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COMPACT-Magazin 10-2016

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COMPACT Titelthema Gustav Sabac el Cher (1868–1934) soll einer nubischen Scheichdynastie entstammen. Ab 1895 dirigierte er das Musikkorps des Königsberger Regiments von Kronprinz Wilhelm und wurde eine stadtbekannte Persönlichkeit. Foto: Deutsches Historisches Museum Der Ex-Profifussballer Michel Mazingu-Dinzey wurde nach der Teilnahme an einer asylkritischen Demonstration im Juni vom FC St. Pauli zur Unperson erklärt. Foto: Informationen aus Einsiedel (links), Michél Mazingu-Dinzey / Wikimedia Commons (rechts) Gewalt gedroht zu haben. Als das Gymnasium die Diskussionsrunde absagte, war die Begründung jedoch aussagekräftig: «Die Schule ist ein Schutzraum für die Schüler. Ihre Sicherheit hat für mich Priorität», ließ Menell wissen. Nicht nur die Gymnasiasten waren über den grün gestrickten Maulkorb schockiert. Auch Bargteheides Gleichstellungsbeauftragte Gabriele Abel – die nach ihrer Wahl 2011 ausdrücklich auch die Gleichstellung von Migranten als Teil ihrer Aufgabe beschrieb – beschlich bei der Absage ein ungutes Gefühl. «Ich komme aus dem Osten Deutschlands und weiß, was es heißt, wenn Meinungen unterdrückt werden», so die gebürtige Leipzigerin. Demagbo zeigte sich entsetzt über den bunten Totalitarismus. «Ich bin enttäuscht über so viel Hass und Unverständnis. Zur Demokratie gehört die Auseinandersetzung über unterschiedliche Meinungen. Ich finde es sehr enttäuschend, dass die Schulleitung vor demokratiefeindlichen Protesten eingeknickt ist.» Mit Unterstützern zog er vor das Büro der Grünen und trug dort symbolisch das «Demokratieverständnis der Grünen» zu Grabe. Kameruner wollten Deutsche bleiben Achille Demagbo – ein schwarzer deutscher Patriot. Er ist nicht der Einzige. Seit über 100 Jahren fanden Afrikaner die Heimat ihres Herzens in der Mitte Europas. Die ersten verschlug es aus den damaligen deutschen Kolonien in den Norden. Der Kameruner Martin Dibobe kam 1896 in die aufstrebende Hauptstadt des Kaiserreiches. Später arbeitete er als erster schwarzer Zugführer der Berliner Hochbahn. Dibobe sympathisierte offen mit der Sozialdemokratie, setzte sich für die Gleichberechtigung der Afrikaner, ebenso jedoch für die Rückgabe der Kolonien an Deutschland ein. 1919 trat er gegenüber der Weimarer Nationalversammlung als «Vertreter der Eingeborenen aus Kamerun» auf. Deren Wunsch sei: «Deutsche zu bleiben unter Vorbehalt, dass die Wünsche derselben soweit als möglich von der Regierung erfüllt werden.» 1922 verweigerten ihm die französischen Mandatsbehörden die Einreise nach Kamerun. Sie glaubten, er wollte einen prodeutschen Aufstand organisieren. Danach verliert sich Dibobes Spur in Liberia. Die Multikulti-Religion duldet nicht die kleinste Abweichung. Bayume Mohamed Husen kämpfte im Ersten Weltkrieg in Deutsch-Ostafrika in den Reihen der kaiserlichen Schutztruppe. 1929 reiste Husen nach Berlin, arbeitete unter anderem an der Berliner Universität, später für die neokoloniale Bewegung und als Schauspieler an der Seite von Hans Albers. Das beantragte Ehrenkreuz für Frontkämpfer verweigerte die Nazi- Regierung – ebenso wie seine Einberufung zur Wehrmacht, der er sich am 3. September 1939 freiwillig anbot. Der Rassismus des braunen Regimes wurde Husen zum Verhängnis. Am 24. November 1944 starb er im Konzentrationslager Sachsenhausen, in das er drei Jahre zuvor wegen sogenannter Rassenschande eingesperrt worden war. Sein Sohn Bodo kam am 9. März 1945 während eines alliierten Luftangriffs auf Berlin ums Leben. Andere Schwarze sahen Deutschland zwar nicht als zweite Heimat, wohl aber als Vorbild. Der spätere US-Bürgerrechtler William Du Bois studierte zwischen 1892 und 1894 in Heidelberg und Berlin bei Max 18

COMPACT Titelthema Afrikaner in der DDR Weber und dem Historiker Heinrich von Treitschke. Seine regelrechte Verehrung galt Reichskanzler Otto von Bismarck. «Er formte aus einer Masse sich zankender Völker eine Nation. (…) Dies ließ mich ahnen, was die amerikanischen Schwarzen tun müssen: mit Kraft und Entschlossenheit unter fähiger Führung voranmarschieren», schrieb Du Bois in seiner Autobiografie über den Eisernen Kanzler. Säuberung in St. Pauli Worte, die rund 100 Jahre später sofort den Bannstrahl des linksgrünen Tugendterrors in Gang setzen würden. Michel Mazingu-Dinzey bekam ihn zu spüren. Zwischen 1994 und 2008 stand er als Fußballprofi in 306 Ligaspielen auf dem Rasen: für Hertha BSC, Eintracht Braunschweig, vor allem jedoch für den FC St. Pauli, den Lieblingsverein der Linken und Antideutschen. 49 Mal ließ er das runde Leder im Netz zappeln. Im Juni besuchte Mazingu-Dinzey einen Freund im sächsischen Chemnitz. Im Vorort Einsiedel demonstrierten seit Monaten Bürger gegen die Überflutung mit Asylforderern. Schlicht aus «Interesse» ging er hin – und reihte sich hinter einem Transparent mit der Aufschrift «Einsiedel übt Kritik an der absurden Politik» ein. Ein Schwarzer unter dunkeldeutschen Nazis? Weit gefehlt: «Es heißt ständig, in Sachsen ist alles rechts oder vieles! Ich kann das nicht bestätigen, zwar habe ich schon verwunderte Blicke gesehen aber ich bin in guten Gesprächen gewesen. Übrigens, bei 1.500 Menschen, ist mir persönlich nichts Rechtes entgegen gekommen», schrieb Mazingu-Dinzey in einem inzwischen gelöschten Facebook-Eintrag. Dass sich Mazingu-Dinzey im Verein NestWerk gegen Drogenkonsum von Jugendlichen, mit dem Verein Global United FC gegen Klimaerwärmung engagiert – es nutzte ihm nichts. Die Multikulti-Religion duldet Ferdinand Lekaboth in Leipzig. Foto: Michael Stürzenberger nicht die kleinste Abweichung – deren willige Vollstrecker am Millerntor warfen die einstige Nummer 6 aus der Altliga-Mannschaft. Per Offenem Brief des Fanclubsprecherrates an «Herrn Mazingu-Dinzey» erfuhr der Geschasste in schroffem Tonfall von seiner Degradierung zur Unperson: «Wir wollen mit Ihnen nichts mehr zu tun haben und erwarten auch keinerlei Auftritte mehr im Dress und im Umfeld des FC St. Pauli.» Anscheinend auftretende Kritik der Fans an seiner Entscheidung prügelte der Sprecherrat umgehend mit der Nazikeule nieder. «Wir werden hier keine Kommentare freischalten, die offen rassistisch sind und versuchen den Begriff Nazi in irgendeiner Weise zu relativieren», hieß es wenige Tage später im Leserforum – tatsächlich ist neben dieser Drohung lediglich ein einziger zustimmender Post sichtbar. Mazingu-Dinzey hielt dem Druck nicht stand. Er betrachte seine Demoteilnahme als «großen Fehler (…), für den ich mich bei jedem entschuldigen möchte», schrieb er in einem regelrechten Kotau vor dem Hamburger Gutmenschenclub. Auch Ferdinand Lekaboth aus Kamerun, Sohn eines Militärattachés, wurde eingeschüchtert. Er war lange bei Pegida in Dresden dabei, spazierte in den ersten Monaten der Bürgerbewegung oft in der ersten Reihe und sprach auch ab und zu vom Lautsprecherwagen. So griff er am 4. Mai 2015 spontan zum Mikrofon und sagte: «Die Leute, die Afrika ausbeuten sind die gleichen, die die Welt und Europa ausbeuten. Wir haben einen gemeinsamen Feind. Deshalb bin ich hier, um dagegen zu kämpfen. (…) Wir wollen keinen Pöbel, keine Verbrecher und keine Mörder – und keine Faulen. Denn Deutschland ist ein Land von Arbeit und Fleiß. Das weiß ich, weil ich hier studiert habe.» Inzwischen ist Lekaboth abgetaucht. Gerüchten zufolge wurde auf seine Familie in der Heimat Druck ausgeübt. Unter den ausländischen Vertragsarbeitern in der DDR befanden sich in den 1980er Jahren auch Afrikaner. Exakte Zahlen sind nicht bekannt, im Wendejahr 1989 beschäftigten DDR- Betriebe allerdings 15.100 Mosambikaner und 1.300 Angolaner. Ihr Aufenthalt war auf fünf Jahre begrenzt und mit einer Berufsausbildung verbunden. Viele der einstigen Vertragsarbeiter denken bis heute gern an ihre Zeit in Ostdeutschland zurück. In Mosambiks Hauptstadt Maputo haben sie einen Club gegründet, vor dessen Gebäude täglich die DDR- Fahne gehisst wird. Bis 2007 existierte im namibischen Windhoek der Ossiclub. In ihm trafen sich namibische Waisenkinder, die in der DDR aufgewachsen waren. Den Sprung in die DDR-Gesellschaft schafften nur wenige Schwarze. Etwa Marcel Obua, der 1989 als erster Afrikaner zum Fernsehmoderator avancierte. Auch die Deutsche Hochschule für Körperkultur in Leipzig stand afrikanischen Studenten offen. 1964 waren 150 Ausländer als Gäste eingeschrieben. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-C0129-0013-001, CC-BY- SA 3.0, Wikimedia Commons «Wir haben einen gemeinsamen Feind.» Ferdinand Lekaboth 19

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