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COMPACT-Magazin 09-2016

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COMPACT

COMPACT Leben Pokemon, Google und NSA gratis wichtige Hilfsmittel für das Spiel erhält, wie etwa die zum Monsterfang nötigen Pokebälle. Eine wichtige Funktion haben auch Arenen, in denen man seine gefangenen Wesen gegen die anderer Spieler kämpfen lassen kann. Dazu muss man sich dem roten, blauen oder gelben Team anschließen und gemeinsam mit anderen diese Wettkampfstätten erobern. Die Smombies kommen! 54 «Alle [bei Pokemon Go] erhobenen Daten gehen in den Besitz der amerikanischen Firma Niantic und damit womöglich auch an Google über, sie können wieder an Dritte weitergegeben werden, nicht nur an andere Unternehmen, sondern auch an Behörden oder Geheimdienste. Ob es sich dabei nur um nicht-”personenbezogene” Daten handelt, ist eine Frage des Ver- oder Misstrauens. Die Bestimmungen sind äußerst vage und sehr subjektiv, schließen aber personenbezogene Daten ein: ”Wir könnten jegliche Informationen über Sie (oder über das von Ihnen ermächtigte Kind), die sich in unserem Besitz oder Kontrollbereich befinden, an Regierungen oder Strafverfolgungsbehörden oder private Beteiligte offenlegen (…).” (…) Die Gründer von Google, Sergey Brin und Lawrence Page, waren schon am Anfang der Entwicklung der Suchmaschine gut vernetzt. Neben anderen Sponsoren wurde ihre Forschung an der Stanford University auch von der National Science Foundation, der Nasa und der Darpa, der Forschungsbehörde des Pentagon finanziert. (…) Bekannt wurde, dass Google – die ”gute” Suchmaschine – 2003 seine Technik der NSA zur Verfügung stellte, auch kostenlos.» (Florian Rötzer, Pokemon Go und die CIA, Telepolis, 1.8.2016) Ein Vorbild aus der Tierwelt hat das japanische Phantasiewesen nicht. Foto: The Pokémon Company Bild oben rechts: In den 23 Filialen der Volksbank Neuss darf das Pokomon nicht gesucht werden. Foto: picture alliance / dpa _ Alexander Markovics studiert Geschichte in Wien. Wer sich nicht die Zeit nehmen will, seine Umgebung abzugrasen, kann sich die Hilfsmittel einfach kaufen – das ist der Grund, warum die Kassen bei Nintendo klingeln. Aber auch andere wollen Reibach machen: Findige Geschäftsleute und sogar Banken auf der ganzen Welt werben damit, dass sie Lockmodule für Pokemon in ihren Räumlichkeiten installiert hätten, um so neue Kunden anzuziehen. In den USA sind schon erste Fälle bekanntgeworden, wo Kriminelle auf dieselbe Weise Spieler an entlegene Plätze gelotst und ausgeraubt haben. In Guatemala wurde einer sogar mithilfe eines Pokestops in einen Hinterhalt gelockt und erschossen. Darüber hinaus hat die Tatsache, dass man mit seiner Handykamera quasi die ganze Zeit das eigene Umfeld ausspioniert (die Daten werden dabei an den Entwickler Niantic übermittelt), das Interesse der Geheimdienste geweckt (siehe Infobox). Als Gegenmaßnahme wurde in Israel und Indonesien Pokemon Go auf Militärbasen sowie im diplomatischen Dienst verboten. Im Iran wurde es gänzlich aus der Öffentlichkeit verbannt. Auch die Bundeswehr ist alarmiert, wie die Süddeutsche Zeitung in Bezug auf eine Dienstanweisung berichtete. Befürchtet wird, dass feindliche Agenten, als Monsterjäger getarnt, Aufnahmen von militärischen Sperrbezirken machen könnten. Und wenn eigene Soldaten Pokemon Go spielen, seien sie nicht nur lokalisierbar, sondern könnten auch durch Schnappschüsse Geheimnisse aus dem Innern der Armee preisgeben. Die Bundeswehr befürchtet, dass Agenten, als Monsterjäger getarnt, militärische Einrichtungen ausspionieren. Mit den virtuellen Pokemon tauchen immer mehr ganz reale Smombies (eine Wortschöpfung aus Smartphone und Zombies) auf: Spieler, welche von der Monsterjagd so gebannt sind, dass sie ihre Umgebung komplett aus den Augen verlieren. So wurde in den Medien von Unfällen berichtet, weil Nutzer der App bei der virtuellen Hatz den Straßenverkehr nicht mehr im Auge behielten. Auf Autobahnen kam es zu Staus, nachdem sich plötzlich eine Meute von Jägern auf offener Fahrbahn versammelt hatte. In Kalifornien stürzten zwei Smombies von einer Klippe – und damit in den Tod. Virtualität frisst Realität Aber auch im «Normalbetrieb» sind die Auswirkungen des Hypes auf das soziale Zusammenleben besorgniserregend: Zwar animiert das Spiel in der Theorie zum Rausgehen und Herumspazieren, zur Monsterjagd mit anderen – und scheint damit die stubenhockenden Nerds endlich einmal unter Leute zu bringen. Doch die Praxis sieht zum Teil ganz anders aus: So ist es möglich, mit einem entsprechend präparierten Handy seinen Standort zu manipulieren und der App den Aufenthalt an jedem beliebigen Ort auf der Welt zu suggerieren. Damit kann man die Monster ganz bequem vom Sofa aus jagen. Darüber hinaus verlieren die Nutzer durch das ständige Kleben am Bildschirm den Blick und vor allem das Gespür für das echte Leben. Es mag zwar beeindruckend sein, dass viele Hamburger durch Pokemon Go zum ersten Mal den Weg zum Bismarck- Denkmal finden. Aber was bringt der Ausflug, wenn man nur dorthin geht, um ein Pikachu zu fangen – und hinterher über den Reichskanzler so wenig weiß wie zuvor? Das Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. jedenfalls hat sich schon über den neuen Auflauf uninteressierter Klientel beschwert… Letztlich wird durch immer raffiniertere elektronische Spiele eine immer größere Anzahl an Menschen aus der Realität herausgezogen – sie ersetzen das Begreifen wirklicher Genüsse und Gefahren durch deren fade Surrogate. Aber der Sex-Clip auf dem Handy kann niemals die Berührung eines Mädchens ersetzen – und die schrecklichsten Monster auf dem Display lenken nur ab von den Selbstmordbombern und Machetenmännern, die uns bedrohen. Wie soll die «Generation Pokemon Go» der «Generation Dschihad» standhalten?

COMPACT Leben Edle Wilde _ von Harald Harzheim Der Naturbursche Tarzan verkörperte von Anfang an das Gegenbild zur westlichen Zivilisation, zunächst sogar unter Einschluss kannibalischer Essgewohnheiten. Mittlerweile kommt der Lianenschwinger politisch-korrekt rüber und darf sogar den Aufstand gegen den weißen Mann anführen. Die Qualität eines Tarzan-Filmes steht und fällt mit der Darstellung des Dschungels: Wie weit gelingt es, die Verlockung der Wildnis zu visualisieren, dem Ungebändigten einen Raum zu schaffen? Kein Zufall, dass der beste dieser Filme, Tarzan and his Mate (1934), von Chef-Designer Cedric Gibbons gedreht wurde. Auch der aktuelle Blockbuster The Legend of Tarzan (2016) kontrastiert langweilige Aufnahmen vom London des 19. Jahrhunderts mit fiebrigen Dschungeltrips: Anschnallen, liebe Zuschauer, Sie rasen mit 3-D-Brille zwischen Bäumen, fallen in tiefe Schluchten, schwingen über scharfkantige Felsen, knallen auf harte Lehmböden, tauchen in dunklen Gewässern. Die Kamera wirbelt umher, bald gibt es kein Oben und Unten mehr. Und an jeder Ecke lauern wütende Bestien, Menschenaffen, Raubkatzen, durch Computeranimation riesengroß – der Dschungel als entzäunter Jurassic Park. Wenige Sonnenstrahlen erhellen seine schattige Wirrnis, Regen und Wasserdampf lassen tropische Hitze spüren – dieser Urwald ist ein Drogentrip, eine Reise in den inneren Dschungel. Frisch, fromm, fröhlich, frei Dieser Sehnsucht des Zivilisationsmenschen nach ungezähmter Natur, nach rauschhafter Wildnis entsprang auch der erste Tarzan-Roman, geschrieben von Edgar Rice Burroughs. Er erschien 1912, in einer Zeit also, als Lebensreformer gegen die Zumutung städtischen Lebens Sturm liefen: Schluss mit Lärm, Abgasen, Rauch, enger Kleidung und tristen Mietskasernen! In den USA glorifizierte Henry D.Thoreau in Walden (1854) das Ideal vom Einzelgänger in der Waldhütte. Romane wie Rudyard Kiplings Das Dschungelbuch (1894/95) oder Henry De Vere Stacpooles Die blaue Lagune (1908) feierten die Jugend außerhalb der Zivilisation, träumten von der Robinsonade. In Deutschland zogen Aussteiger aufs Land, praktizierten FKK und Vegetarismus. Nicht nur der Körper, auch die neurotisierte Seele sollte im «Natürlichen» Heilung finden. Wie sehr diese Bestrebung seinerzeit mit Burroughs’ Herrn des Dschungels in Verbindung stand, zeigt eine Tarzan und Jane als frühes Aussteigerpärchen – mit freier Liebe bis zur Erschöpfung… Im Dschungel-Camp: Der Schwede Alexander Skarsgård verkörpert den Dschungelkönig. Foto: Warner Bros. Entertainment Inc. 55

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