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COMPACT-Magazin 08-2016

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COMPACT-2015_MS_Auswahl.indd 1 18.07.16 10:27 COMPACT Leben Sie waren die Geheimwaffen im Spiel der Großen Mächte: Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ost-West-Konflikt Erhältlich für nur 5 Euro bei compact-shop.de. Foto: COMPACT Der Fall John war der größte bundesdeutsche Geheimdienstskandal der 1950er Jahre. Foto: Bild Anzeige die, Krieg hin oder her, ihren grenzüberschreitenden, meist illegalen Geschäften nachgingen. Nachrichtendienstlich gesprochen, wurde John deren Kurier. Selten fällt einer in einem derartigen Gewerbe nicht auf, zumal wenn er sich in Gegenden bewegt, die klassische Agententummelplätze sind. Wann der Deutsche bei solcher Gelegenheit beim britischen Auslandsdienst MI6 andockte, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Dass er es tat, kann man immerhin aus der Fallakte KV2/2465 des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 und dem Umstand schlussfolgern, dass sonst seine 1944 erfolgte Ausschleusung aus dem Reich und die nahtlose Integration in die antideutsche Propagandamaschinerie in London kaum erfolgt wäre. Otto John denunzierte in Ostberlin die Bundesrepublik als nahtlose Fortsetzung des Dritten Reiches. In der Tat hatte John im Juli 1944 allen Anlass, sich aus Hitlers Machtbereich abzusetzen, denn er gehörte zum entfernten Mitwisserkreis der Verschwörung des 20. Juli 1944 – jedenfalls ist dies nach dem Krieg mit Nachdruck so gesagt worden. Seinen Bruder Hans John kostete diese Flucht das Leben: Er wurde im August 1944 festgenommen und in den letzten Kriegstagen im Untergangstaumel des Dritten Reiches in Berlin erschossen. Im November 1944 erreichte John die rettenden britischen Inseln. Seine neuen Herren hatten Großes mit ihm vor. Zunächst musste er sich jedoch bewähren. Als mit Kriegsende seine Propaganda-Aufgaben überflüssig wurden, nahm der Jurist im Solde Londons an den Nürnberger Prozessen teil und wurde später Anklagevertreter gegen den deutschen Feldmarschall Erich von Manstein, der programmgemäß in Hamburg zu einer Zuchthausstrafe verurteilt wurde. Nicht jeder in Deutschland fand solche Parteinahme für die Siegerjustiz lustig. Der schöne Otto Während dieser Zeit steckten die Besatzungsmächte ihre Claims in Deutschland ab: Die Amerikaner schufen mit Hilfe von Reinhard Gehlen den Auslandsgeheimdienst BND (siehe mein Artikel in der Juli-Ausgabe von COMPACT), die Briten dagegen wollten einen von ihnen dominierten Inlandsdienst nach dem Vorbild des MI5 aufbauen. Zu diesem Zweck erließen die Militärgouverneure im April 1949 eine Weisung, den sogenannten Frankfurter Polizeibrief. Innerhalb von Tagesfrist gerieten die einschlägigen Bestimmungen noch vor der Schlussabstimmung kommentarlos ins Bonner Grundgesetz, wo man sie noch heute in den Artikeln 73 und 87 nachlesen kann. Gehorsam beschloss der erste Deutsche Bundestag dann auch ein einschlägiges Behördenerrichtungsgesetz – bei der Besetzung der Spitzenposition in dem neuen Nachrichtendienst hatte er allerdings nichts mitzureden. Über dergleichen bestimmten die Briten. Ihr Mann war Otto John. Im Dezember 1950 trat er seinen Dienst an. Dass er sich im Sinne seines Landes oder seiner Hintermänner bewährte, wird niemand ruhigen Gewissens behaupten können. Sicher, der neue Chef hatte es nicht leicht: Auch auf ihn traf die Regel zu, dass eine lupenreine Gesinnung noch lange keinen guten Behördenleiter ausmacht. Vielleicht ist sogar das Gegenteil richtig. Später wurde gemutmaßt, John sei in der eigenen Behörde von alten Nazis umzingelt gewesen. Solcherlei Gerede ohne belastbare Belege sollte wohl sein Dilemma verkleistern helfen, dass das Auf den Spuren des Alten Fritz in Schlesien Der Spätsommer wird spannend! Schließen Sie sich vom 28.09. bis 02.10. 2016 unserer kulturhistorischen Studienreise durch Schlesien an: Vom Riesengebirge über das Glatzer Land bis nach Breslau folgen Sie den Spuren des Preußenkönigs und entdecken neben prächtigen Adelsschlössern auch beeindruckende Festungen und bedeutende sakrale Bauwerke. Reisepreis: ab € 895,– COMPACT-Abonnenten erhalten 10% Rabatt! Info & Anmeldung reise@compact-magazin.com reise.compact-magazin.com Tel. 03327-5698611 Kultur und Geschichte hautnah erleben! Jetzt Anmelden!

COMPACT Leben Schwelgen in Widerstandserinnerungen nur in den seltensten Fällen bei der Führung eines Repressionsapparates hilft. Bei John kam hinzu, dass er dem Alkohol mehr, als gut tut, zugetan war. Allzu aussagekräftig war auch sein Spitzname in der Behörde: der schöne Otto. Abfälliger ging’s kaum. Am Tag seines Verschwindens hielt sich der Verfassungsschutzchef in Westberlin bei einer Gedenkveranstaltung zum 10. Jahrestag des 20. Juli 1944 im Bendlerblock auf, wo der Kern der Militärverschwörer rund um Stauffenberg Dienst getan hatte. Von hier aus ging es in Kneipen – und sodann in den Zustand der Weinerlichkeit. Unter Anleitung des Berliner Modearztes, Jazztrompeters und Trinkkumpans Wolfgang Wohlgemuth kutschierte man im Auto über die Sektorengrenze – ein Betrunkener mit dem Katzenjammer des Scheiterns, für das er andere verantwortlich machte. Doch post festum erscholl der Chorus seiner Sympathisanten: Der arme Kerl sei betäubt und entführt worden, meinten die einen. Die anderen hielten dagegen, der vermeintliche Widerstandskämpfer habe es im Verfassungsschutz nicht länger ausgehalten, da es sich bei diesem nur um eine umetikettierte Gestapo handele. Der Osten war froh, den seltsamen Überläufer wieder loszuwerden. Zu solchem Verschwörungskram hätte sicher auch gut gepasst, dass besagter Wohlgemuth 1945 eine super-prominente Praxis in der Berliner Uhlandstraße übernommen hatte – die des Hiltler-Leibarztes Theodor Morell. Doch solcherlei Verbindungslinien zu ziehen, war wohl selbst für die begabtesten Verschwörungsspezialisten ein Salto zu viel. Deshalb schnell zurück zur vermeintlichen Kidnappergeschichte: Die Lektüre sowjetischer KGB-Akten und des MfS-Raritätenkabinetts lässt für die Entführungsversion wenig Platz. Die Russen waren über den Neuzuwachs ebenso indigniert, wie es seine englischen Hintermänner über den Verlust waren. Man machte dann im Osten aus der Not eine Tugend und ließ John am 11. August 1954 auf einer international beachteten Pressekonferenz in Ostberlin auftreten, wo er den westdeutschen Teilstaat als nahtlose Fortsetzung des Dritten Reiches und die westdeutsche Regierung der Angriffslüsternheit bezichtigen konnte. Jegliche Entführungsgerüchte wies er von sich (womit er die Wahrheit sagte). Anschließend wurde der seltsame Überläufer nach Russland ausgeflogen. Seine Vernehmungen durch den KGB dauerten vom 24. August bis zum 22. Dezember 1954. Danach waren die sowjetischen Geheimdienstler davon überzeugt, dass sie ihn nicht gebrauchen konnten: Was er zum Besten gab, war kaum verwertbar, denn über die Struktur des von ihm geführten Verfassungsschutzes wusste er wenig bis nichts, erst recht nichts über dessen Operationen. Mit Recht wurde er als harmloser Frühstücksdirektor eingeschätzt, den man bestenfalls weiter als Einflussagenten nutzen könne. Folglich wurde John in das sowjetische Teildeutschland rücküberstellt. Dort schrieb man für ihn die Propagandaschrift Ich wählte Deutschland. Heute wäre Kommunisten ein solcher Titel nicht mehr zuzutrauen – aber damals enthielt die DDR-Hymne noch die Worte «Deutschland, einig Vaterland»… In Ostberlin gelang es Johns früherem britischen Führungsoffizier, dem Journalisten Denis Sefton Delmer, zu seinem Ex-Agenten erneut Kontakt aufzunehmen und den Wankelmütigen zur Rückkehr in die Bundesrepublik zu überreden. Im präparierten Kofferraum des für diesen Zweck angeheuerten Dänen Henrik Bonde-Heniksen gelang die Flucht. Heimkehr und Gefängnis Während man bei der SED sichtlich erleichtert war, den unbequemen Gast los zu sein, sah man im Westen den zwischenzeitlichen Ausflug des Verfassungsschutzpräsidenten eher unsportlich. Er wurde unverzüglich verhaftet, und am 22. Dezember 1956 verurteilte ihn der Bundesgerichtshof wegen Landesverrats zu einer vierjährigen Zuchthausstrafe. Das war typische Ergebnisjurisprudenz, denn eigentlich konnte man John die Tathandlung, das Ausplaudern von Staatsgeheimnissen, nicht nachweisen. Immerhin war das schlechte Gewissen hierüber groß genug, dass man den Delinquenten nach zwei Jahren Haft auf freien Fuß setzte. Nun sollte es noch rund 25 Jahre dauern, bis man sich in Westdeutschland an den Widerstandskämpfer John glaubte erinnern zu müssen. So kam es zu der denkwürdigen Geschichte mit der Gnadenrente, die ich eingangs erzählt habe. – Otto John ist am 26. März 1997 als 88-Jähriger in Innsbruck gestorben. Otto John und Rudolf Heß Bundespräsident Richard von Weizsäcker erkannte Otto John 1986 die beantragte Gnadenrente zu. Ein anderer durfte bei dem ehemaligen Wehrmachtsoffizier nicht auf Milde hoffen: Weizsäcker ließ in einer denkwürdigen Rede zum 8. Mai 1985 auch die Westdeutschen durch die Siegermächte 1945 befreien – ein Privileg, das bis dato nur die Ostdeutschen genossen hatten. Im Entwurf derselben Rede wurde Gnade für den letzten Insassen der Spandauer Festung gefordert – dieser Mann hieß Rudolf Heß; der Hitler-Stellvertreter saß seit 44 Jahren hinter Gittern. Doch die Worte aus dem Entwurf sind schließlich nicht über die samtweichen Lippen des Präsidenten gekommen. Rudolf Heß als Gefangener. Foto: Library of Congress Bild oben links: Otto John: «Ich habe mich nach reiflicher Überlegung entschlossen, in die DDR zu gehen und hier zu bleiben, weil ich hier die besten Möglichkeiten sehe, für eine Wiedervereinigung und gegen die Bedrohung durch einen neuen Krieg tätig zu sein.» Foto: picture-alliance / dpa _ Helmut Roewer (*1950) war von 1994 bis 2000 Chef des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz. Im Jahr 2014 erschien sein Buch «Kill the Huns – Tötet die Hunnen! Geheimdienste, Propaganda und Subversion hinter den Kulissen des Ersten Weltkrieges» (Ares Verlag, 504 Seiten, 29,90 Euro). – 2014/2015 konnte man in COMPACT die von ihm verfasste Serie «Meisterspione des 20. Jahrhunderts» lesen. 63

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