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COMPACT-Magazin 10-2016

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Die Schwarze Hand hinter

Die Schwarze Hand hinter dem Oktoberfestattentat _ von Radek Pokorny 34 Am 26. September 1980 fand der größte Terroranschlag in der deutschen Nachkriegsgeschichte statt – und noch immer sind viele Fragen offen. Im Dezember 2014 hat zwar das Bayerische Landeskriminalamt die Ermittlungen wieder aufgenommen – doch wichtige Akten eines Staatsschützers blieben unter Verschluss. Das Oktoberfest-Attentat gilt als schwerster Terrorakt in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Foto: picture alliance / dpa Der angebliche Bombenleger Gundolf Köhler stand zuletzt den Grünen nahe. Vor 36 Jahren, am späten Abend des 26. September 1980, explodierte eine Bombe am Eingang zum Münchner Oktoberfest-Gelände. 13 Tote und über 200 Verletzte registrierte das Bayerische Landeskriminalamt damals. Sichtlich geschockt trat Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU) noch in der Nacht vor die Presse. Zwar wurde bereits Stunden nach dem Anschlag ein junger Mann namens Gundolf Köhler als Täter benannt. Eine kriminalistische Täterermittlung gelang den Beamten aber nicht, ebenso wenig wie die Bestimmung des verwendeten Sprengstoffs. Das Ermittlungsverfahren wurde am 23. November 1982 eingestellt, weil sich der damals gehegte «Anfangsverdacht, an dem Attentat seien neben dem bei der Begehung der Tat verstorbenen Studenten Gundolf Köhler weitere Personen beteiligt gewesen, nicht hinreichend erhärten ließ» (Bundesanwaltschaft, 7. Dezember 1982). Das Oktoberfestattentat war allerdings sofort von einem wilden Wust an Gerüchten umrankt. Der Chef der Staatsschutzabteilung im Bayerischen Innenministerium, Hans Langemann, ließ in der Nacht der Explosion – gegen Bezahlung – Informationen über die laufenden Ermittlungen an die Presse durchsickern. Allgemein war von einem rechtsterroristischen Anschlag die Rede. Die Gerüchteküche des BND Der darauf folgende Pressewirbel führte die Öffentlichkeit in die Irre. Das Gerücht wurde verbreitet, Karl Heinz Hoffmann und seine Wehrsportgruppe (WSG Hoffmann) steckten als Strippenzieher hinter dem Attentat. Selbst der damalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann verkündete diesen Verdacht öffentlich. Heute wissen wir aus den Unterlagen des damaligen Bundesinnenministers Gerhart Baum (FDP): Alle diese Gerüchte und scheinbar heißen Spuren beruhten auf Fehlinformationen, die vom BND, unter Einbeziehung des italienischen Militärgeheimdienstes, und vom Bundesamt für Verfassungsschutz lanciert worden waren.

COMPACT Politik in der Tatnacht München passiert habe. Man wusste offenbar über Hoffmanns Pläne Bescheid und wollte ihn in das Geschehen verwickeln, auf Teufel komm raus. Neue Spuren, alte Hüte Der bayerische Radiojournalist Ulrich Chaussy war bereits kurz nach dem Attentat aus dem Sicherheitsapparat heraus mit Akten zu dem Anschlag versorgt worden und hatte in den Jahrzehnten danach die These von der «rechten Spur» in zahllosen Rundfunkbeiträgen, Artikeln und in einigen Büchern verarbeitet. Vor etwa vier Jahren begann Chaussy mit Hilfe seines Netzwerks, zu dem auch Opferanwälte aus den 1980er- Jahren gehören, Druck auf den Generalbundesanwalt und das Bayerische Landeskriminalamt auszuüben. Das Oktoberfestattentat weise zahlreiche Parallelen zum sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund auf, hieß es. Nicht frei von eigennützigen Absichten forderte er schließlich die Herausgabe der gesperrten Spurenakten zum 26. September 1980. So könne man den Opfern helfen, trug Chaussy vor. Der Film «Der blinde Fleck» (2013) äußert deutliche Zeifel an der Alleintäterschaft Gundolf Köhlers, spart eine mögliche Gladio-Verwicklung jedoch aus. Foto: Ascot Elite Filmverleih Die Sicherheitsbehörden wussten schon wenige Wochen nach dem Attentat viel mehr, als sie der Öffentlichkeit zu sagen bereit waren. Bereits am 14. Oktober 1980 fand im Bayerischen Landeskriminalamt eine Besprechung statt, bei der die behauptete Verwicklung der WSG Hoffmann einhellig als unzutreffend bezeichnet wurde. Der angebliche Attentäter Köhler sei zudem nicht in relevanter Weise mit rechtsradikalen Strukturen verbunden gewesen: Er hatte zwar als Jugendlicher zwei Mal bei Übungen der Wehrsportgruppe teilgenommen und zuvor bereits Kontakt zu einer antikommunistischen Studentenverbindung gehabt. Spätestens ab 1978 waren aber alle diese Verbindungen passé. Im Abschlussbericht der Bundesanwaltschaft aus dem Jahr 1982 heißt es auf Blatt 61: «Bereits zu Beginn seines Militärdienstes (Sommer 1978) – nach anderen Bekundungen erst in der Zeit danach – hat sich Gundolf Köhler – jedenfalls teilweise – von seinen rechtsextremistisch geprägten Vorstellungen ab und mehr den Grünen zugewandt. Bei der Landtagswahl 1980 in Baden-Württemberg soll er diese Partei gewählt haben.» Man wollte Hoffmann in das Geschehen verwickeln, auf Teufel komm raus. Geholfen war mit der Freigabe der Akten aber nicht nur den Opfern. Chaussy stieg 2013 zum Leinwandhelden auf; als Protagonist eines Spielfilms wurde er in der Öffentlichkeit als Aufklärer und moralische Autorität gefeiert. Schließlich wurde der Druck auf Generalbundesanwalt Harald Range so groß, dass dieser im Dezember 2014 das Bayerische Landeskriminalamt mit Seit 2012 erinnert dieses Denkmal an der Münchner Theresienwiese an die Opfer des Anschlags. Foto: picture alliance / dpa Auffällig sind die vielen Trugspuren im Umfeld des Oktoberfestattentats. Hoffmann wollte am Abend der Detonation eigentlich mit eigenem Auto- und LKW-Konvoi an München vorbei Richtung Libanon fahren. Eine Teilorganisation der PLO wollte ihm ausgemusterte Bundeswehrfahrzeuge abkaufen. Es war Zufall, dass die Fahrzeuge aus technischen Gründen an diesem Abend nicht vorankamen und er selbst in einer Disco feierte. In Unkenntnis des Zwangsaufenthaltes notierten die Ermittler trotzdem, dass der Wehrsport-Führer 35

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