Aufrufe
vor 11 Monaten

COMPACT-Magazin 09-2016

  • Text
  • Compact
  • Deutschland
  • Alliance
  • Politik
  • Google
  • Juli
  • Tarzan
  • Zeit
  • Kurz
  • Polizei

COMPACT

COMPACT Titelthema Alles Amok – oder was? _ von Marc Dassen Thomas Salbey mit COMPACT-Redakteur Marc Dassen. – Blick auf das OEZ-Parkdeck. Foto: COMPACT 20 Neun Tote und kein Einzeltäter: Das Blutbad in München wurde von Staat und Medien fein säuberlich von den islamistischen Anschlägen in derselben Woche separiert. Der Mörder sei ein rechtsradikaler Deutsch-Iraner gewesen, will man uns einreden. Eine Spurensuche vor Ort verstärkt meine Zweifel. Die spaßen nicht. Foto: picture alliance / dpa Nachbarn und Bekannte bezeichnen Ali als «guten Menschen». München, 22. Juli: Wieder einmal soll es ein Einzeltäter gewesen sein, wieder einmal ein Depressiver. Dabei hatte es zunächst ganz andere Berichte gegeben: Bis in die späten Abendstunden gingen die Behörden von einer «Terrorlage» aus. Tausende Polizisten, dazu die Sondereinheiten GSG9 und die österreichische Cobra, waren im Einsatz, Feldjäger der Bundeswehr standen in Reserve – es war die vielleicht größte Operation der Sicherheitsorgane seit Bestehen der Bundesrepublik. Kein Wunder: Hunderte Zeugen hatten von mehreren Schützen mit «Langwaffen», also Gewehren, auch in der Innenstadt berichtet. CNN telefonierte mit einer Zeugin, die am Tatort Allahu-akbar-Rufe gehört haben wollte. US-Präsident Barack Obama hielt eine Ansprache. Und das alles wegen des Amoklaufs eines verstörten Teenagers – so die offizielle Version, auf die sich Staat und Medien in den frühen Morgenstunden des 23. Juli festlegten? Es gab einfach zu viele Widersprüche in der Story, die mich nicht ruhen ließen. Ich musste los, mir selbst ein Bild machen. Ich fuhr nach München. Falsche Fährte nach rechts Die Tür des Aufzuges öffnet sich mit einem leisen Quietschen. Ich trete ein, fahre in den fünften Stock, um dort den wohl berühmtesten Augenzeugen im Fall München zu interviewen: Thomas Salbey – der Baggerfahrer, der von seinem Balkon aus mit dem mutmaßlichen Amokläufer auf dem Oberdeck eines Parkhauses gestritten, sogar eine Bierflasche nach ihm geworfen hat. Noch während der Fahrstuhl aufwärts rumpelt, fällt mir wieder ein, was der angebliche Amokläufer Ali David Sonboly zu Salbey sagte: «Jetzt muss ich ’ne Waffe kaufen…» Moment mal: Hatte er nicht gerade eine Pistole in der Hand? Ebenso rätselhaft der Satz: «Ich habe nichts getan.» Wie konnte er das behaupten, wo er doch gerade neun Menschen hingerichtet hatte? War er verwirrt? Ich frage auch Salbey. «Der hatte die Ruhe weg», erzählt er mir. Später stehe ich wieder vor dem Klingelbrett im Erdgeschoss, da fällt mir der Name M. A. Shehab auf. Als die Reporter von Spiegel TV bei ihm waren, erzählte er ihnen, dass ihm der Mann auf dem Parkdeck «normal» vorgekommen sei. Ich klingele. Zweimal. Dreimal. Kein Glück. Auch in den kommenden Tagen öffnet mir keiner. Durch Zufall erfahre ich von einer Nachbarin, dass er rund 48 Stunden nach den Ereignissen «bei Nacht und Nebel» ausgezogen ist. Ein wichtiger Zeuge ist verschwunden.

COMPACT Titelthema Sind der kaltblütige Killer vor dem McDonalds und der verpeilte Teenager auf dem Parkhausdach überhaupt ein und dieselbe Person? Nachbarn und Bekannte bezeichnen Ali, der in seiner Nachbarschaft Zeitungen austrug, als «guten Menschen» – nett, bestens erzogen und hilfsbereit. In psychiatrischer Behandlung war er dennoch: wegen Depressionen und Angstzuständen, die von jahrelangen Misshandlungen durch Migrantenkids herrührten. Es dauerte nicht lange, da wurde der Deutsch-Iraner als Rechtsextremist bezeichnet. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung wollte das aus «Sicherheitskreisen» erfahren haben. «Der Täter von München war ein Rassist mit rechtsextremistischem Weltbild», hieß es da. Adolf Hitler und Anders Breivik seien seine Idole gewesen, er selbst soll sich als «Arier» gesehen haben. Die zuständige Staatsanwaltschaft München I widersprach: «Eine rechtsextreme Motivation» könne «nach derzeitiger Erkenntnislage nicht bestätigt werden», sagte ihr Sprecher Florian Weinzierl. Auch die von Bild und anderen Medien verbreitete Behauptung, dass bei Ali das «Breivik-Manifest» gefunden worden sei, in dem der norwegische Massenmörder seine Tat vor genau fünf Jahren rechtfertigte, musste das Landeskriminalamt später dementieren. Nicht einmal das Gerücht, der Junge habe selbst ein Manifest verfasst, bewahrheitete sich. Das Schweigegebot Zurück am Tatort, stehe ich vor der McDonalds- Filiale. Hier soll Ali mit gezogener Pistole aus der Toilette gekommen und fünf Menschen routiniert erschossen haben, bevor er auf die Straße trat und drei weitere Jugendliche in den Tod schickte. Das Mordwerkzeug: Eine halbautomatische Glock17 – laut Polizei eine aufbereitete «Theaterwaffe» aus der Slowakei, bestellt im sogenannten Darknet. Von Waffenkundigen erfahre ich, dass eine solche «kastrierte» Pistole nur mit größtem Aufwand wiederhergestellt werden kann, wenn überhaupt. Selbst dann lässt sie nur Einzelschüsse zu, kein Dauerfeuer. Wo hat der erstaunlich zielsichere 18-Jährige – mit 57 Kugeln traf er neun Mal tödlich, 16 Menschen wurden verletzt – das Schießen und Töten überhaupt gelernt? Durch Computerspiele? Während eines Aufenthalts im Iran, wie manche Medien nun berichten? Augenzeugen zu den tödlichen Minuten vor dem Schnellrestaurant finde ich keine – die McDonalds-Filiale ist komplett verrammelt, die Zentrale des Konzerns wimmelte mich telefonisch ab. Stattdessen begebe ich mich auf das berühmte Parkhausdach. Auf den vielen Videos von dort ist der mutmaßliche Täter kaum zu erkennen. Mit dem Schützen vor dem McDonalds hat der Typ kaum Ähnlichkeit. Körperbau und Gang passen nicht, der rote Rucksack ist nicht zu sehen. Umso merkwürdiger, dass die Bild-Zeitung plötzlich ein hochauflösendes Foto vom Parkdeck nachlieferte, das den Amokläufer allerdings nur von hinten zeigt. Jetzt passt scheinbar alles. Doch woher kommt dieses Foto? Warum nahm man nicht eins, dass sein Gesicht zeigt? Gerne hätte ich die Familie dazu befragt und sie gebeten, ihn auf den Videos zu identifizieren: Unmöglich. Sie alle werden nach Morddrohungen von der Polizei abgeschirmt. Auf einem der Videos vom Parkdeck sieht man, wie Ali seelenruhig umherschlendert und dann von der Polizei beschossen – und anscheinend sogar getroffen – wird. Der Mann in Schwarz hält sich den Bauch, während er hektisch das Weite sucht. Hier verliert sich seine Spur für mehr als zwei Stunden. Später wird es heißen, er habe es irgendwie geschafft, die Polizisten auszutricksen, versteckt in einer der vielen Tiefgaragen in der Nähe. Eine Zeugin schwört, dass der Tote vor ihrem Haus Rechtshänder war – der Killer aber schoss mit links. Am nächsten Tag fahre ich ins Olympia-Einkaufszentrum (OEZ). Dort war am meisten geschossen worden, auch wenn es nur einen Toten gab – aber viele Verletzte. Was mir sofort auffällt: An Eingang jedes einzelnen der zwei Dutzend Geschäfte in Schussweite befinden sich Kameras. Was auch immer hier passiert ist, wurde lückenlos aufgezeichnet. Warum hat man der Öffentlichkeit bisher nicht einmal ein Standbild gezeigt, um zu verifizieren, ob es tatsächlich nur einen Täter gab, der das Blutbad anrichtete? Ich beschließe, in allen Läden rund um den Tatort nachzufragen, und Mit einer solchen Waffe soll Ali David Sonboly (Bild oben) gefeuert haben. Fotos: Facebook; picture alliance / dpa Dieses nachgereichte Bild soll Sonboly auf dem Parckdeck zeigen. Wie die Bild-Zeitung an die ominöse Aufnahme kam und wer tatsächlich abgebildet ist, bleibt unklar. Foto: Screenshot bild.de 21

© COMPACT-Magazin GmbH 2016 Alle Rechte vorbehalten

   Mediadaten  /  Datenschutz  /  Impressum  /  Kommentarregeln  /  Nutzungsbedingungen  /  Widerruf