Aufrufe
vor 8 Monaten

COMPACT-Magazin 08-2016

  • Text
  • Compact
  • Deutschland
  • Deutschen
  • Nato
  • Juli
  • Zeit
  • Krieg
  • Menschen
  • Politik
  • Russland

COMPACT

COMPACT Leben 60 Prinz Eugen, der edle Ritter Prinzen Eugen von Savoyen-Carignan (1663–1736) entstammte einer in Frankreich ansässigen Nebenlinie des in Italien herrschenden savoyischen Herzogsgeschlechts, das auch mit den deutschen Adelshäusern Wittelsbach und Baden-Baden verwandt war. Weil er auf eine erfolgreiche militärische Laufbahn hoffte, bot er seine Dienste den Habsburgern an und errang für sie grandiose Siege. Gegen die Franzosen (Spanischer Erbfolgekrieg): ■ Höchstädt: 13. August 1704 ■ Turin: 7. September 1706 ■ Oudenaarde: 11. Juli 1708 ■ Malplaquet: 11. September 1709 Gegen die Türken (Venezianisch- Österreichischer Türkenkrieg): ■ Zenta: 11. September 1697 ■ Peterwardein: 5. August 1716 ■ Belgrad: 16. August 1717 Die Eroberung von Belgrad wird besungen im Volkslied «Prinz Eugen, der edle Ritter». Unter demselben Titel erschien eine Erzählung von Hugo von Hofmannsthal. Auch 2.000 Kamele fielen in die Hände der siegreichen Habsburger. _ Jan von Flocken, Historiker und Buchautor, verfasste in COMPACT- Spezial Nr. 10 «Islam – Gefahr für Europa» mehrere Aufsätze über die Religionskriege im Mittelalter. Vorwärts immer, rückwärts nimmer Deshalb beschworen viele Generale, darunter die Infanterie-Kommandeure Sigbert Graf von Heister und Prinz Alexander von Württemberg, ihren Oberbefehlshaber, er solle keine offene Feldschlacht riskieren, sondern die Türken sich in einem Abnutzungskrieg gegen Peterwardein erschöpfen lassen. Solche Taktik war aber dem zupackenden Naturell des Prinzen Eugen gänzlich fremd. Vielmehr war er überzeugt, dass ein träges Zuwarten schädlich für den Kampfgeist seiner Soldaten sei. Deshalb reizte der Reiterführer Graf Johann Palffy mit seinen Kürassieren den Gegner durch kühne Vorhutgefechte zum Kampf. Am 2. August führte Eugen seine Truppen über mehrere Pontonbrücken auf das rechte Donauufer. Die Türken lagerten am 3. August nur noch drei Kilometer von der Festung entfernt bei Karlowitz in der serbischen Vojvodina. Damad Ali Pascha sandte einen Parlamentär nach Peterwardein, mit der schriftlichen Aufforderung, die Festung kampflos zu übergeben. Eugens kurze Antwort lautete: «Der Großwesir mag tun, was er will und kann, an einer Entgegnung zu rechten Zeit wird es gewiss nicht fehlen». Damit hatten die Türken alle Chancen eines raschen Angriffs auf Peterwardein versäumt und begannen stattdessen mit einem konzentrischen Beschuss durch ihre Artillerie. Am 5. August 1716 entbrannte die Schlacht. Wegen eines Sturmes, der viele Pontonbrücken über die Donau beschädigt hatte, musste der Angriff von fünf auf sieben Uhr früh verlegt werden. Eugen hatte sich die Vorteile des Geländes zu Nutze gemacht, indem er die beiden Flügel seiner Hauptstreitmacht einerseits an die Donau, andererseits an die Festungswerke von Peterwardein lehnte. Am linken Flügel unter Alexander von Württemberg gingen die ersten sechs Infanteriebataillone vor. Unverzüglich brach der türkische Gegenangriff auf das Zentrum der Kaiserlichen los. 40.000 Janitscharen unter Hussein Pascha, die Elite des Heeres, schienen «mit Todesmut und wildem Grimm kämpfend» die Oberhand zu gewinnen. Das Zentrum wurde nahezu durchbrochen, zwei Generale fielen im Gefecht. Doch erfüllt von Kampfeseifer, hatten die Türken ihre Flanken entblößt. Dort stießen die österreichischen Kürassiere und ungarischen Husaren unter Johann Palffy hinein. Gleichzeitig griff Eugens Reserve frontal an und riegelte den Einbruch ab. Er selbst kämpfte wieder mitten unter seinen Soldaten und «war in der größten Gefahr, von den Türken niedergehauen oder gefangen zu werden», wie ein Teilnehmer der Schlacht, Prinz Ferdinand von Braunschweig-Bevern, berichtete. Von beiden Seite gepackt, konnten selbst die Janitscharen nicht mehr standhalten, und wenn sie erst flohen, dann rissen sie das gesamte Heer mit sich. Großwesir Ali Pascha beobachtete von seinem Zelt aus das Eugen von Savoyen auf einem Gemälde von 1718. Foto: Jacob van Schuppen, Public domain, Wikimedia Commons Gemetzel. Als er sah, dass sich seine Truppen fluchtartig zurückzogen, stürzte er sich selbst in den Kampf, aber für seine Männer gab es kein Halten mehr. Er wurde von einer Kugel in den Kopf getroffen und halbtot gen Belgrad geschleppt, starb aber schon unterwegs. Mit ihm hatten etwa 20.000 Mann den Tod gefunden. Die kaiserlichen Verluste betrugen knapp 2.000 Soldaten. Sieg, Heil und fette Beute Nach fünf Stunden, gegen zwölf Uhr, war die Schlacht von Peterwardein gewonnen. Das gesamte türkische Heerlager mit unermesslichen Kostbarkeiten fiel an die Kaiserlichen, darunter auch 2.000 Kamele, bisher in Europa fast unbekannte Tiere. In einem zeitgenössischen Bericht wird dargestellt, «wie die Armee mit ungemeiner Tapferkeit gefochten, den herrlichsten Sieg errungen und das (…) Lager, alle Zelte wie auch das Hauptquartier des Großwesirs erobert, sodann die ganze Artillerie mit 172 Stücken, 156 Fahnen, fünf Rossschweifen, drei Paar Pauken und alles Gepäck bekommen hat». Eugen selbst erhielt aus der Kriegsbeute das luxuriöse Zelt von Damad Ali, das in mehrere mit Goldintarsien und Seide ausgekleidete Räume unterteilt war. Um dieses Prunkzelt aufzustellen, waren 500 Männer nötig. Kaiser Karl VI. sandte Eugen ein huldvolles Schreiben, Papst Clemens XI. ein geweihtes Prunkschwert. Mit der Schlacht bei Peterwardein fand der Feldzug noch kein Ende. Nur ein Jahr später rückte wieder eine türkische Armee von 150.000 Mann auf die Festung Belgrad vor, die von Prinz Eugens Streitmacht belagert wurde. Hier kam es am 16. August 1717 zur Schlacht, und der Prinz brachte das Kunststück fertig, sowohl den zahlenmäßig weit überlegenen Gegner zu schlagen als auch Belgrad zu erobern. 1718 sahen sich die Türken zum Friedensschluss gezwungen und mussten weitere Gebiete auf dem Balkan an das Habsburgerreich abtreten, das dadurch die größte geografische Ausdehnung seiner Geschichte erlangte.

COMPACT Leben Mit Promille nach Pankow _ von Helmut Roewer Geheimdienst-Geschichte der BRD (II): Der erste Verfassungsschutzpräsident kam der Bundesrepublik nach vierjähriger Dienstzeit abhanden – 1954 tauchte er plötzlich in der DDR auf. War er entführt worden? Oder hatte er sich zum Überlaufen entschlossen? Die Wahrheit ist bizarrer. Als der erste Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz Otto John in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1954 im feindlichen Ostberlin verschwand, war dies ein Skandal allererster Ordnung. Das Beben brachte die Adenauer-Regierung ins Wackeln. Ich hatte Anfang der 1980er Jahre die Gelegenheit, einen Blick auf diese Erschütterungen zu werfen, denn auf meinem Schreibtisch waren bündelweise Behörden- und Geheimdienstakten gelandet: Ich sollte eine Anfrage aus dem Bundespräsidialamt beantworten. Dort erwog man eine Gnadenrente für den wieder in Westdeutschland lebenden Überläufer. Schnell wurde mir als damals noch jungem Beamten klar, dass der Mann im politischen und medialen Establishment der Republik einflussreiche Gönner hatte. Also studierte ich erst einmal die internen Dokumente. Neben den ohnedies bekannten eher dürftigen Tatsachen schälte sich eine bizarre Geschichte aus dem Papierwust. An der Leine des MI6 Der 1909 in Marburg an der Lahn geborene Otto John wurde Jurist. Dank einflussreicher Sponsoren war sein Berufsweg sogleich auf Erfolgskurs getrimmt: Der 28-Jährige begann seine Karriere nicht an irgendeinem Feld-, Wald- und Wiesenamtsgericht, sondern als Syndikus der Deutschen Lufthansa. All dies 1937, und die Fluglinie war damals schon ein aufstrebendes, weltweit operierendes Unternehmen. Das alles erwies sich für John als überaus praktisch, denn der Job bewahrte ihn davor, zur Wehrmacht einrücken zu müssen. Als Lufthansa-Angestellter konnte er sich praktisch ungehindert in Europa bewegen – so weit jedenfalls, wie deutsche zivile Flugzeuge während des Krieges flogen, zum Beispiel nach Madrid und Lissabon. Auf diese Weise wurde der Jurist für Geschäftsleute nützlich, Die Amerikaner kontrollierten den BND, die Briten den Verfassungsschutz. John (Mitte) 1954 mit Erich Correns (rechts), dem Präsidenten der Nationalen Front des demokratischen Deutschlands, in Ost-Berlin. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-25798- 0007, Walter Heilig, CC-BY-SA 3.0, Wikimedia Commons 61

© COMPACT-Magazin GmbH 2016 Alle Rechte vorbehalten

   Mediadaten  /  Datenschutz  /  Impressum  /  Kommentarregeln  /  Nutzungsbedingungen  /  Widerruf