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COMPACT-Magazin 09-2016

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«Wir stehen in der

«Wir stehen in der Tradition der Rebellion» _ Interview mit Martin Sellner 44 Sie ist der neue Stern am Himmel des Jugendprotestes, und mittlerweile greifen ihre Aktionen von Österreich auf Deutschland über – die Identitäre Bewegung. Mit gewagten, aber immer gewaltfreien Aktionen stemmen sich die Aktivisten gegen Islamisierung und Heimatverlust. Martin Sellner ist einer ihrer Sprecher. «Europa verteidigen»: Unter diesem Motto demonstrierten die Identitären am 11. Juni in Wien. Foto: Identitäre Bewegung «Der Begriff des Ibsters, des identitären Hipsters, ist in den Medien angekommen.» Die Identitäre Bewegung (IB) macht durch spektakuläre Aktionen von sich reden. Anfang August hat sie das Parteibüro der Grünen zugemauert, im April sind Sie höchstpersönlich mit Bergsteigerausrüstung auf das Burgtheater gekraxelt und haben ein Transparent gegen die Multikulti-Heuchler angebracht. Was bringt das? Es bringt uns in erster Linie in die Medien und damit ins Gespräch. Wenn ich mit zehn Aktivisten einen ganzen Tag lang Flugzettel verteile, bekommen wir vielleicht ein paar tausend Stück los. Mit einer spektakulären Aktion erreichen wir auf einen Schlag Millionen. Die Mauer vor der Grünen-Zentrale war auf der Titelseite der Kronen Zeitung, die in Österreich eine Reichweite von 2,8 Millionen Lesern hat! Zwar stellen uns die Medien fast immer verzerrt dar, aber für die heutigen, mündigen Konsumenten reicht ein Mausklick, um vom Hetzartikel direkt auf unsere Seite und auf den «Mitmachen»-Button zu kommen. Die IB ist die lautstarke und aktivistische Avantgarde der schweigenden, kritischen Masse. In unseren Aktionen können die an den Rand gedrängten Patrioten, die heute die gesellschaftlichen Verlierer sind, auch einmal Sieger sein und sich freuen, wie die Multikultis veräppelt werden. Die Leute lieben uns dafür! Jede Aktion bringt uns einen Schub neuer Interessenten, Spenden und Kontakte. Mittlerweile habt Ihr 1.000 aktionshungrige Mitglieder – damit lässt sich manches bewirken, in einer kleinen Republik. Aber in welcher Tradition sehen Sie sich? Seid Ihr revoltierende Studenten wie die 1968er, nur andersrum? Wenn ich Sie auf Demonstrationen reden höre, kommen Sie mir manchmal vor wie Rudi Dutschke! Die IB ist im Moment sicher das schillerndste Phänomen der europäischen Politik. Jeder sieht darin etwas anderes, und oft sagt das Urteil mehr über die Urteilenden selbst aus als über uns. Und auf eine gewisse Art und Weise ist das nur logisch, denn wir sind die geschichtliche Reaktion auf eine jahrzehntelange Lebenslüge. Der stickige Dogmatismus, die neurotischen Sprech- und Denkverbote der Etablierten haben uns erschaffen – und wir werden sie abschaffen. Als Kraft des Aufbruchs, der Kritik und der freien Rede gegen verstockte geistige Prüderie stehen wir durchaus in der Tradition vergangener Protestbewegungen. Wir – und nicht das Lieblingskind der Medien, die antideutschen «Antifanten» – revitalisieren die Tradition der Rebellion, denn: Echte Kritik, die aufs Ganze geht,

COMPACT Dossier das hat auch Dutschke verstanden, kommt immer nur aus den an den Rand gedrängten Teilen der Gesellschaft. Heute sind Patrioten die am meisten unterdrückte, verleumdete, verlachte und verfolgte politische Gruppe. Hier sammelt sich also notwendig alles authentische kritische Potential, und hier würden heute vielleicht auch Leute wie Dutschke dazustoßen. Ibster und Volk Wobei ich nicht verstehe, warum Ihr Euch «identitär» nennt. Der Ursprung der IB liegt ja in Frankreich, und da ist identitaire ein muttersprachlicher Begriff. Auf Deutsch ist das aber ein Fremdwort – also gerade nichts Eigenes. Ja, ich gestehe, «identitär» erscheint als Begriff oft eher als Hypothek. Versuchen Sie einmal, den Begriff in eine Demo-Parole einzubauen! Griffig klingt das nicht. Aber gleichzeitig hat genau dieser etwas exotische Klang und der französische Ursprung des Begriffs in Deutschland einen wichtigen und unersetzlichen Nebeneffekt: Das Befremden gegenüber dem Eigenen ist hierzulande längst zur Massenneurose geworden. Indem unsere Bewegung einen Begriff und ein Symbol verwendet, die beide nicht direkt und exklusiv einer nationalen Tradition zuzuordnen sind, umgeht sie diese Neurose und schafft einen neuen, unbesetzten Raum, in dem sich die aufgestaute Sehnsucht nach nationaler Identität entfalten kann. Im Übrigen verstehen wir Wörter am Ende auch weniger durch ihren Gehalt als durch ihren Gebrauch – sowie durch die Bilder und Gefühle, die man damit verbindet. Wenn es die Leute schaffen, die ganzen Anglizismen zu verstehen, werden sie sich auch an den Begriff «identitär» gewöhnen – dafür werden wir schon sorgen. Der Begriff des «Ibster», des identitären Hipsters, ist übrigens mittlerweile auch in den Medien angekommen. ist und war immer das Volk und die Kultur. Das Volk ist die politische Schutzmacht des Einzelnen vor der entfesselten Globalisierung, es ist der Solidaritätsraum, in dem Menschen bereit sind, Vermögen aufzuteilen, zusammenzuarbeiten und gemeinsame Ziele zu definieren und durchzusetzen. Das wissen die globalistischen Eliten genau: Mit der sogenannten Befreiung des Einzelnen von Kultur und Tradition schaffen sie eine atomisierte Masse verkrüppelter Solitronen, die sich über Marken und schnelllebige Trends Identität «kaufen» sollen. Dieses feingemahlene Humankapital kann dann ganz nach Belieben um den Globus geschickt werden: moderne Arbeitsdrohnen, wurzellos, geschlechtslos, geschichtslos und leicht beherrschbar. Das ist der Betrug von Multikulti und Individualismus: Sie versprechen uns absolute Freiheit und führen uns in die totale Abhängigkeit. Identitäten und Grenzen Welche Identität und Tradition will die IB eigentlich verteidigen oder wiederherstellen? Die regionale der Steirer, Tiroler, Bayern und so weiter? Die «klein-österreichische»? Die «großdeutsche»? Die habsburgische? Die abendländisch-europäische? Alle. Und sogar noch mehr. Das Großartige an unserem Ansatz ist, dass wir die klassischen alten Konflikte, die es im rechten Lager gab, durch den identitären Ansatz einfach aushebeln. Indem wir erkennen, dass die regionale, die nationale und die europäische Ebene nicht konkurrieren, sondern sich ergänzen, überwinden wir sowohl Separatismus als auch Nationalismus und Globalismus, die jeweils eine Ebene verabsolutieren. Es Erhältlich beim Verlag Antaios für 19 Euro. Foto: Verlag Antaios IB-Vordenker Renaud Camus. Foto: Verlag Antaios Martin Sellner während einer Demonstration. Am 29. Oktober wird er auch bei der COMPACT-Konferenz in Köln sprechen. Foto: Identitäre Bewegung «Mit der sogenannten Befreiung des Einzelnen von Kultur und Tradition schaffen die Eliten verkrüppelte Solitronen.» Wie hängt individuelle Identität mit Tradition, Herkunft und Heimat zusammen? Die Postmodernen behaupten, das sei ein Gegensatz… Das ist ja der große Betrug! Der Einzelne ist gerade in seiner persönlichen Freiheit immer auf die Umgebung und das Kollektiv angewiesen. Der Mensch wird nur in und durch die Gemeinschaft zum selbstbewussten Individuum. Freiheit braucht immer Grenzen und eine sichere Basis. Nie war das deutlicher als heute. Jede gesund entwickelte Identität bezieht sich daher immer auch auf eine größere Gruppe, und das 45

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