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COMPACT-Magazin 09-2016

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Jagd auf Phantome _ von

Jagd auf Phantome _ von Bernd Schumacher Das Bild täuscht: Rumgeballert wurde bei Derrick so gut wie nie. Foto: picture-alliance/ dpa 58 «Derrick» ist die weltweit meistverkaufte Fernsehserie aus deutscher Produktion – aber das ZDF hat jetzt wohl beschlossen, sie für immer von den Bildschirmen zu verbannen. Der Grund: Hauptdarsteller Horst Tappert war Mitglied der Waffen-SS. «Harry, hol’ schon mal den Wagen» wurde zum geflügelten Spruch. Doch der Satz ist in der Serie nie gefallen, sondern stammt wahrscheinlich aus der Vorgängerreihe «Der Kommissar». Foto: picture-alliance / dpa Das Dritte Reich ist schon lange Geschichte, aber der sogenannte Widerstand gegen dieses Phantom wächst täglich. So wurden in letzter Zeit ein 94-jähriger Wachmann, ein 95-jähriger Sanitäter und eine 91-jährige Fernmelderin unter dem Beifall interessierter Kreise für 260.000fache Beihilfe zum Mord vor Gericht gezerrt. Ob die greisen Angeklagten tatsächlich tatbeteiligt waren, spielt für die bundesdeutschen Gerichte seit dem Münchner Demjanjuk-Prozess keine Rolle mehr. Hauptsache, man kann den Beklagten in irgendeinen raumzeitlichen Zusammenhang mit einem Konzentrationslager bringen – den Rest richten willfährige Richter. Nach dem Sendestart 1973 ermittelte Oberinspektor Derrick 24 Jahre lang in sage und schreibe 281 Folgen. Nun hat es, nach Hardy Krüger, zum zweiten Male eine TV-Ikone erwischt. Nicht ein Gericht, sondern eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt hat ein Urteil gesprochen und vermag es offenbar nicht mehr mit ihrem hohen moralischen Anspruch zu vereinbaren, dass einer ihrer beliebtesten Stars einst bei der SS diente. Die Bild-Zeitung berichtete Mitte Juli, dass das ZDF nie mehr Episoden von Derrick ausstrahlen werde, weil Hauptdarsteller Horst Tappert Mitglied der Totenkopf-Division war. «Das ZDF plant derzeit, keine Wiederholungen auszustrahlen», bestätigte auch ein Sprecher des Senders. Allerdings gebe es keine Entscheidung über eine künftige Ausstrahlung von Derrick-Wiederholungen. Schuldig bei Verdacht Die Tatsache ist seit 2013 bekannt: Tappert – genau wie Derrick-Erfinder und Drehbuchautor Herbert Reinecker – kämpfte an der Ostfront. Die 14. Kompanie des SS-Panzergrenadier-Regiments 1 wurde im Frühjahr 1943 in den Raum Charkow verlegt, wo die Wehrmacht die strategisch wichtige ukrainische Metropole zurückeroberte. Tappert war damals gerade 19 Jahre alt und schob Geschosse in Geschützrohre. Über seine Zeit im Militärdienst schwieg er sich zeitlebens aus. In seinen Memoiren, die 1998 unter dem Titel Derrick und ich erschienen, bezeichnete er die Jahre als «verloren». Auch seinen Kindern scheint er nichts berichtet zu haben, Zeitzeugen haben sich nie zu Wort gemeldet. Sein Kamerad Reinecker, der bis zu seinem Tod 2007 zu ihm hielt, vermied es ebenfalls, ein Sterbenswörtchen über die gemeinsame Zeit auszuplaudern. Offenbar hatten

COMPACT Leben die beiden Freunde sich gegenseitig ein Schweigegelübde auferlegt, das sie nach dem Wahlspruch «Unsere Ehre heißt Treue» bis zum Ende befolgten. Reinecker hatte als Mitglied einer Propagandakompanie der Waffen-SS an vielen europäischen Kriegsschauplätzen gedient und setzte aus den Kampfgebieten Artikel für die Hitlerjugend-Zeitschriften Der Pimpf und Junge Welt (nicht zu verwechselns mit dem späteren Zentralorgan der Freien Deutschen Jugend in der DDR!) ab. Nach 1945 machte der Kriegsberichterstatter als Drehbuchautor Karriere. Streifen wie Canaris oder Der Stern von Afrika befassten sich in den 1950er Jahren noch mit der jüngsten Vergangenheit, doch danach wendete sich Reinecker ganz der leichteren Unterhaltung zu. Die Edgar-Wallace-Filme der 1960er Jahre, Der Kommissar in den 1970ern und Das Traumschiff in den 1980ern sind Meilensteine seines Schaffens. In diese Zeit fällt auch die Geburtsstunde von Stephan Derrick. Nach dem Sendestart 1973 ermittelte der Oberinspektor 24 Jahre lang in sage und schreibe 281 Folgen, für die Erfinder Reinecker sämtlich verantwortlich zeichnete. Derrick ist bis heute die meistverkaufte Fernsehserie aus deutscher Produktion. Auf den internationalen Branchenmessen rissen Einkäufer aus 100 Ländern dem ZDF die Folgen aus der Hand. «Mein Vater muss sich nach seinem Tod öffentlich diffamieren lassen!» Ralph Tappert Als vor drei Jahren die SS-Vergangenheit des Fernsehlieblings ruchbar wurde, reagierten außer dem ZDF auch Stationen in Holland, Belgien und Frankreich mit Absetzungen beziehungsweise Stopp der Wiederholungen. Doch wenn jetzt Derrick für immer unter die Zensur fallen sollte, trüge dies geradezu groteske Züge: Das Verbot betrifft dann nicht nur bestimmte politische Ansichten, sondern auch gänzlich unpolitische Unterhaltung, an deren Produktion aber einer der unkorrekten «Gedankenverbrecher» beteiligt war… «Hass» zu bekämpfen, verfallen die Zensoren in Politik, Medien und «Zivilgesellschaft» auf immer neue Mittel, missliebige Meinungen und eben auch Biographien zu diffamieren. Die Empörung der Zuschauer Umso größer war die Welle der Empörung in der Derrick-Gemeinde. Sohn Ralph Tappert gab gegenüber Bild zu Protokoll: «Mein Vater muss sich nach seinem Tod öffentlich diffamieren lassen! Eine tolle Honorierung eines Gentleman, der immer integer war.» Auch Assistent Harry alias Fritz Wepper verstand die Entscheidung des Senders nicht. «Man muss eine persönliche Vergangenheit auch immer im Verhältnis zur damaligen Zeit einordnen», erklärte er. «Ein Stück TV-Kult, das Millionen mögen, zu verdammen, weil die Geschichte eines Darstellers Fragen aufwirft, halte ich für übertrieben und eine Bevormundung der Zuschauer.» Der ehemalige ZDF-Redakteur Claus Legal ergänzte: «Ich würde aus heutiger Sicht über Horst nicht so abwertend urteilen. Er hat in seinem Leben danach längst bewiesen, dass er fest auf dem Boden des Grundgesetzes steht.» Die Derrick-Fans entfachten derweil einen regelrechten Shitstorm auf der Netzseite des ZDF. Den Tenor gaben User wie «Oldtimer» vor, der im Forum schrieb: «Diese verantwortlichen Zensoren sollten sich mal fragen, ob sie, wenn sie zur damaligen Zeit gelebt hätten, sich nicht ebenfalls dem System hätten beugen müssen. Aber das wird gar nicht bedacht. Hauptsache, das ZDF kann seine Hände immer schön in Unschuld waschen. Pfui!» Dem ist nichts hinzuzufügen. In der SS-Division Totenkopf bekleidete Tappert den Rang eines Grenadiers. Foto: Bundesarchiv, Bild 101III-Zschaeckel-189-13 / Zschäckel, Friedrich / CC-BY-SA 3.0 / Wikimedia Commons Der Denunziant Den Anfang in der Affäre Tappert machte ein teils als Politikwissenschaftler, teils als Historiker deklarierter Jörg Becker. Der freischaffende Sozialwissenschaftler hängt dem Kulturrelativismus an und eröffnete bereits mit seiner ersten Veröffentlichung Alltäglicher Rassismus: Afro-amerikanische Rassenkonflikte im Kinder- und Jugendbuch der Bundesrepublik (1977) den Reigen der hochnotpeinlichen Inquisition gegen scheinbar harmlose Schriften, die er 1978 mit Die Dritte Welt im Kinderbuch fortsetzte. Diese und ähnliche Vorstöße haben mittlerweile zu Schwärzungen in Pippi Langstrumpf oder Mecki geführt, weil dort Worte wie «Neger» oder «Zigeuner» vorkommen… Der langjährige Gewerkschaftsaktivist Becker sitzt für Die Linke im Stadtrat von Solingen. Im selben Jahr 2013, in dem er der Deutschen liebsten Fernsehkommissar vom Sockel stürzte, hatte er auch versucht, das «Orakel vom Bodensee» zu beschmutzen: In seiner Biographie von Elisabeth Noelle-Neumann schilderte er die renommierte Meinungsforscherin geradezu so, als ob sie die rechte Hand von Joseph Goebbels gewesen sei. _ Bernd Schumacher ist der Sport- und Unterhaltungsexperte von COMPACT. In Ausgabe 8/2016 schrieb er über Götz George. Im angeblich freiheitlichsten Staat auf deutschem Boden ist die Tyrannei auf dem Vormarsch. Hexenjagd, Meinungstabus, Internet-Kontrolle – dies alles vorangetrieben ausgerechnet von den Alt-68ern, die das Establishment wegputzen wollten. Nun sind Rote und Grüne dabei, immer höhere Zäune um ihre ideologischen Spielwiesen zu errichten: Betreten verboten! Je weiter die Geschichte wegrückt, desto mutiger werden deren Zensoren. Beteuerung, Distanzierung, Selbstbezichtigung – das sind gängige Methoden der hiesigen Meinungsmacher, die stark an die schlimmsten Phasen des Kommunismus in der Sowjetunion und in China erinnern. Unter dem pauschalen Vorwand, 59

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