto: Pappenheim, Public domain, Wikimedia Commons 59

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