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COMPACT-Magazin 09-2016

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COMPACT Politik ab-in-den-tod.de _ Interview mit Reinhard Rade Der Reiseveranstalter Unister stieg mit Hilfe von Google zum Giganten der Tourismusbranche auf. Eine verhängnisvolle Geschäftsverbindung? Mitte Juli starb Firmengründer Thomas Wagner bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz. Reinhard Rade kannte den Unternehmer persönlich. lers vermitteln zu lassen. Der Deal platzte, weil die Gegenseite absolut unglaubwürdig wirkte – mein Freund lehnte ab. Als er das Hotel verließ, warteten schon die nächsten, um bei den dubiosen Finanzberatern vorstellig zu werden – Abgesandte von Thomas Wagner. Der Unister-Chef stimmte nach einigem Hin und Her der dubiosen Geldbeschaffung zu. Das Venedig-Komplott Kreditgeber war besagter Diamantenhändler, ein gewisser Levi Vass. So wird behauptet. Ob er tatsächlich so heißt und ob es ihn überhaupt gibt, sei dahingestellt. Über den Mann findet man nichts, nicht einmal im Internet, wo man sonst alles findet. Im Bereich krimineller Kapitaltransaktionen oder Geheimdienstoperationen, denn darum ging es hier, ist das allerdings nicht ungewöhnlich. 40 Unister-Chef Thomas Wagner im Juli 2012. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte die Holding 1.600 Mitarbeiter. Foto: picture alliance / dpa Alle Personen waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt – aber nicht die Geldscheine. Den Namen Unister kannte nicht jeder, aber über ab-in-den-urlaub.de hat wohl halb Deutschland schon gebucht – Persönlichkeiten wie Reiner Calmund und Michael Ballack hatten schließlich dafür geworben. Wie ist Ihre Verbindung zu der Firma? Ich bin seit Ende 2012 persönlich befreundet mit Daniel Kirchhof, der mit Thomas Wagner die Firma gegründet hat, die Thomas bis zu seinem Tod leitete. Im Jahr 2012 wurde Kirchhof wegen des Verdachts unerlaubter Versicherungsgeschäfte und Steuerbetrugs in U- Haft genommen, ich stellte mit einer meiner Firmen einen Teil der Kaution für seine Freilassung, weil Unister beziehungsweise Thomas Wagner diesbezüglich nichts unternahmen. Ich habe danach Unister beraten und kannte deshalb viele Interna, auch den Streit zwischen Thomas und Daniel. Im Juli erfuhr ich, dass Thomas Wagner zur Abwendung oder Vorbereitung der Insolvenz zu illegalen, ja abenteuerlichen, Schritten greifen wollte. Von Kirchhof? Nein, über einen anderen Bekannten. Der war Ende Juni in Hannover im Hotel Luisenhof gewesen, um sich einen Kredit eines israelischen Diamantenhänd- Jedenfalls hat der Deal Thomas Wagner den Kopf gekostet. Zunächst war sein Geld futsch. Wagner flog am 13. Juli mit einer Privatmaschine nach Venedig, im Koffer 1,5 Millionen Euro in bar. Auf diese Garantiesumme sollte er von Vass oder dessen Emissären angeblich 15 Millionen bekommen, ebenfalls in bar, als tilgungslosen Kredit. Tatsächlich wurden die Koffer in der Lagunenstadt ausgetauscht, doch Wagner musste hinterher entdecken, dass in dem, den er erhalten hatte, nur die oberste Lage aus echten Scheinen bestand – der Rest waren Blüten. Er ging zur Polizei und erstattete Anzeige. Als er am nächsten Tag zurückflog, stürzte die Piper PA-32R hinter der slowenischen Grenze ab. Er und Oliver Schilling sowie der Finanzvermittler Beck und der Pilot lagen tot in den Trümmern – drumherum verstreut 10.000 Schweizer Franken. Ihnen kommt der Absturz seltsam vor… Ursache soll die Vereisung des Kleinflugzeugs gewesen sein. Doch seltsam ist: Wenn ein solches Problem aufgetreten wäre, hätte der Pilot ganz einfach in den Sinkflug gehen und wärmere Luftzonen erreichen können – es war ja Hochsommer! Was hinderte ihn daran? War da noch mehr kaputt? Aus dem Unfallbericht der slowenischen Behörden geht das nicht hervor. Noch seltsamer: Alle Personen sind angeblich bis zur Unkenntlichkeit verbrannt gewesen – aber was nicht verbrannt war, das waren die mitgeführten Firmenunterlagen und die Geldscheine. Schnell wurden die Leichen ins Krematorium gebracht – wenn man über Autopsien noch etwas hätte ermitteln können, ist das jedenfalls jetzt nicht mehr möglich. Nicht einmal die Identität der Toten ist aus meiner Sicht wirklich klar.

COMPACT Politik Könnte Wagner, nachdem seine Hoffnung auf Geldbeschaffung geplatzt war, den Flugzeugabsturz nicht auch in suizidaler Absicht provoziert haben? Thomas Wagner neigte nicht zu Depression und Verzweiflung. Er war ein Hasardeur – das soll nicht negativ klingen! – und balancierte immer mit Lust am Abgrund. Sein Problem war ein ganz anderes: Er setzte gern auch auf Mittel und Methoden, die andere erpresserisch nennen. Aber manche Leute oder Organisationen lassen sich nicht erpressen, oder jedenfalls nicht auf Dauer. Der Deal mit Google Wen meinen Sie? Wagner könnte Google erpresst haben, bewusst oder unbewusst, jedenfalls nach meiner Einschätzung, und dadurch in große Gefahr geraten sein. Unister war Googles größter Kunde in Europa und Google hat durch diese Geschäftsbeziehung gleich doppelt kassiert: Zum einen hat Wagner seit 2005/2006 Werbeanzeigen bei Google geschaltet, im Umfang von addiert ungefähr einer Milliarde Euro. Zum anderen aber hat Google mit Unister über dieses Anzeigengeschäft die Google-Preise auch für alle Mitbewerber in den Himmel getrieben. Wie geht so was? Google ist ja eine Suchmaschine. Normalerweise werden die Treffer bei einer Suchanfrage generisch angezeigt, das heißt in der Reihenfolge der bisherigen Besucherzahlen auf der jeweiligen Seite. Sie können Ihre Seite aber auch ganz an die Spitze setzen lassen – indem Sie Google dafür bezahlen. Das ist ein normaler Vorgang. Auch COMPACT hat schon Google-Anzeigen gebucht, es war schweineteuer, und wir standen trotzdem nie ganz oben. Ja, denn die Rangplätze werden von Google im Life- Auktionsverfahren vergeben. Wenn TUI für die erste Position, beziehungsweise die darauf eingehenden Klicks, 50.000 Euro am Tag bietet, und ab-in-denurlaub.de 60.000 Euro, landet TUI eben nur auf Platz 2. Eine solche Auktion ist aber nur dann fair, wenn alle Auktionsgewinner gleich bezahlen müssen – also vor oder mit der Veröffentlichung. So ist das auch in den Google-Geschäftsbedingungen festgelegt. Unister hat aber von Anfang an nicht sofort bezahlt, sondern sich zuerst einen Monat, dann drei Monate, schließlich sogar sechs Monate Zeit gelassen. Stellen Sie sich vor, was COMPACT erreichen könnte, wenn es bei allen politischen Suchanfragen immer als erstes von Google angezeigt würde, aber die Rechnungen für diese Werbung erst ein halbes Jahr später bezahlt werden müssten! Bis dahin hättet Ihr mit Hilfe dieser Annoncen so viele Abos eingefahren, dass Ihr die Außenstände schließlich locker bedienen könntet. Das war das Erfolgsmodell von Unister. Die Google-Manager haben geschäumt über den Zahlungsverzug, aber gute Miene zum bösen Spiel gemacht, denn indem Unister die Werbepreise für die gesamte Tourismusbranche an die Decke trieb, konnte der Internetriese auch von allen anderen mehr verlangen. Dank dieser Entwicklung verdienen übrigens alle Reiseveranstalter heutzutage im Kerngeschäft nach Abzug der Werbekosten – wie für Google – praktisch kein Geld mehr. Es war also ein profitabler Deal, für beide Seiten. Aber Sie hatten vorher gesagt, Wagner habe möglicherweise Google, bewusst oder unbewusst, erpresst? Immer, wenn ich in den Geschäftsräumen von Unister war, machten sich dort eine Menge Leute an den Computern zu schaffen, die keine Firmenangehörigen In der Lagunen-Stadt könnte sich das Schicksal der Unister-Chefs entschieden haben. Foto: picture alliance / Daniel Kalker Unister hat Anzeigen im Umfang von ungefähr einer Milliarde Euro bei Google geschaltet. Mit prominenten Werbepartnern – hier Fußballmanager Reiner Calmund – erreichte Unister ein Millionenpublikum. Foto: fluege.de 41

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