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COMPACT-Magazin 09-2016

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COMPACT Dossier Noch einmal – Gottfried Benn Noch einmal weinen – und sterben mit Dir: den dunklen Sinn von Liebe und Verderben den fremden Göttern hin. Du kannst es doch nicht hüten, es bleibt doch immer nah: was nicht aus Meer und Blüten, ist nur in Qualen da. Versinken und erheben, vergessen und erspähn, die letzten Fluten geben, die letzten Gluten mähn. Das Weben ohne Masche, das Säumen ohne Sinn – die Tränen und die Asche den fremden Göttern hin. Generation «Selfie» Wer bin ich? Woher komme ich? Wo gehöre ich hin? Was macht mich aus? Wenn wir uns diese Fragen stellen, jedoch keine Antworten finden können, fehlt es uns an Sicherheit und Halt im Leben. Denn wer sich seiner Identität nicht bewusst ist, steht ziellos und verloren in der Welt, hat kein Selbstbewusstsein und neigt oft dazu, sich verleiten oder manipulieren zu lassen. Wir verspüren aber anscheinend doch alle einen Drang, uns damit auseinanderzusetzen, wer wir sind, suchen nach Reflexion – einem Spiegel, einer Kamera. Wir betrachten uns auf einem Bild und meinen dabei, uns selbst zu sehen. Doch bin das auf dem Foto wirklich ICH? Wir inszenieren unsere Bilder auf die verlogenste Art und Weise, stellen jemanden dar, der wir nicht sind, aber vielleicht gerne wären, arrangieren, retuschieren und schaffen uns somit selbst eine eigene Welt, einen Rahmen, der uns Halt und Identität bietet. Wem das allerdings noch nicht reicht, der sucht sich seine Reflexion bei Außenbetrachtern. Denn wenn wir selbst nicht wissen, wer wir sind, müssen es uns eben die anderen sagen. Eine ganze Generation persönlichkeitsloser Einheitsmenschen schreit ihre Unsicherheit, ihren Wunsch nach Zugehörigkeit und Selbstwertgefühl in die Welt hinaus. Es werden Posen kopiert und Grimassen imitiert, in einem Ausmaß, das jedwede Würde vernichtet, doch das scheint der Preis für ein bisschen Anerkennung und Bestätigung zu sein. Jeder behauptet, außergewöhnlich und möglichst individuell sein zu wollen, und doch sprechen die Taten dafür, dass wir uns nach gewissen Normen und Gemeinsamkeiten mit unseren Mitmenschen sehnen. Denn Zugehörigkeit, sei es die Nationalität, Religion, Familie oder Interessensgemeinschaft, ist Teil unserer Identität. Bei aller Verachtung für den geistlosen Selbstdarstellungskult kann man aber durchaus auch eine positive Komponente erkennen. Wir leben in einer Kultur des Selbsthasses. Wir haben regelrecht gelernt, uns selbst zu verachten, uns für unsere Identität zu schämen – eine Geisteshaltung, mit der wir uns selbst schwächen, zerstören und letztendlich vernichten. Vielleicht ist es also gerade deshalb ein zaghaftes Zeichen des in uns schlummernden Selbsterhaltungstriebes, dass wir, wenn auch auf absurde Art und Weise, wieder lernen, uns selbst zu lieben, mit uns selbst zu beschäftigen und ein gesundes Maß an Egoismus zu entwickeln. Denn nur wer selbst stark und vital ist, kann auch kämpfen und anderen helfen. Und wir können andere erst dann wertschätzen und lieben, wenn wenn wir gelernt haben, uns selbst zu lieben. 52 Selbst «Die Welt» findet Alina «sehr apart». Foto: Alina Wychera

COMPACT Leben Monster fressen Nerds _ von Alexander Markovics «Generation Pokemon» oder «Generation Dschihad»? Foto: picture alliance / SZ Photo Pokemon Go: Millionen Jugendliche haben auf der ganzen Welt mit der Jagd auf Monster begonnen, die nur in ihren Smartphones existieren. Die Wirklichkeit wird ausgeblendet, der soziale Zusammenhalt bröckelt – und die ersten Toten hat es auch schon gegeben. August 2016: Eine Gruppe von etwa 200 Menschen rennt wie von der Tarantel gestochen durch die Wiener Innenstadt. «Aquana, eine Minute!», gibt ein junger Mann an der Spitze der Meute durch ein Megaphon das Ziel vor. Was wie eine Schnitzeljagd wirkt, ist der neueste Hit der Pokemon-Reihe, Pokemon Go. 1996 begann der Hype um die Taschenmonster aus Japan auf dem Gameboy. 2016 erreicht er mit weltweit über 75 Millionen Downloads in nur 19 Tagen ein neues Hoch. Ziel des Spiels ist es, 151 Pokemon aus der bekannten Videoserie mit einem sogenannten Pokeball zu fangen – über Wischbewegungen auf dem Smartphone. Um aber die kleinen Biester überhaupt zu finden, muss man sie mit der Kamera seines Mobilgerätes lokalisieren. Das macht verständlich, warum seit Kurzem immer mehr Zeitgenossen gebannt auf ihr Handy starren und etwas zu suchen scheinen… Der Clou dabei ist, dass die kleinen Biester nicht überall gleichmäßig verteilt sind, sondern durch ein vom Augmented-Reality-Entwickler Niantic entwickeltes System mittels GPS und Google Maps vom Nordpol bis zum Südpol, immer wieder neu verteilt werden und dabei nur für kurze Zeit auffindbar sind. Der ganze Erdball wird quasi zum Jagdgebiet erklärt, bestimmte Monster kann man auch nur in gewissen Gegenden der Welt finden. Durch die Platzierung von sogenannten Lockmodulen an öffentlichen Plätzen kann man schließlich für ein erhöhtes Auftauchen von Pokemon in einem kurzen Zeitraum sorgen. Die Monsterjagd wird somit zum Erlebnis, welches zu langen Spaziergängen, Wanderungen und schließlich sogar Reisen ermutigt. Darüber hinaus findet man in der eigenen Umgebung auch sogenannte Pokestops, zumeist Wahrzeichen oder öffentliche Institutionen, an denen man Pokemonaufkommen in Berlin-Mitte am 10.08.2016 um 11.18 Uhr. Foto: Screenshot Pokemonradar In nur 19 Tagen wurde das Spiel 75 Millionen Mal heruntergeladen. 53

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