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COMPACT-Magazin 08-2016

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COMPACT Leben BRD-Sprech _ Auschwitz als etwa die Massenmorde Stalins oder Maos oder auch der Genozid an den Armeniern wurde «Auschwitz» zum Inbegriff des absolut Bösen. Da dergleichen nur unter Beteiligung der ideologieproduzierenden Industrie möglich ist und diese keineswegs interessenneutral agiert, stellt sich die Frage, welchen Interessen (beziehungsweise der Bekämpfung welcher Interessen) gerade eine solche Erinnerungskultur dient. Zum einen wird dadurch ein ganz bestimmtes Land, nämlich Deutschland, im Zustand ständiger Erpressbarkeit gehalten, und dies umso mehr, als dessen führende Politiker nicht müde werden, sich immer dann auf die «Last der Vergangenheit» zu berufen, wenn es – etwa bei der Eurorettung – Maßnahmen zu legitimieren gilt, die offensichtlich gegen die Interessen des eigenen Landes gerichtet sind. Die Geschichtspolitik der BRD verschärft sich dabei in dem Maße, in dem sie ihre Fähigkeit verliert, sich durch eigene Erfolge zu legitimieren. Je mehr sich ihr Bild verdüstert, desto verzweifelter muss sie darum kämpfen, aus der historischen Kontrastfolie – dem Dritten Reich – alle Graustufen zu tilgen und nur tiefstes Schwarz übrigzulassen. 64 Die Rampe von Birkenau. Foto: Public domain, Wikimedia Commons Verlag Antaios, 240 Seiten, gebunden, 22,00 Euro (Bestellung über antaios.de). Foto: Verlag _ Manfred Kleine-Hartlage ist Publizist und Diplom-Sozialwissenschaftler. Regelmäßig veröffentlicht er kritische Beiträge auf seinem Blog «korrektheiten.com». Sein aktuelles Buch «Die Sprache der BRD – 131 Unwörter und ihre politische Bedeutung», 2015 im Verlag Antaios erschienen, liefert die Vorlage für diese COMPACT-Serie. Es gibt Ortsnamen, die durch ihre bloße Nennung Assoziationsnetze bis tief ins Unbewusste aktivieren, etwa Waterloo, Langemarck, Hiroshima – oder Auschwitz. Welche von ihnen im Lauf der Zeit ihren mythischen Klang verlieren (Wer kennt heute noch Langemarck?) und welche immer stärker aufgeladen werden, ist eine Frage der «Erinnerungskultur»: Aufgeladen wird normalerweise, was den jeweiligen Machthabern als förderungswürdig gilt. Aus deren Sicht hat die mythische Verdichtung den Vorteil, beim Publikum brauchbare Gefühle und Verhaltensweisen gleichsam auf Knopfdruck hervorzurufen und sich selbst die Mühe des Argumentierens zu ersparen. Joschka Fischer (dem der Satz zugeschrieben wird, Auschwitz sei der «Gründungsmythos der Bundesrepublik») griff folgerichtig 1999 zur Parole «Nie wieder Auschwitz», um den Kosovokrieg zu rechtfertigen – einen Krieg, für den weder das Völkerrecht noch die Interessen Deutschlands einen hinreichenden legitimen Grund hergaben. Dass gerade der Name «Auschwitz» zu einem solchen manipulativen Zweck geeignet war, ist das Ergebnis einer Geschichtspolitik, die unter Dutzenden von Völkermorden des 20. Jahrhunderts gerade den an den Juden (symbolisch verdichtet in dem Wort «Auschwitz») in perverser Weise privilegierte. Anders Es handelt sich um eine Religion ohne Trost und Hoffnung, auch ohne Moral. Wenn Auschwitz schließlich für das absolut Böse steht, wird damit eine Religion etabliert, die jede andere relativiert. Es handelt sich um eine Religion ohne Gott und Erlösung, aber mit einem im Diesseits wirkenden Bösen, zu dessen Bekämpfung alle Mittel, auch solche, die ihrerseits böse (aber ideologieimmanent eben nur relativ böse) sind, erlaubt sind. Der Nationalsozialismus ist Geschichte, aber die Hitlers vermehren sich in dem Maße, wie es Politiker und politische Kräfte gibt, die man ausschalten will: Das kann Gaddafi sein oder Saddam Hussein – oder auch der innenpolitische Gegner, sofern dieser der Meinung ist, die Interessen des deutschen Volkes vertreten zu dürfen, da diese durch Auschwitz für alle Zeiten delegitimiert seien. Es handelt sich um eine Religion ohne Trost und Hoffnung, auch ohne Moral. Um eine Religion, die das Gewissen nicht schärft, sondern ausschaltet, und die den Menschen nicht in eine Beziehung zu Gott rückt und damit der Manipulation durch weltliche Machthaber entzieht, sondern sein Gewissen eben dieser Manipulation zur Verfügung stellt.

COMPACT Leben Unsere Helden _ Totila Er besaß ein «apollinisch schönes Antlitz mit lachenden, hellblauen Augen und lichtblondem Haar.» So beschreibt Felix Dahn in seinem Roman Ein Kampf um Rom 1876 den Gotenkönig Totila. Und so lasen es Millionen enthusiastischer Jünglinge und Mädchen, denen aufgrund dieses (1968 verfilmten) Werkes Namen wie Totila und Teja, Belisar und Narses, Justinian und Theodora zum Begriff wurden. Insoweit ist Felix Dahn zu danken, der nicht nur Dichter, sondern auch Professor für antike Philosophie und Geschichte in Breslau war. Heldenkampf und Untergang – selten vereint sich dieser germanische Urmythos so eng mit den historischen Tatsachen wie zur Zeit Totilas und Tejas vor 1500 Jahren. Die Ostgoten hatten sich gerade in Italien etabliert und teilweise assimiliert, da starb 526 ihr großer König Theoderich und wilde Thronstreitigkeiten brachen aus. Der oströmisch-byzantinische Kaiser Justinian, dessen Heere schon das germanische Vandalenreich in Nordafrika vernichtet hatten, griff nun auch nach Italien. Sein Feldherr Belisar eroberte Rom und nahezu die gesamte Halbinsel – das Gotenreich schien verloren. Da trat Totila, Graf von Venetien und Treviso, auf den Plan, ein Mann, der nicht zum Königsgeschlecht von Theoderichs Amalern gehörte. 542 wählten ihn seine gotischen Gefolgsleute zum neuen König, und bald hatte Totila die Byzantiner aus Italien vertrieben, 543 Neapel und 546 Rom zurückerobert. Eine starke Flotte sicherte das Reich nebst den Inseln Sizilien, Sardinien und Korsika. Kriegsgefangene wurden vom König entgegen den damaligen Bräuchen milde behandelt, und er gewann durch sein freundliches Wesen die Herzen der Italer. Der Ruhm des jungen und schönen «Romkönigs» verbreitete sich rasch in der gesamten Mittelmeerwelt. Kaiser Justinian aber gab im fernen Konstantinopel keine Ruhe; er wollte das antike Römerimperium unbedingt wiederbeleben und sandte deshalb im Frühjahr 552 seine Geheimwaffe, den Eunuchen Narses, über die Adria nach Italien. Dieser unscheinbare Mann führte mehr als 25.000 Soldaten in die Schlacht und betrieb den Krieg als kaltes Rechenexempel. Rasch erkannte er die grundlegende Schwäche der Goten – ihre wilde und häufig undisziplinierte Kampfbegierde. Am 1. Juli 552 stellte Narses das ostgotische Heer unter Führung von Totila bei Taginae, nahe dem heutigen Perugia in Mittelitalien. Vor den Kampfhandlungen setzte sich Totila spektakulär in Szene. Der zeitgenössische Chronist Prokopios von Caesarea berichtet: «Mit einer von Gold strahlenden Rüstung bekleidet, Helm und Lanze mit fliegenden Rossschweifen von königlichem Purpur geschmückt, saß er hoch auf herrlichem Streitross. Er tummelte sein Pferd, Kreise um Kreise schlingend, auf dem Gefilde, während er selbst sich bald überschlug, bald hier und da mit jugendlicher Gewandtheit sich wendete oder den Speer in die Luft schleuderte, um ihn im gestreckten Ritt wieder aufzufangen.» Wenige Stunden nach diesem beeindruckenden Schauspiel war der Gotenkönig tot. Unter dem Pfeilhagel der oströmischen Bogenschützen brachen sämtliche Attacken der Germanen zusammen. Totila wurde schwer verwundet und fiel im Schlachtgewoge. Seine Truppen flohen Richtung Norden nach Pavia, von wo sie der letzte Ostgotenkönig Teja an den Abhängen des Vesuvs gegen Narses in Kampf und Untergang führte. Die Erinnerung an Totila und seine Heldentaten hielt sich bis zu unserer geschichtsvergessenen Ära, wo die meisten unter dem Namen «Totila» nur noch einen Dressurhengst kennen. Totila in einer Darstellung aus dem Jahre 1549. Foto: Public domain, Wikimedia Commons Totila vertrieb die Byzantiner aus Italien, eroberte Neapel und Rom zurück. _ Der Historiker Jan von Flocken ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien im Kai-Homilius-Verlag «Der Fluch des Tempelritters» (264 Seiten, 19,95 Euro, 2012). 65

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